Dejan Stefanovic (re.) - Interview mit Flüchtlingen in Belgrad 2015. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Freier Mitarbeiter in Serbien und Montenegro

Dejan Stefanovic

Der Balkan, Anfang des 20. Jahrhunderts. Meine Vorfahren, mütterlicherseits Serben aus der k. u. k. Monarchie, väterlicherseits Serben aus dem Reich der Osmanen, sahen ihre Zukunft in der Hauptstadt des jungen Königreichs Serbien. Damit war auch der Grundstein für meine weltliche Existenz gelegt – ca. 50 Jahre später, dieses Mal aber als jugoslawischer Staatsbürger und gebürtiger Belgrader.

 

1969 landen die Amerikaner auf dem Mond und ich im zarten Alter von 5 Jahren in Heusenstamm. Sportsfreunde dürften sich an den Tischtennisverein aus der hessischen Kleinstadt in den 80er Jahren erinnern, an dessen Erfolg auch einige bekannte jugoslawische Spieler beteiligt waren. Meinen Vater, diplomierten Germanisten in gewerkschaftlichen „Gewässern“, brachten die Geschäfte damals nach Deutschland. Meine „Beziehung“ zu Deutschland war damit geschaffen und sie wird, trotz Höhen und Tiefen, nie abbrechen.

 

Den größten Teil meiner Kindheit verbrachte ich in Belgrad, bis ich Ende der 70er den „Radschlag“ zu lernen begann. Natürlich in Düsseldorf, der Wiege der Radschläger. Symbolisch, klar, denn dafür war ich als Gymnasiast wohl schon etwas zu alt.

 

Nach 5 Jahren am Rhein, rief es die Familie wieder in die Heimat. Nach geleisteter Wehrpflicht bin ich intensiv meinem Germanistikstudium an der Uni Belgrad nachgegangen. Den Krieg und Zerfall des Landes, Sanktionen und den wirtschaftlichen Untergang Anfang der 90er Jahre erlebte ich als Deutschlehrer. Deutsch und Deutschland waren in serbischer Wahrnehmung nicht gerade beliebt, aber die Alternativen waren rar und der Staat fast der einzige sichere Arbeitgeber.

 

„Was mich nicht umbringtmacht mich stärker“. Als aktiver Teilnehmer dreimonatiger Straßenproteste der Opposition gegen die Wahlfälschung des Milosevic-Regimes treffe ich, man nenne das Zufall oder Schicksal, eine Bekannte aus der Studienzeit, die für einen ziemlich frisch aus Deutschland eingetroffenen, in Belgrad sesshaften Journalisten arbeitet. So lerne ich meinen Freund Henryk Jarczyk kennen, den ersten ständigen ARD Hörfunkkorrespondenten in Jugoslawien. In dieser turbulenten Zeit bin ich anfangs nebenberuflich als Unterstützung und Vertretung für das kleine Hörfunk Team da. Später wird die Zusammenarbeit ausgedehnt, seitdem bin ich mit Leib und Seele dabei.

 

Hänsel und Gretel?

Im Januar/Februar 2000 gelangt aus dem rumänischen Goldverarbeitungswerk Baja Mare Zyanid verseuchtes Wasser über Nebenflüsse in die Theiß und fließt durch Ungarn nach Serbien und dort in die Donau. Die Giftwelle zerstört alles Lebendige im Fluss.

 

Der erste Jahrestag des Zwischenfalls bringt die damalige Korrespondentin Susanne Glass und mich in ein serbisches Dorf an der Theiß. In der Reportage soll über die Lage und eventuelle Konsequenzen für die Bewohner berichtet werden. Nach mehreren Gesprächen bzw. Interviews mit Dorfbewohnern, angetan von der Gastfreundschaft in Form von (noch giftigen?) frischen Fischfrikadellen und selbstgemachtem Schnaps, merken wir, dass wir keinerlei Atmo haben. Es ist Winterzeit, die Tage kurz, mit der einbrechenden Dunkelheit wird es kühl… Folge: Keine Seele auf der Straße!

 

Der Fluss könnte die Rettung sein, dachten wir. Die Theiß ist in der pannonischen Ebene eher ein ruhiges Wasser, aber trotzdem, wir wollen es versuchen. Als geeignete Stelle, ans Wasser zu kommen, wird uns der sogenannte Dorfstrand empfohlen. Also nichts wie hin. Der „Strand“ mag im Sommer ein Sandstrand sein, aber zu dem Zeitpunkt erwies er sich als gewöhnliches Ufer. Es ist schon ziemlich finster, der Wasserpegel des Flusses scheint auch etwas gesunken zu sein, das Wasser hat sich zurückgezogen.

 

Es gibt jetzt kein Zurück mehr, koste es, was es wolle. Mit jedem Schritt Richtung Wasser wird der Boden weicher. Die letzten paar Meter stecken unsere Schuhe bereits einige Zentimeter tief im Schlamm. Wenn es so weiter geht, versinken wir bis zu den Knöcheln. Obwohl sie es noch schwerer hatte – ihre höheren Stiefelabsätze mussten bei jedem Schritt aus dem Schlamm befreit werden – stakte Susanne ganz bis zum Wasser vor. Eine leichte Brise schlug kleine Wellen, das Plätschern wurde aufgenommen. Schuhe mit Taschentüchern notdürftig geputzt, wieder ins Auto, bis Belgrad haben wir noch 1 Stunde Fahrzeit.

 

Das kleine Studio des ARD Hörfunks befand sich in einem für damalige Verhältnisse luxuriös ausgestattetem Bürohaus, in dem auch einige Botschaften untergebracht waren, damals für uns aus Sicherheitsgründen und wegen der stabilen Stromversorgung notwendig. An der Rezeption vorbei, durch die Lobby zum Aufzug, ab ins dritte Stockwerk. Aufnahmegeräte dort gelassen, Nachrichtenlage gecheckt… Feierabend, die Reportage wird am nächsten Tag gemacht. Wieder auf dem Flur, haben wir etwas zu sehen: Jeden halben Meter, von unserer Bürotür Richtung Fahrstuhl, sind auf dem sauberen, glänzend grünen, tiefen Teppichboden trockene Schlammklumpen und -Spuren zu sehen. Offenbar aus unseren Schuhsohlen herausgefallen. Im Fahrstuhl die gleiche Situation. Wie Hänsel und Gretel folgen wir unserer „ungewollten“ Spur. Vom rettenden Ausgang trennt uns aber die Lobby und an ihrem Ende die Rezeption. Peinlich. Die Putzfrauen werden wohl eine extra Schicht einlegen müssen. „Guten Abend“, das Grinsen der beiden Rezeptionisten verrät uns, dass wir doch „ertappt“ wurden. Worte sind überflüssig, das Kichern verkneifen wir uns, bis wir draußen sind. Wozu wir alles bereit sind, denken wir uns, nur um ein paar Sekunden Sound für unsere Reportage aufzunehmen. Die Kosten für außerordentliche Reinigungsarbeiten wurden uns freundlicherweise nicht in Rechnung gestellt.