Die St.-Markus-Kirche (Crkva sv. Marka) in der Oberstadt (Gornji Grad) von Zagreb. Foto: BR | Karin Straka

Blick auf Kroatien von Gordan Godec (freier Mitarbeiter in Zagreb)

Typisch kroatisch ist eigentlich, dass nichts typisch kroatisch ist und genau diese kulturelle Vermengung ist – typisch kroatisch. Die Menschen erkennt man am Essen. Ein Blick auf den typischen kroatischen Mittagstisch: vorab eine (italienische) Pasta Fazol, dann (osmanische) Cevapcici und zum Dessert (österreichische) Palatschinken.

 

Kroatien ist ein junges Land. 1991 haben die Kroaten unter großen Opfern im Jugoslawien-Krieg ihren Staat blutig erkämpft. Mit nationaler Euphorie begann der Aufbau und wirtschaftliche Aufschwung des Landes, stets mit dem zwanghaften Ziel, seine balkanische Vergangenheit abzulegen und Teil der westlich-europäischen Welt zu werden. 2013 traten die Kroaten der EU bei, doch der Freudentaumel blieb aus. Wer sich selbst noch nicht gefunden hat, den macht auch eine Gemeinschaft nicht glücklich. So bleibt Kroatien ein Land auf der Suche nach sich selbst, getrieben vom unbändigen Wunsch nach einer typischen nationalen Identität. Man will jetzt, wo man doch endlich seinen eigenen Staat hat, in der großen europäischen Familie auch erkennbar sein.

 

Aber wie so oft in der Geschichte bedarf es seiner Zeit, um seine wahren Qualitäten zu entdecken – in der Regel liegen sie nicht in der Abgrenzung, sondern in der Vielfalt und der kulturellen Vermengung. Da mag man sich auf seine eigene Küche besinnen.

Blick auf Kroatien von Stjepan Milcic (freier Mitarbeiter in Zagreb)

Mit Kroatien und Kroaten/-innen verbinden viele Menschen in Europa Katholiken, Nationalisten, Balkan und Krieg am Ende des 20.Jahrhunderts, aber auch das beliebte Urlaubsland an der Adria, Tschewaptschitschi, und Sportkenner gute Sportler, vor allem Fußballspieler. Die Kroaten sehen sich selbst ganz anders (außer im Sport). So wird sich kaum ein Kroate zum Balkan gehörig fühlen, weder geographisch noch politisch, kulturell oder geistig. In der Tat sind in Kroatien auf einem relativ kleinen Raum (ca. 56.500 km² Festland plus ca. 31.000 km² dazu gehörende Meeresfläche) starke Einflüsse aus Mitteleuropa und aus dem Mittelmeerraum deutlich sichtbar und spürbar – in der Architektur, der Religion und der Kultur bis zu Ess- und Lebensgewohnheiten. Es ist kaum etwas Orientalisches oder fundamental Orthodoxes in Kroatien vorhanden.

 

Paradoxerweise stammt das im Ausland bekannteste „kroatische“ Gericht, die „cevapcici“ (Tschewaptschitschi), eigentlich aus der osmanischen Zeit und wurde über Bosnien nach Kroatien „importiert“. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts haben vor allem bosnische und zum Teil kosovarische Köche und Wirte diese Spezialität in den Ferienorten an der Adria zubereitet und angeboten, und so haben die Touristen aus dem Westen diese gegrillten Hackfleischröllchen als „jugoslawisches Nationalgericht“ verstanden. Nach der kroatischen Unabhängigkeit wurden die Tschewaptschitschi zum „kroatischen Nationalgericht“ erklärt (nicht von Kroaten selbst, sondern wiederum von den Touristen). Die Menschen an der Küste und auf den fünfzig bewohnten Inseln (von über tausend) essen dagegen viel mehr Fisch und Gemüse, und auf dem Festland ist die Küche eher so wie in Österreich oder Ungarn (Fleisch, Kartoffeln etc.) – in letzter Zeit auch verstärkt italienisch (vor allem diverse Nudelgerichte).

 

Die kroatische Unabhängigkeitserklärung (25.Juni 1991) löste einen Krieg mit der Jugoslawischen Armee, mit Serbien und mit Serben aus, und in dieser Zeit traten nationale und nationalistische Gefühle bzw. Handlungen verstärkt an die Oberfläche, ansonsten sind die Kroaten nicht mehr oder weniger Nationalisten oder Antisemiten als die meisten anderen europäischen Nationen.

 

Obwohl sich fast 90% der Kroaten als Katholiken deklarieren und jeder Papstbesuch (bisher dreimal Johannes Paul II. und einmal Benedikt XVI.) eine allgemeine Euphorie im ganzen Land auslöst, gehört dieser Katholizismus eher zur Tradition und zur Folklore als zum religiösen Fundamentalismus oder einer strengen Anwendung der christlichen Gebote im Alltagsleben.

 

Als guter kroatischer Patriot (Bin ich das wirklich!?) sehe ich mich gerne in Gesellschaft von Anton Gustav Matos (Schriftsteller), Nikola Tesla (Erfinder), Miroslav Krleza (Schriftsteller), Ivan Supek (Friedensaktivist, Naturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller), Viktor Zmegac (Literaturhistoriker), Drazen Petrovic (Basketballspieler) , Goran Ivanisevic (Tennisspieler) und Ivo Pogorelic (Pianist), um nur einige zu nennen, die alle gute kroatische Patrioten waren bzw. sind (nicht alle sind ethnische Kroaten), aber gleichzeitig auch Europäer und Weltmenschen, und meine Erfahrung ist, dass man das durchaus sein kann, ohne sich selbst und die eigene Identität zu verlieren.

Lade Inhalte

Autor: Lade Inhalte
0:00 | 0:00