Edit Inotai, 2018. Foto: BR | Edit Inotai

Freie Mitarbeiterin in Ungarn

Edit Inotai

Vor  einiger Zeit hatte ich im Urlaub eine kleine Identitätskrise. Im Anmeldeformular des Hotels wurde nach meinem Beruf gefragt. Ich arbeitete damals seit kurzem für eine PR-Firma und nicht mehr in den Medien. Ich stellte mir die Frage: Wer bin ich eigentlich? Ich spürte deutlich, dass Journalismus nicht nur mein Beruf, sondern auch meine Berufung ist. Als ich kurz darauf das Angebot bekam, für die ARD als Journalistin in Budapest zu arbeiten, war das für mich eine Chance, in die Welt der Medien zurückzukehren.

 

Ich habe mit 22 angefangen – noch während meines Universitätsstudiums – für die damals größte ungarische Tageszeitung Nepszabadsag zu arbeiten. Als Studentin der Englischen und Spanischen Philologie war für mich das Auslandressort die logische Wahl. Nicht aber für meine Chefs. „Das ist nichts für Frauen“, protestierten die älteren Herren, die mich dann als kurioses Experiment  betrachteten. Nepszabadsag hatte damals eine Million Leser, 120 Mitarbeiter und sieben Auslandskorrespondenten. Die Zeitung war eine Nachrichtenfabrik – und der beste Ort in Ungarn, um den Beruf zu lernen. Mein “Sandkasten” war Lateinamerika, von dort schrieb ich meine ersten Auslandsreportagen.

 

Es war eine ziemlich große Wende in meinem Leben, als die Zeitung entschied, mich nach Berlin zu schicken. Meine erste Wahl wäre damals Rom gewesen. Im Nachhinein gesehen war das allerdings ein großer Glücksfall für mich! Die vier Jahre in Berlin (2003-2007) waren die besten meiner Karriere. Nicht nur habe ich mein Deutsch verbessert, die Muttersprache meiner donauschwäbischen Mutter. Ich habe Deutschland entdeckt und die Menschen da schätzen gelernt. Vor allem aber konnte ich die Vielfalt des journalistischen Berufs kennenlernen: Ich berichtete über Politik und Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft – und sogar über Sport (WM 2006). Zur Krönung meiner Zeit in Deutschland brachte ich 2007 meine Tochter zur Welt.

 

Danach hat sich mein Leben etwas beschleunigt. Nach der Mutterschaftspause wurde ich im Jahr 2009 Auslandschefin von Nepszabadsag. Eine Aufgabe, die permanentes Krisenmanagement von mir forderte: Wegen finanzieller Probleme mussten wir fast alle Korrespondentenstellen im Ausland  aufgeben und gleichzeitig versuchen, der Tendenz zur Boulevardisierung entgegenzuwirken. 2014 reichte ich meine Kündigung ein. Ein Jahr später wurde die regierungskritische Zeitung von der Regierung in einer überraschenden Aktion eingestellt. Ich fühlte mich, als ob ich einen Teil meiner Vergangenheit verloren hätte.

 

Meine Karriere ging ab 2014 beim kleinen aber feinen Wirtschaftsblatt Figyelő weiter, einer der letzten Bastionen des unabhängigen Journalismus in Ungarn. Das Wochenmagazin war berühmt für seine gründlich recherchierten Reportagen und scharfen Interviews. Doch auch das war nicht von Dauer. 2017 wurde Figyelő von einer Geschäftsfrau übernommen, die auch eine Chefideologin des jetzigen Premierministers Viktor Orban ist. Unsere Einschätzungen der Weltgeschichte und der Rolle Deutschlands in Europa lagen sehr weit auseinander. Ich passte nicht mehr zu Figyelő – oder Figyelő nicht mehr zu mir. Ich gab diese Stelle auf und ging zu der erwähnten PR-Firma, um endlich etwas über die Welt des Geschäfts und der Unternehmen zu lernen.

 

Meine intellektuelle Herausforderung ist die Tätigkeit für den kleinen, unabhängigen Thinktank CEID, der sich mit außenpolitischen und europäischen Fragen beschäftigt. Ich arbeite dort als Forscherin und Moderatorin.

Und in der Freizeit? Wenn ein wenig freie Zeit bleibt, dann verbringe ich sie gern mit der Familie und Freunden. Wir sprechen dann kaum über Politik sondern stattdessen über Kinder, Reisen, Theater, Konzerte und Bücher. Am liebsten beim Essen und einem guten Glas Wein …