Die Millennium-Brücke in Podgorica. Foto: BR | Zoran Orlandic

Blick auf Montenegro von Zoran Ikonic (freier Mitarbeiter in Belgrad)

Es gibt nicht viele Länder, die auf so kleinem Raum so viel zu bieten haben, wie das kleine Balkanland. Das Angebot kann auch kaum abwechslungsreicher ausfallen: Verträumte Buchten, venezianische Barockbauten, orthodoxe Klöster, verschlafene Fischerdörfer, Seefahrerstädtchen oder Hotelinseln, kilometerlange Sandstrände, die den Küstenstreifen Montenegros prägen. In unmittelbarer Nähe dann der große Süßwassersee Skutari. Kaum zwei Autostunden von der Küste entfernt, die atemberaubende Schluchtenwelt im Norden des Landes, schneebedeckte Bergspitzen die sich in den Bergseen spiegeln. Montenegro, so heißt dieser schöne, kleine Flecken Erde, nicht größer als Schleswig-Holstein in Deutschland, oder Tirol in Österreich.

Die sympathisch-selbstverliebten und stolzen Montenegriner haben die Eigenart, dass sie zu jeder Information, die sie über ihr schönes Land geben, auch eine Zusatzinformation liefern: So erfährt der Tourist dass die Taraschlucht die zweittiefste der Welt ist (nur der Grand Canyon des Colorado Flusses ist tiefer), dafür aber die tiefste in Europa. Dass sich einer der letzten drei Urwälder Europas, Biogradska Gora, in Montenegro befindet, dass am Skutarisee so viele Vögel nisten, wie an keinem anderen See Europas, und dass sich zwischen Herceg Novi und Kotor der einzige Fjord des Mittelmeers schmiegt.

Die Montenegriner haben keinen Zweifel, dass ihr Land bald Teil der EU sein wird und dass es tief in der europäischen Tradition wurzelt. Tatsächlich findet man überall Spuren der großen Geschichte des kleinen Landes. In Cetinje, der alten Kapitale, etwa wecken alte Botschaftsgebäude Erinnerungen an die Zeit, als die Töchter Nikola I. in die europäischen Höfe einheirateten und der umtriebige Diplomat so zum „Schwiegervater Europas“ avancierte – bei neun Töchtern wahrlich ein angemessener Titel, wovon auch Franz Lehars berühmter Operette „Die lustige Witwe“ zeugt.

Die Verhandlungen mit der EU laufen offiziell seit Mitte 2012, doch auch ohne Mitgliedschaft ist Montenegro im 21. Jahrhundert angekommen. Ein „Monaco des Balkans“ soll das Land werden. Ausländische Investoren bauen um die Wette: Luxushotels und Luxus-Marinas, Spa und Wellness sind Begriffe der neuen Zeit im kleinen Balkanland. Ein Geheimtipp ist Montenegro schon lange nicht mehr. Dennoch gibt es unberührte Landschaften, wie man sie selten in Europa findet.

„Mit Verlaub: wer in einem so schönen Land arbeitet, ist selber Schuld. Mit seinen Bergen sowie den Küsten und dem blauen und klaren Meer lädt es geradezu dazu ein, auszuspannen und die Seele baumeln zu lassen“. Diese Worte eines Montenegro-verliebten Schweizer Journalisten sind auch eine Anspielung auf ein altes und beliebtes Stereotyp über die Montenegriner – dass sie faul sind – welches mit gelassener Selbstironie von den Bewohnern Montenegros zelebriert wird. Und nicht nur, dass dieses alte Stereotyp zelebriert wird, es wird sogar touristisch vermarktet. Auf Tassen und Postkarten, die in Souvenirlokalen verkauft werden, gibt es eine Liste der „Zehn montenegrinischen Gebote“, darunter:
– Der Mensch wird müde geboren, und lebt um sich zu erholen.
– Liebe dein Bett, wie dich selber.
– Erhole dich tagsüber, damit du nachts schlafen kannst.
– Wenn du jemanden beim Ausruhen triffst, hilf ihm.
– Arbeite weniger als du kannst, und das was du kannst überlasse anderen.
– Wenn du Lust zum Arbeiten verspürst, setzt dich hin, warte ab, es vergeht.
Mein persönlicher Favorit wäre die letztgenannte Weisheit.

Für diejenigen, die Montenegro noch nicht kennen gelernt haben, gilt diese Aufforderung des erwähnten Schweizer Kollegen: Koffer packen und den freundlichen Montenegrinern beim Nichtstun helfen!

