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Instrument im Rohzustand. Aus kleinen Raketen baut Nikola sein ‚Bombaphon‘. Foto: BR | Christian Limpert

Ein serbischer Künstler verwandelt Kriegsmüll in Instrumente
Der Sound der Waffen

Wo die Granatwerfer liegen, das weiß er genau. Und die Raketengeschosse. Nikola Macura kommt regelmäßig auf diesen Militärschrottplatz, gelegen in einem unscheinbaren Hinterhof in Temerin, rund 30 Kilometer entfernt von der nordserbischen Großstadt Novi Sad.

Nikola Macura ist Künstler, er schafft Skulpturen. Hier zwischen alten Stahlhelmen, defekten Atemschutzmasken, Panzerfäusten und Militärkisten sucht er nach Rohmaterial. Schon nach ein paar Schritten greift er nach einem ausrangierten Raketenwerfer. „Aus so einem Ding habe ich bereits ein ‚Bombaphon-Instrument‘ gebaut, für unseren Saxophonisten. Aber vielleicht baue ich noch eins“. Wichtig sei vor allem, dass die Rohre der alten Waffen noch unbeschädigt und ohne Löcher sind. Nur dann kann später ein Blasinstrument daraus werden.

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Autor: Christian Limpert

Kamera: Zarko Bogdanovic

Schnitt: Günter Stöger

In seinem Atelier in Novi Sad verarbeitet Nikola das, was er auf seinen Schrottplatztouren gefunden hat. Mit einer Flex sägt er feine Schlitze in einen alten Stahlhelm. „Die Helme eignen sich am besten als Hohlkörper, genau wie Tankkanister. Das braucht jedes Instrument für die Akustik“, erklärt Nikola. Aus Helmen und Kalaschnikows baut er Gitarren. Aus Kanistern und Granatwerfern Streichinstrumente, so wie das Granatwerfer-Cello, das er gerade frisch angestrichen hat. Schwarz.

Was einst getötet hat, soll jetzt möglichst gut klingen. Profisaxophonist Nikola hilft dabei, das ‚Bombaphon‘ weiterzuentwickeln. Foto: BR | Christian Limpert
Was einst getötet hat, soll jetzt möglichst gut klingen. Profisaxophonist Nikola hilft dabei, das ‚Bombaphon‘ weiterzuentwickeln. Foto: BR | Christian Limpert

Zum Testen der Instrumente haben sich heute zwei ProfimusikerInnen angemeldet: Nikola, ein Saxofonist und Milica, eine Cellistin. Sie haben den Künstler beim Bau der Waffeninstrumente beraten. Wie genau zum Beispiel die Saiten auf das Granatwerfer-Cello gespannt werden, oder in welchem Abstand die Fingeröffnungen in das „Bombaphon“ kommen. Das Blasinstrument, das aus Helm und Raketenwerfer besteht, soll irgendwann mal wie ein schrilles Saxophon klingen. Noch ist das Saxophonmundstück, das Profimusiker Nikola oben drauf steckt, das einzige, was an ein Saxophon erinnert. Der Klang: schrill, wie der einer verstimmten Blech-Blockflöte.

Symbiose aus Helm und Gewehr: die Kalaschnikow-Gitarre. Im Vergleich zu Gitarren aus Holz ist diese hier deutlich schwerer. Foto: BR | Christian Limpert
Symbiose aus Helm und Gewehr: die Kalaschnikow-Gitarre. Im Vergleich zu Gitarren aus Holz ist diese hier deutlich schwerer. Foto: BR | Christian Limpert

Um perfekte Instrumente gehe es auch nicht, sagt Nikola Macura, der Künstler. Denn ein bisschen sollen seine Skulpturen schon noch an das erinnern, was sie mal waren – Waffen. Die meisten gebaut vor 30 Jahren, als die Jugoslawien-Kriege tobten, fast ein Jahrzehnt lang. „Ich kann mich an den Krieg hier noch erinnern,“ sagt Nikola, der Saxophonist. Er und seine Familie gehörten damals zur serbischen Minderheit, die aus Kroatien fliehen musste.

Für den geplanten Instrumententest stimmt Cellistin Milica Svirac das Granatwerfer-Cello. Sie erinnert sich an die Bombenangriffe der NATO auf Novi Sad. Die Brücken, die nur ein paar Meter entfernt von Nikolas Atelier über die Donau führen, wurden damals alle zerstört.

"Aus hässlichen Erinnerungen wird etwas Schönes“. Profimusikerin Milica Svirac am Granatwerfer-Cello. Foto: BR | Christian Limpert

Das sind hässliche Erinnerungen. Aber dieses Projekt zeigt ja auch, dass wir aus hässlichen Dingen und Ereignissen etwas Gutes gestalten können.

Milica Svirac , Cellistin

Dann setzt sie an. Das Granatwerfer-Cello klingt fast wie ein echtes. Nur dass die Granatwerfer-Variante drei statt vier Saiten hat und einen Metallkörper statt Holz.

Zurück auf den Militärschrottplatz. Gut ein Dutzend gibt es davon noch in ganz Serbien. Von kaputten Flugzeugteilen bis zum Flugabwehrgeschütz gibt es hier alles.

So viele Waffen. Auf der einen Seite machen mir die Besuche hier Angst, es gibt in der Region hier noch immer zu viel davon. Aber andererseits bin ich froh, dass ich so eine gute Auswahl für meine Instrumente habe.

Nikola Macura, Künstler

Sein großer Traum: ein Panzer. Den will er zu einem gigantischen Perkussionsobjekt umbauen. Und er will noch mehr Instrumente bauen und ein ganzes Orchester formen. Die Message: Was früher getötet hat, soll die Menschen jetzt verbinden. Was mal furchtbaren Krach gemacht hat, soll jetzt einen ganz neuen Sound erzeugen.

 

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