Die Alexander-Newski-Kathedrale und das Parlament in Sofia. Foto: BR | Karin Straka

Blick auf Bulgarien von Camelia Ivanova (freie Mitarbeiterin in Sofia)

Die Medien verbreiten viele widersprüchliche Bilder von Bulgarien wie „billiges Tourismusland“, „spektakuläre Berglandschaft“, „ärmster EU-Staat“, …. Hinter all diesen langweiligen Stereotypen verbirgt sich aber ein modernes, junges Bulgarien, das Beachtung verdient. Geprägt wird es von einer neuen Generation, die in den letzten Jahren des Kommunismus geboren wurde, und keine Sentimentalität der „roten Zeit“ gegenüber verspürt.
Auch ich bin Teil dieser Generation der sogenannten Übergangs-Periode. Wir sind das junge Gesicht Bulgariens und wollen nicht auf einen Wandel warten, sondern ihn selbst realisieren. Wir sind weder naiv, noch irrationale Enthusiasten. Wir sind auf dem Boden geblieben und haben keine Illusionen, denn wir wissen, dass große Hoffnungen oft mit großen Enttäuschungen einhergehen. Das haben wir in den letzten 20 Jahren oft erleben müssen: politische Mystifikationen, ökonomische Katastrophen, den Teufelskreis der Arbeitslosigkeit und den Zusammenbruch des Bildungssystems. Aber wir haben all das überlebt, haben uns unsere Offenheit bewahrt, und obwohl wir kosmopolitische Frauen und Männer sind, leben wir immer noch hier in diesem geografischen Gebiet, das den Namen Bulgarien trägt.

 

Das ist nicht selbstverständlich, denn viele dieser Generation denken darüber nach auszuwandern. Manche haben es schon versucht und sind wieder zurückgekommen, für andere ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie Bulgarien verlassen werden. Aber für einige von uns, ist ein Leben im Ausland keine Lösung. Wir bleiben hier und setzen uns lieber der Gefahr aus, aufgezehrt zu werden bevor wir irgendetwas verändert haben, als von vornherein aufzugeben. In Bulgarien leben bedeutet einen ständigen Kampf um kulturelle und geistige Nachhaltigkeit. Jeder von uns hat sich einer Sache verschrieben und arbeitet hart und mit ganzem Herzen dafür. Das ist meine Vorstellung wie Leben sein sollte.

Blick auf Bulgarien von Ekaterina Popova (freie Mitarbeiterin in Sofia)

Als ich mich 1996 dem Auslandschef einer Tageszeitung in Köln als die neue Gastredakteurin aus Bulgarien vorstellte, starrte er mich fast eine  Minute lang schweigend an. Dann sagte er plötzlich voller Verwunderung: „Sie sind aber hellhäutig?!“  Der Kollege hatte bis dahin nur Roma, aus dem kaum bekannten Balkanland, gesehen und dachte daher, dass alle Bulgaren ebenso aussehen…

 

Wenn ein „Wessi“ an Bulgarien denkt, lässt er oft sämtlichen Vorurteilen freien Lauf. Am Anfang steht immer die Angst, von jemandem in diesem Land betrogen oder beraubt zu werden: Taschendieb, Taxifahrer, Verkehrspolizist, Immobilienmakler. Korruption und dubiose Geschäfte sind die häufigsten Klischees, mit denen die Bulgaren sogar heute, 7 Jahre nach ihrem EU-Beitritt, zu kämpfen haben. Leider immer noch mit zweifelhaftem Erfolg. Zum aktuellen Landesbild gehören noch die erstickende Armut von zwei Dritteln der Bevölkerung, die ständigen politischen Skandale und die Dauerproteste gegen die Machenschaften von Oligarchen-Marionetten an der Spitze der Macht.

 

Kaum beachtet im alltäglichen Strom negativer Nachrichten aus Bulgarien bleiben leider seine wunderschöne Natur – die Berge und das Meer, die typische bulgarische Gastfreundschaft, die tausendjährige Kultur und Geschichte der Thraker, der Slawen und der Altbulgaren. Wer den  wunderbaren Schopska-Salat und den köstlichen bulgarischen Wein nicht gekostet, das berühmte Rila-Kloster nicht gesehen und die einzigartige Volksmusik nicht gehört hat, der kennt das wahre Gesicht dieses Landes nicht.

 

Für die Bulgaren ist es wichtig, sich von der Masse zu unterscheiden. Vielleicht nicken sie deswegen für „nein“ und schütteln den Kopf für „ja“. Sie sind immer anders als die anderen, wie es auch aus einem bekannten Witz hervorgeht:

„In Deutschland ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich gesetzlich verboten ist.

In China ist alles verboten, was nicht ausdrücklich gesetzlich erlaubt ist.

In Kuba ist sogar das verboten, was ausdrücklich gesetzlich erlaubt ist.

In Bulgarien ist sogar das erlaubt, was ausdrücklich gesetzlich verboten ist.“

Lade Inhalte

Autor: Lade Inhalte
0:00 | 0:00