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Ajna Jusic in der Umgebung ihres Heimatortes. Foto: BR | Daniel Dzyak

Ajna Jusic kämpft für Gerechtigkeit
Mein Vater ist ein Kriegsvergewaltiger

Niemand weiß genau, wie viele Kinder aus Vergewaltigungen im Bosnienkrieg 1992 bis 1995 gezeugt worden sind. Schätzungen zufolge sollen heute etwa 4.000 Menschen in Bosnien-Herzegowina leben, die nach solchen Vergewaltigungen auf die Welt kamen. Oft auch „vergessene Kinder“ genannt, werden sie bis heute in Bosnien offiziell nicht als Kriegsopfer anerkannt.

Ajna Jusic – Stimme der „vergessenen Kinder“

Ajna Jusic ist eines dieser Kinder. Sie kam 1993 zur Welt – ihre Mutter war von einem kroatischen Soldaten vergewaltigt worden. Ajna wusste lange Zeit nichts davon. Erst mit 15 entdeckte sie in einer Schachtel alte Fotos und Dokumente, die das Unfassbare belegten.

„Als ich das las, war es wie ein schwarzes Loch, wie ein Identitätsbruch in dem Moment.“

Ajna Jusic

Lange Zeit war sie nicht in der Lage über ihre Herkunft zu sprechen. Sie hatte wenig Kontakt zu anderen Kindern im Ort und war in der Schule mit manch abwertender Aussage von MitschülerInnen konfrontiert. Ihre Mutter kämpfte ebenfalls mit Ausgrenzung und Vorurteilen.

„Sie beschimpften meine Mutter, weil sie jung war, alleine mit einem Kind. Auch ich wurde beschimpft. Ich war ein schwarzes Schaf. Trotzdem hatte ich eine schöne Kindheit.“

Ajna Jusic

„Medica Zenica“ – Hilfe für Betroffene

„Medica Zenica“ war bereits im Krieg ein Zufluchtsort. Traumatisierte Frauen und ihre Kinder, die Gewalt erfahren haben, können hier sicher unterkommen. Ajnas Mutter Sabina lebte nach der Vergewaltigung im „Safe-House“ der Einrichtung und wurde hier auch therapeutisch betreut. Ajna war das erste Kind überhaupt, das hier geboren wurde.

„Alles was ich heute bin, ist mit Medica verbunden. Denn hier in diesem Haus hat meine Mutter entschieden, mich zu behalten und nicht zur Adoption freizugeben. Dieser Moment gab mir die Möglichkeit, dass ich heute über Kinder aus Vergewaltigungen rede, auch über meine Geschichte und mich nicht schäme. Alles was meine Mutter hier gelernt hat, hat sie an mich weitergegeben.“

Ajna Jusic

Heute stehen drei Gebäude an einem steilen Hang in Zenica, eines davon das „Safe-House“ mit 28 Plätzen. Außerdem bietet das Haus Trainings für den Einstieg junger Frauen ins Berufsleben und betreut Kinder, die auf der Straße leben. Medica Zenica ist über eine zentrale Hotline im ganzen Land erreichbar.

Orte des Verbrechens sichtbar machen

Ajnas Mutter wurde in einer Kirche vergewaltigt, doch das weiß kaum jemand. In ihrem Verein kämpft Ajna auch dafür, dass diese unbekannteren Orte an denen Kriegsvergewaltigungen stattfanden benannt werden, und diese so nicht in Vergessenheit geraten.

 

Eine schwierige Aufgabe in einem Land, in dem nach wie vor über den Krieg und die damit verbundenen Verbrechen kaum gesprochen wird.

„Die vergessenen Kinder des Krieges“

Ajna Jusic entschließt sich 2015 die NGO „Die vergessenen Kinder des Krieges“ zu gründen, um den Betroffenen eine Stimme zu geben. Es geht um die Verarbeitung des Geschehenen und Respekt, aber auch um die rechtliche Gleichstellung der Vergewaltigungskinder mit Kindern von gefallenen oder vermissten Soldaten.

„Diese ganzen Unterstützungen, die die Kinder von Kriegs-Soldaten bekommen, respektieren wir, aber wir denken, dass auch wir diese Hilfe brauchen. Wir wollen mit Ihnen gleichgestellt sein.“

Ajna Jusic

Eine weitere Forderung der NGO: Bei staatlichen Anträgen und Formularen muss bislang der Name des Vaters eingetragen werden. Eine sehr unangenehme Situation für Betroffene, die die Namen ihrer Väter nicht kennen und sich erklären müssen. Genau deshalb muss das weg, fordert Ajna, weil es schmerzt.

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Die vergessenen Kinder von Bosnien.

Eine 27jährige Frau kämpft für die Rechte der Kinder aus Kriegsvergewaltigungen.

 

Beitrag: Nikolaus Neumaier

Kamera: Daniel Dzyak

Schnitt: Christine Dériaz

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