Blick auf Montenegro von Dejan Stefanovic (freier Mitarbeiter in Belgrad)

Montenegro (Crna Gora) – Der Name klingt exotisch – willkommen in Montenegro, die kleinste ehemalige Teilrepublik der Sozialistischen föderativen Republik Jugoslawien. Landschaftlich gesehen, hält der Name, was er verspricht: Berge, Berge und immer wieder Berge und zwar nicht nur in „schwarz“, wie der Landesname das andeutet. Karl Mays „In den Schluchten des Balkan“ wird hier konsequent umgesetzt, sei es im grünen Norden des Landes oder in der Steinwüste des Zentralmassivs und den Küstengebieten der Adria. Bergliebhaber & Gipfelstürmer werden voll auf ihre Kosten kommen.

Oft kann man von Besuchern hören, dass man sich in Crna Gora irgendwie „klein“ fühlt? Keine Sorge, man ist nicht über Nacht geschrumpft, es ist nur eine Frage des Vergleichs, denn sowohl Männer als auch Frauen des Landes gehören mit ihrer Durchschnittskörpergröße zur Weltspitze. Was die Ursachen sind… Gene, unfreundliche Natur oder etwas anderes… jeder kann seine eigene Theorie entwickeln.

Einen möglichen „Faktor“, kann und sollte man unbedingt persönlich in seiner ursprünglichen Umgebung prüfen, nur ca. 1 Stunde von den touristischen Anziehungspunkten an der Küste, Kotor und Budva, entfernt: Njeguski prsut (luftgetrockneter Schinken) , Njeguski sir (Käse), Kastradina (trockenes Schaffleisch) oder Medovina (Met), denn sie stehen seit Jahrhunderten auf dem Speiseplan der Menschen im Küstenhinterland. Vielleicht sind es auch die einfachen aber nicht weniger leckeren Gerichte des Nordens wie Lammbraten, Cicvara, Kacamak und andere Gerichte orientalischer Herkunft in montenegrinischer Ausführung.

Montenegriner sind auf ihre Geschichte, Tradition und ihr Heldentum stolz, die sie in ihrem Kampf gegen osmanische Besatzer gezeigt haben, aber auch gegen ähnliche Bestrebungen Venedigs, Frankreichs und Österreich-Ungarns. Da erinnere ich mich gleich gerne an einen Scherz, den Montenegriner selbst erzählen und der das bereits erwähnte Heldentum und die Freiheitsliebe etwas relativiert: Warum schafften es die Türken nie, ganz Montenegro zu besetzen? Weil sie keinen Bock hatten, über Stock und Stein raufzuklettern.

 

Apropos das Land bereisen: Gerade weil das Land zu den kleinsten Europas gehört, kann man in wenigen Tagen vieles sehen, z.B. mit einem Mietwagen. Obwohl es eigentlich kleine Entfernungen sind, sind die Anfahrtszeiten etwas länger, besonders in der touristischen Hochsaison im Juli und August, denn das Land hat noch keinen einzigen Kilometer Autobahn.

Ich finde das ganze Land atemberaubend schön, aber meine Lieblingsgegenden sind die UNESCO-Stadt Kotor, die alte Hauptstadt Cetinje sowie der Nationalpark Durmitor-Gebirge und der touristisch wenig erschlossene Nationalpark Skadar See, mit seiner Flora und Fauna, der sich zwischen der Hauptstadt Podgorica und der Adriaküste erstreckt. Kleiner Tipp: Wer nach Podgorica fliegt, sollte sich im Flieger einen Fensterplatz reservieren lassen – oft macht die Maschine vor der Landung eine Schleife über dem See und bietet so einen spektakulären Blick.

Montenegro hat auch Narben aufzuweisen als Folge der (umstrittenen) Entwicklungen der früheren und neueren Vergangenheit: Von den riesigen, maroden Kombinaten aus den sozialistischen Zeiten, als man in einer der ärmsten jugoslawischen Republiken den Lebensstandard durch die Industrialisierung anheben wollte, bis zu den verbauten Teilen der Adriaküste.

Die Transformation der Wirtschaft ist nicht ganz abgeschlossen, die Wirtschaftskrise, von der sich das Land erst langsam erholt, ließ viele Großprojekte im Tourismus vorerst nur zum Wunsch werden, hohe Arbeitslosigkeit herrscht besonders unter den jungen Menschen zwischen 15 und 30 Jahren, EU-Standards und Werte sind noch keine Selbstverständlichkeit, aber der Kandidat Montenegro geht zielstrebig Richtung vollwertige Mitgliedschaft nicht nur in der EU sondern auch in der NATO und hofft, sich in diesen Prozessen in eine bessere Gesellschaft zu verwandeln. Das hochgesteckte Ziel lautet: Nach Kroatien, der nächste „EU-Stern“ zu werden.

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