Blick auf Belgrad - im Hintergrund (r.) die Kathedrale des hl. Sava auf dem Vracar. Foto: picture alliance | dpa

Blick auf Serbien von Zoran Ikonic (freier Mitarbeiter Belgrad)

Noch vor der Feier seines 18. Geburtstags hat mein Sohn Nikola schon in vier Ländern gelebt, ohne dass er seine Geburtsstadt Belgrad verlassen hat: Er kam 1989 zur Welt. In einem Land, das damals Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien, SFRJ, hieß. Also im alten, großen Vielvölkerstaat Jugoslawien. 1992 wurde dieses Land in Bundesrepublik Jugoslawien umbenannt. Bestand jetzt nur noch aus Serbien und Montenegro. Was es eigentlich logisch machte, dass Anfang 2003 die Staatengemeinschaft Serbien und Montenegro ausgerufen wurde. Davon blieb nach dem Referendum über die Unabhängigkeit Montenegros im Jahr 2006 nur noch Serbien übrig. Bestehend aus dem Kernland und den zwei Provinzen, Vojvodina im Norden und Kosovo im Süden. Im Jahre 2008 ist dann auch Kosovo mit seiner mehrheitlich albanischen Bevölkerung „abhanden gekommen“.

 

Unser Nachbar Mirko ist 93 Jahre alt und hat – ebenfalls ohne dafür je umzuziehen – nicht nur in den vier schon genannten, sondern noch in zwei weiteren Ländern gelebt. Nämlich im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ausgerufen 1918, und im Königreich Jugoslawien, ausgerufen 1929. “ Nicht schlecht“, meint Mirko, „das Privileg zu haben, in einem einzigen Leben so viele Länder aus nächster Nähe kennenlernen zu dürfen“.

 

Von den verschiedenen Staatsformen und -namen sind uns eine Menge von alten Pässen, Urkunden, Ausweisen und wertlosen Geldscheinen geblieben, viele davon längst vergessen. Unvergessen und umso wertvoller ist ein Netzwerk von Freunden und (Wahl-)Verwandten in den vielen Teilen des ehemals gemeinsamen Landes.

 

 

Wir verständigen uns in einer Sprache (früher serbokroatisch genannt), die linguistisch ein und dieselbe ist, jetzt aber politisch in vier Varianten existiert: montenegrinisch, bosnisch, kroatisch und serbisch.

 

Und genauso wie Serbien die treibende Kraft bei der Entstehung eines gemeinsamen südslawischen Staates war, einer noblen Idee und einem noblen Projekt, in dem das Nationale weitgehend relativiert wurde – zugunsten des Multiethnischen, Multikulturellen, Multikonfessionellen. So war Serbien, leider Gottes auch, die zerstörerische Kraft. Das Land, das zweifellos die größte Verantwortung für den blutigen Zerfall Jugoslawiens trägt. Das Land, das beim aussichtslosen und eigennützigen Versuch das alte Jugoslawien zusammenzuhalten, fast allen seiner jetzigen Nachbarn großes Unheil gebracht hat.

 

Das heutige Serbien hat vieles nachzuholen. Es muss daran arbeiten, das Vertrauen seiner Nachbarn wiederzugewinnen. Es muss an seinem Image arbeiten und sich gegenüber den EU-Staaten entsprechend positionieren. Damit es, wie von der offiziellen Politik in Belgrad angestrebt, in sechs bis acht Jahren EU-Mitglied werden kann.

 

Denn Serbien hat auch ein anderes, freundliches, weltoffenes, schönes Gesicht zu zeigen. Etwa die gute Musik (vor allem serbische Brass-Musik, auch Balkan Brass genannt), die das berühmt-berüchtigte Belgrader Nachtleben prägt. Es gibt ein breites Kulturangebot mit einer großen Auswahl von Theater- und Filmfestivals.

 

Und vor allem: Die schönen Gesichter der serbischen Frauen! Dazu eine kleine Anekdote von einer in den USA lebenden serbischen Schauspielerin. Sie hat in einer Fernsehshow erzählt, was ihr italienischer Ehemann sagt: Der Liebe Gott hat sich bei der Schaffung der serbischen Frauen detailverliebt volle 6 Tage und 23 Stunden Zeit gelassen. Dann erst wurde ihm bewusst, dass er auch den serbischen Mann zu erschaffen hat…

Blick auf Serbien von Dejan Stefanovic (freier Mitarbeiter Belgrad)

Serbien ist „der Osten des Westens und der Westen des Ostens“ soll der Heilige Sava, Vater der Nation, noch im Mittelalter gesagt haben. Ob er das wirklich gesagt hat oder nicht, sollen die Wissenschaftler klären. Seit Urzeiten an den Kreuzungen der Wege, zwischen Byzanz und Rom, dem Osmanen Reich und dem westlichen Christentum, ist Serbien Zielscheibe der Eroberer. „Ich habe mir alles mehr orientalisch vorgestellt“, war aber der erste spontane Eindruck einer deutschen Kollegin, die in Belgrad zum ersten Mal den serbischen Boden betreten hat. Das zeugt nur davon, dass für viele Gäste aus dem Ausland Serbien noch immer mystisch und unerschlossen, eben eine Unbekannte ist.

