Schloss Schönbrunn in Wien. Foto: BR | Karin Straka

Blick auf Österreich von Fernseh-Korrespondentin Susanne Glass

Sie mögen uns Deutsche sehr gerne in Österreich! Ich weiß das ganz bestimmt. Es ist mir doch schon so oft aufs Charmanteste gesagt worden. Man muss nur wie in jeder Beziehung ein paar klitzekleine Fallstricke beachten. Der wichtigste: Wir sprechen keine gemeinsame Sprache. Die Verständigung ist daher manchmal etwas schwierig – deshalb umso reizvoller, in jeder Hinsicht.

 

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Einkauf in einem Wiener Supermarkt. Ich hatte unter anderem eine Aubergine aufs Band gelegt. Die junge, unsichere Kassiererin musste den Preis in einer Obst- und Gemüsetabelle nachschlagen. Aus mir zunächst unerfindlichen Gründen blätterte sie im Alphabet ziemlich weit hinten nach. Dann fiel es mir in deutscher Klarheit wie Schuppen von den Augen: Sie dachte Aubergine schreibt man Oberschine oder so. Ich war der Armen natürlich sofort behilflich, in dem ich ihr die Tabelle forsch aus der Hand nahm, ihren sachten Widerspruch mit gönnerhaftem Lächeln abtat, und zum Buchstaben A zurückblätterte. Wo ich…ja…vergeblich…aber mit deutscher Gründlichkeit entsprechend lange das A-u für Aubergine suchte. Inzwischen war die Schlange beträchtlich gewachsen. Das Kassenmädchen versuchte zaghaft wieder weiter hinten im Alphabet nachzuschlagen. Dieses unsinnige Unterfangen wusste ich natürlich zu verhindern, indem ich gleich die Chefin rufen ließ. Es war ja offensichtlich, dass sie ihre Preisliste generell überarbeiten mussten. Auch im Sinne aller anderen Auberginen-Liebhaberinnen. Dann Auftritt Chefin und folgender Dialog: „Gibt’s a Problem mit der Melanzani?“ Kassiererin: „Die Dame behauptet, dass man Melanzani mit A-u schreibt!“ Abtritt Kundin beschämt. Volle Punktzahl auf der österreichischen Skala für die „besserwisserischen Piefkes!“

 

Falle Nummer 2: Österreichische Freunde fordern einen auf, „als Deutsche jetzt doch mal so richtig frank und frei zu kritisieren, was in Österreichs Politik/Wirtschaft/Kultur… falsch läuft“. Meist haben sich in solchen Situationen zuvor schon alle Einheimischen ausführlich über die vermeintlichen oder tatsächlichen Missstände ausgelassen. Aber wehe der deutsche Gast kommt der Aufforderung tatsächlich nach. Eisiges Schweigen! Und wieder mal: Volle Punktzahl auf der österreichischen Skala für unsympathische, besserwisserische Piefkes!

Nach 15 Jahren in Wien muss ich sagen: Diese Skala existiert zu recht. Wozu müssen wir Deutsche unsere Meinung immer in aller Deutlichkeit in die Welt posaunen? Es lässt sich doch alles auch viel eleganter, schön verpackt in freundlichen Worten sagen.

 

Was uns zu Fallstrick Nummer 3 führt: Die Österreicher beherrschen die Kunstfertigkeit der indirekten Rede meisterhaft. Auch eine Folge der k. und k. Monarchie, deren Einfluss noch in so vielen Bereichen spürbar ist. Ein schnödes „Nein“ kommt ihnen jedenfalls nicht über die Lippen. Absagen lassen sich doch viel netter formulieren: „Schau’n wir mal, aber das geht sich nur schwer aus!“, „Ich würde Ihnen gerne helfen….rufen Sie vielleicht nächste Woche noch mal an!“ Oder: „Bedaure gnädige Frau Magister, aber dafür bin ich nicht zuständig.“ Natürlich gehört zu dieser Kunstfertigkeit auch, vernichtende Kritik und vergiftete Komplimente aufs Raffinierteste zu verpacken.

 

Warum ich trotzdem weiß, dass die eingangs erwähnten charmant geäußerten Sympathiebekundungen gegenüber uns Deutschen ehrlich gemeint sind? Formulieren wir es mal so: Weil ich daran glauben will, dass die Österreicher so nett sind, wie ich sie finde! Und weil die von mir beschriebenen Fallstricke natürlich überzeichnete Klischees sind. Weil sich im Deutsch-Österreichischen Verhältnis in den vergangenen Jahren tatsächlich viel verändert hat. – Was damit zusammenhängt, dass sich die Österreicher immer stärker von ihrem großen Nachbarn Deutschland emanzipiert haben. Ihr Selbstbewusstsein ist gewachsen. Und damit auch das Begegnen-können der deutschen Nachbarn auf Augenhöhe.

 

Auffallend ist auch: Deutsche austriakisieren nach einer gewissen Zeit in diesem schönen Land fast automatisch. Und treffen dann immer häufiger auf Österreicher, die in vielerlei Hinsicht deutscher sind als sie selbst. Alles in allem: Wir verstehen uns doch sehr gut. Trotz aller Sprachbarrieren!

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