Astrit Ibro (re.) – Interview mit einem Journalisten von Radio Tirana über die Medienlandschaft in Albanien. Foto: BR | Astrit Ibro

Freier Mitarbeiter in Albanien

Astrit Ibro

Ich wurde an einem Montag, dem 319. Tag des Jahres, in der 46. Kalenderwoche, in der größten albanischen Hafenstadt Durres, am 15. November 1954  geboren. Mein Vater kehrte zweimal in das Entbindungsheim zurück, um zu fragen, ob ich ein Bube oder ein Mädel war, weil er unsicher war, ob er von der Hebamme das Wort cun (Junge) oder cupe (Mädchen) hörte. Zwei Jahre später kehrte meine Familie in ihre kleine Heimatstadt Corovoda (die Übersetzung bedeutet „wie schwarzes Wasser“) zurück.

 

Dort wuchs ich auf; habe ich die Volksschule besucht, das Abitur gemacht und Fußball für die Mannschaft meiner Stadt gespielt, was mir die Möglichkeit gab,  die meisten albanischen Städte zu besuchen. Meine Kindheit war schön und ich konnte die beiden Flüsse unserer Stadt, die Canyons, eine alte und interessante Höhle besuchen. Im Sommer musste ich arbeiten, um meiner Familie zu helfen, bis ich zum Studium nach Tirana ging. Mein Wunsch war, Philosophie oder Ingenieurwesen für Chemie und Elektrotechnik zu studieren. Man berücksichtigte  jedoch in der kommunistischen Zeit leider nicht die Wünsche des Einzelnen, sondern die Bedürfnisse des Staates.  Der schickte mich zum Physikstudium nach Tirana. Doch zwei Monate später wurde eine Gruppe albanischer Studenten gebildet, die in China studieren sollte. Dazu gehörte ich auch. Ich dachte, endlich wird mein Wunsch erfüllt und ich werde Ingenieurwesen studieren. An der Pekinger Universität durfte ich weder Chemie, noch Ingenieurwesen studieren, sondern Germanistik. Ich war nicht begeistert. Fremdsprachen waren für mich keine „Liebe“. Ich hatte in der Mittelschule Russisch gelernt. Albanien war völlig isoliert,  und ich dachte damals dass ich Fremdsprachen sowieso nicht gebrauchen könnte. Trotzdem habe ich diese Herausforderung angenommen und Deutsch in China gelernt.

 

Zuerst habe ich im Pekinger Spracheninstitut ein Jahr Chinesisch gelernt und dabei habe ich erfahren, dass ich nach dem chinesischen Horoskop  im Jahr des Holz-Pferdes zur Welt gekommen bin. Dann studierte ich dreieinhalb Jahre Germanistik an der Pekinger Universität, bei einer netten deutschen Hochschullehrerin, Frau Katherine Dschao, einer Deutschen, die 1945 Berlin verlassen hatte und in die Schweiz auswanderte, wo sie einen chinesischen Chemieprofessor kennenlernte und heiratete. Im Frühjahr 1978 kehrte ich nach Albanien zurück. Zwei Monate habe ich darauf gewartet, wohin mich die Regierung schicken würde. Dann stand fest:: Zu Radio Tirana.

 

In der deutschen Redaktion von Radio Tirana sollte ich Nachrichten, Artikel, Kommentare und Beiträge ins Deutsche übersetzen. Mehr als zwei Jahre habe ich in einem Büro mit dem Übersetzer des bekannten albanischen Schriftstellers, Ismail Kadare, Joachim Röhm, gearbeitet, der mir sehr geholfen hat. Ich erinnere mich an die ersten Übersetzungstexte: „Grammatikalisch ist es ok, es kling jedoch nicht Deutsch“ – sagte mir Joachim. Zwei Monate später musste ich den offenen Brief des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Albaniens an das ZK der Kommunistischen Partei Chinas ins Deutsche übersetzen. Dieser Brief besiegelte das Ende der politischen Ehe zwischen Albanien und China.

 

Das kommunistische Regime um Enver Hoxha regierte mit eiserner Hand über 45 Jahre lang. Am 2. Mai 1990 kam zum ersten Mal der  UN-Generalsekretär, Javier Peres de Cuellar zu einem Besuch nach Tirana. Das war ein guter Anlass auch für ausländische Journalisten, nach Tirana zu kommen.  In Tirana habe ich Johannes Grotzky kennengelernt, der später die Idee für eine Producer-Gruppe auf dem Balkan hatte. Dies war auch der Anfang meiner Arbeit für ARD, die mir bis heute Spaß macht.

 

Im Herbst 1990 war ich mit der Unterstützung der deutschen Botschaft in Tirana zu einer Fortbildung im Goethe-Institut in München, wo ich auch durch die deutschen Medien den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes und die Zulassung des politischen  Pluralismus verfolgt habe. Zwischen 1991 und 1992 machte ich die erste TV-Erfahrung im albanischen Staatsfernsehen, wo ich einen Deutsch-Sprachkurs „Alles Gute“ vorbereitet und moderiert habe.

 

Die 90er Jahre waren in Albanien sehr intensiv: Ich habe für deutsche und albanische Delegationen gedolmetscht, was mein Hintergrundwissen enorm erweiterte. Die Unruhen im Frühjahr 1997 waren für das Land tragisch, doch  journalistisch eine gute Erfahrung genauso wie die Kosovo-Krise, als Albanien innerhalb von zwei Wochen über eine halbe Million Kosovo-Albaner aufnahm.

 

Parallel zu meiner journalistischen Tätigkeit habe ich auch mit Analysen, Kommentaren und Übersetzungen für deutsche Stiftungen in Tirana neue Erfahrungen gesammelt. Diese Erfahrung konnte ich auch in Radio Tirana gut gebrauchen, um Radio Tirana von einem Sprachrohr der kommunistischen Propaganda zu einem neutralen Informationsradio umzugestalten. Für die  Hörfunk- und TV-Kollegen der ARD verfolge ich alle wichtigen Ereignisse in Albanien. Ich habe aus dieser Zusammenarbeit nicht nur viel gelernt, sondern auch mit vielen ARD-Kollegen gute Freundschaften geschlossen.