 

Die Menschen sind entspannter, für alles hat man Zeit. Sich mit den Freunden und Bekannten zu treffen, ist wichtig, oft bei einem Schwätzchen in der Mittagspause. Auch Geschäftspartner trifft man tagsüber gerne in den zahlreichen Kaffeehäusern (kafana), die sich zur regelrechten Institution des gesellschaftlichen Lebens entwickelt haben.

 

Wie andere nationale Küchen ist auch die serbische nicht homogen. Den größten Einfluss hatten vor allem die mitteleuropäische, ungarische und österreichische, aber auch die östliche, besonders türkische und arabische Küche. Einige Vor- und Hauptspeisen sowie Salate sind in der serbischen Variante auch überregional beliebt, und man sollte sie besonders in Serbien probieren: Sarma, Serbische Bohnensuppe, gefüllte Paprika, Karadjordje-Schnitzel, Leskovacka muckalica, Svadbarski kupus, Gibanica, Proja, Kajmak, Ajvar, Sopska-Salat, eingelegte Paprika…

 

Menschen aus der Region um die ostserbische Stadt Pirot gelten als besonders geizig, weshalb es viele Witze darüber gibt: „Was machen Menschen aus Pirot, wenn sie frieren? Sie setzen sich um eine Kerze. Und was machen sie, wenn sie besonders stark frieren? Sie zünden diese Kerze an“.

Serbien ist stolz auf seine Geschichte, Tradition, Kultur und Menschen, die sich als Angehörige des serbischen Volkes fühlen oder gefühlt haben oder die in Serbien gewirkt haben: Rastko Nemanjic bzw. Heiliger Sava (erster serbischer Erzbischof, Staatsmann und Aufklärer), Karadjordje (Freiheitskämpfer), Nikola Tesla (Wissenschaftler und Erfinder), Ivo Andric (Schriftsteller), Mihajlo Pupin (Wissenschaftler und Erfinder), Milutin Milankovic (Mathematiker, Geophysiker und Astronom), Milos Crnjanski (Schriftsteller), Radomir Putnik und Stepa Stepanovic (Heerführer im I Weltkrieg), Aleksandar Tisma (Schriftsteller), Sava Sumanovic (Maler), Milorad Pavic (Schriftsteller)… da sind auch jüngere Zeitgenossen wie Novak Djokovic (Sportler), Goran Bregovic (Musiker und Komponist), Emir Kusturica (Filmemacher)…

 

Der tragische Zerfall Jugoslawiens, Sanktionen, NATO-Bombardierung haben sich sehr negativ auf die Entwicklung Serbiens ausgewirkt. Die Transformation des Landes kam zeitweise zum Stillstand und ist noch immer nicht ganz abgeschlossen. Die anfällige serbische Wirtschaft, die sich zu erholen begann, traf die Weltwirtschaftskrise besonders stark, die Auswirkungen sind jetzt noch spürbar. Die zwei größten Probleme, die den Durchschnittsserben heute belasten sind der relativ niedrige Lebensstandard und die hohe Arbeitslosigkeit. Als EU-Kandidat, der neulich die Beitrittsgespräche begonnen hat, hofft Serbien, vieles mit großen Schritten nachholen zu können.

 

Jenen, die ihren ersten Kontakt mit Serbien über den Besuch in der Hauptstadt Belgrad herstellen, empfehle ich auf die Belgrader Festung zu gehen und über der Mündung der Save in die Donau die Ausstrahlung der über 7000 Jahre alten Stadt auf sich wirken zu lassen. Vielleicht wird dann klarer, warum die Stadt über 40 mal in ihrer Vergangenheit dem Erdboden gleichgemacht wurde. Ein Muss sind die Klöster, die über das ganze Land verstreut sind, von der pannonischen Ebene im Norden bis zur Grenze nach Mazedonien, mittelalterliche Festungen entlang der Donau sowie archäologische Fundstätten des alten Roms – immerhin wurden auf dem Territorium des heutigen Serbiens 15 römische Kaiser geboren. Mein Favorit unter den Klöstern ist Manasija, ein Wehrkloster, umgeben von einer Verteidigungsmauer mit 12 Türmen. Für Jüngere und solche, die sich so fühlen, empfehle ich das Exit-Musikfestival, das auf der Festung Petrovaradin über der Donau ausgetragen wird und bereits zu den besten der Welt zählt.

Lade Inhalte

Autor: Lade Inhalte
0:00 | 0:00