Der Parlamentspalast in Bukarest. Foto: BR | Karin Straka

Blick auf Rumänien von Herbert Gruenwald (freier Mitarbeiter in Bukarest)

Splitter von einem rumänischen Kerbholz

 

Was mein Leben in Rumänien ausmacht, ist im Grunde nicht anders als das, was Leben generell ausmacht, nämlich tagtäglich zu lachen und tagtäglich zu weinen, eine Berg- und Talfahrt wie überall. Das Auf und Ab hierzulande scheint mir aber abrupter als anderswo. Vielleicht weil der Dadaismus, den Tristan Tzara auf der Flucht vor dem Ersten Weltkrieg aus seiner Heimat nach Europa mitgebracht hatte, auch heute noch in Rumänien fröhliche Urstände feiert. Wie ein fernes Echo hallt es nach: Dada war immer schon da in den Provinzen Moldau, Walachei und Transilvanien! Und das Echo spricht natürlich Rumänisch, aber, hört man genauer hin, klingen auch Ungarisch, Deutsch, Jiddisch, Türkisch und Tatarisch, Serbisch, Kroatisch und Albanisch und Armenisch mit, Lippowanisch und ein wenig Huzulisch, und ganz viel Szeklerisch. Lauter Sprachen und Idiome, die in Rumänien leben oder ihre letzten Atemzüge tun.

 

Überall schwingt die verwirrende, widersprüchliche, mehrdeutige Grundmelodie des historischen Dada-Echos mit, in der Politik wie im Alltag, in den Waldkarpaten wie im Kokeltal, im Banat und in der Bukowina genauso wie in der rumänischen Moldau, in der Kleinen wie der Großen Walachei, in den Herzynischen Bergen Babadags wie im Donaudelta, und im Tomis des Dichers Ovid am Schwarzmeerstrand so deutlich hörbar wie in Transilvanien. Wer die Melodie gehört hat, der weiß, dass in Rumänien es nicht nur erstens anders kommt und zweitens als man denkt, sondern dass hier des öfteren auch vieles anders heißt als man es kennt.

 

Securitateleute, die bis zum Sturz Ceausescus, die kommunistische Diktatur verkörpert haben, stürzten nicht zusammen mit dem Diktator, sondern erklommen die Karriereleiter. Sie sind putzmunter, machen Geschäfte, führen Fernsehsender, sind die Spielmacher hinter den Kulissen der Politik und gerieren sich als Repräsentanten des demokratischen EU-Mitgliedstaates Rumänien. Wöchentlich neue Strafermittlungen oder Gefängnisurteile gegen Rumäniens großkopferte Korrupte: Ehemalige Premierminister, Vize-Premierminister, Finanzminister, Justizminister, Verteidigungsminister, Landwirtschaftsminister und Kommunikationsminister könnten zusammen mit gut zwei Dutzend aktenkundig korruptionsverdächtigter Parlamentarier problemlos eine Schattenregierung hinter Gittern und vor den Gefängnistoren bilden. Das ficht, ein Paradox, weder die amtierenden Politiker an, noch deren Wähler. Erstere versuchen, vorläufig erfolglos, ganz einfach ein Gesetz zu verabschieden, das Korruption für die gewählten Volksvertreter legalisiert, während letztere unbekümmert weiterhin ihre Wählerstimmen an korrupte Politiker vergeben. Immerhin bekommt das Stakkato der Justiz zumindest bei der EU-Kommission in Brüssel Applaus.

Stolze lateinische Namen wie Salva, Fiat, Romuli, Parva und Nepos zieren fünf kleine Dörfer am Fuße der Waldkarpaten. Hintereinander gelesen zitieren sie den Gruß, mit dem der aufgeklärte Habsburger, Joseph II., einst seine rumänischen Untertanen hinter den Wäldern als römische Nachkommen würdigte: „Seid gegrüßt, Ihr geringen Enkel des Romulus!” Der entschieden schnöselige Unterton des Kaisers wird von österreichischen und süddeutschen Ignoranten weiterentwickelt. Für sie lautet der Sammelname aller Südosteuropäer einfach „Tschuschn” und die leben für alle Deutschsprachigen weitweg, „irgenwo in der Walachei”. Im Nirgendwo an einem Schwarzen Nimmermeer, so fühlte man sich offenbar tatsächlich immer wieder in der Region. Daran erinnert „le néant roumain”, „das rumänische Nichts”, genauso wie die „Niemandsrose”. Emil Cioran und Paul Celan haben diese Chiffren aus dem Land ihrer Flucht nach Paris und in die deutsche Spache mitgebracht.

 

Wenn nicht Bewohner von Weitwegistan, was aber sind die Walachen dann? Sie haben jedenfalls nichts mit Wallachen zu tun, so wenig wie die Lippowaner aus dem Donaudelta mit den Lippizanern. Die Huzulen in den Waldkarpaten nördlich der Lateinerdörfer Salva, Fiat, Romuli, Parva und Nepos heißen hingegen genauso wie ihre Pferde.

 

Der walachische Wojewode Vlad Draculea der Pfähler gilt den Rumänen nicht allein als Vorbild des Vampirgrafen, sondern mehr noch als Verkörperung des heroischen Kampfes im Dienste des Abendlandes gegen das Türkenreich, während gleichzeitg die türkische Soap um den Sultan Süleyman die Herzen der rumänischen Fernsehnation im Sturm nimmt.

 

Die Region Moldau liegt in Ostrumänien, und was heute Republik Moldau genannt wird heißt eigentlich Bessarabien, ohne wiederum auch nur das Geringste mit Arabien zu tun zu haben. Widersprüche noch und nöcher auch bei den Siebenbürger Sachsen, die obwohl sie so heißen, keine Sachsen und auch nicht die Nachkommen der Kinderschar sind, die der Rattenfänger von Hameln einst aus einer Höhle an das transilvanische Zwielicht führte und ins hügelige Rauf und Runter jenseits der Wälder entließ. Auch die Banater Schwaben sind keine Schwaben, sondern stammen von Franken, Bayern, Lothringern, Elsässern und Österreichern ab, die nur ihren Namen vom Schwabenland her haben, wo sich viele von ihnen seinerzeit in Ulmer Schachteln einschifften und donaubabwärts begaben. Ab in die Walachei.

 

Dort lautet eine verbreitete Redewendung „der Mund hat ohne mich geredet“, im Grunde eine Umschreibung der Lieblingsmethode von Dada und Surrealismus, der „ecriture automatique“, des automatischen Schreibens nach dem Diktat der zufälligen Eingebung. Rumänien ist für mich gelebter Surrealismus und das macht Spaß, denn es ist verrückt. Das macht auf die Dauer aber auch überdrüssig, denn Dada und Surrealismus sind zwar witzig aber anderswo letztendlich nur noch museale „cadavres exquises“.

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