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Foto: BR | Andrea Beer

Suchtkranke in Nordmazedonien bekommen eine Chance
Biotomaten statt Heroin

Auf unserem Öko-Hof werden Menschen behandelt und resozialisiert, die Drogen-, Alkohol- und spielsüchtig sind. Warum Bio? Die Idee war, das Menschen, die ein ganzes Leben lang starkes Gift nehmen, während ihrer Heilung gesundes Essen produzieren.

Sokrat Manchev, Psychologe und Sozialunternehmer

Salat. Tomaten. Therapie.

Mit Suchterkrankungen kennt sich Sokrat Manchev aus. Marihuana, Kokain, Heroin, oder Crystal Meth, Alkohol oder Spielsucht, der studierte Psychologe und Therapeut beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit allen Formen der Abhängigkeit und wie man sie behandeln kann. Schon vor Jahren fuhr er quer durchs Land und verteilte saubere Spritzen wo es nötig war.

Nordmazedonien hat offiziell rund 2 Millionen Einwohner und von diesen sind mehr als 20 000 Menschen suchtkrank, schätzt der 64-jährige Psychologe Sokrat Manchev, der die Szene seit mehr als 20 Jahren beobachtet. Viele nähmen Heroin und Kokain, oft gemischt mit Alkohol, aber auch Ersatz wie Methadon oder Buprenorphin hätten ein hohes Suchtpotential. An diesem Tag Ende Oktober 2020 führt der grauhaarige ruhig wirkende Mann über das große Gelände in der Nähe des Dorfes Banica, rund 150 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Skopje. Auf den ersten Blick sieht das weitläufige Gelände nicht wie die letzte Hoffnung für suchtkranke Menschen und ihre Angehörigen aus, sondern wie eine große Gärtnerei. Ein Traktor rattert über den Weg, Katzen streifen durch das Gras, ein Hund liegt gelassen an einer Hauswand. In den großen Gewächshäusern wachsen Gemüse und Obst. Kopfsalat, Rucola, Paprika, mehrere Tomatensorten oder Gurken werden ökologisch angebaut. In den Häusern des großen Hofs können bis zu 30 Männer mit Suchterkrankungen behandelt werden. Rund 30 Sozialarbeiter, Therapeuten, Sonderpädagogen und Psychologen – darunter auch Ehrenamtliche – begleiten den Entzug und die Therapie der Klienten und es gibt auch eine kleine Kirche. „Wir bekehren hier aber nicht“, betont Sokrat Manchev. Die Suchtkranken werden Klienten genannt und gemeinsam mit Landwirtschaftsprofis kümmern sich diese um den ökologischen Anbau. Auch Apfel- Nuss- und Kirschbäume gehören dazu. Wer sich jahrelang vergiftet hat, dem tut es gut, ökologische Produkte anzubauen, sagt Sokrat Manchev. Einen solchen Ansatz gibt es in Nordmazedonien nur bei Izbor und der Therapiegemeinschaft Pokrov – Obdach. „Für viele sind wir die letzte Chance“ , sagt Sokrat Manchev, als er in einer Sofaecke im „Entzugshaus“ sitzt und das Konzept erklärt. Eine der jungen Männer macht Kaffee, ein weiterer serviert frische Tomaten und Gurken. „Alles ökologisch“, betont er.

„Ich hatte genug von Straße und Gefängnis“

Bis zu 30 Männer können in der Anlage nahe dem Dorf Banica eine Therapie machen und auch Dimitar hat es hier geschafft. Er sitzt unter einem Baum auf dem Gelände von Izbor. Auf Deutsch bedeutet das „Wahl“ und auch der 37-Jährige hat sich entschieden. „17 Jahre lang war ich drogenabhängig“, erzählt er ruhig, dann wollte ich nicht mehr.

Ich hatte genug von dem Leben, das ich bis dahin geführt hatte. Ich wollte Veränderungen sehen. Nicht nur Gefängnis und Straße. Denn das ist ein Teufelskreis und es gibt keine andere Möglichkeit, solange man Drogen nimmt. Das ist so.

Dimitar. Machte in Izbor eine Therapie

Früher sei er oft aggressiv gewesen und habe große Probleme mit der Familie gehabt. Es sei sehr schwer im Land, Hilfe zu bekommen ergänzt Dimitar. Er erzählt nur Stück aus seinem teils schmerzvollen Leben mit Drogen. „Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll“, sagt er leise.

Betroffene und Angehörige sind oft hoch verschuldet

Viele der Klienten seien jahre- oder sogar jahrzehntelang süchtig gewesen und Drogen hätten ihre Persönlichkeit verändert, erzählt Sokrat Manchev. Die 18 Monate des Programms reichen deswegen nicht unbedingt aus. Zwei Jahre oder noch länger wäre wünschenswert. Nicht alle halten durch und es kommt auch vor, dass Menschen eine Therapie in Izbor abbrechen. Doch sie können wiederkommen, betont Sokrat Manchev, niemand werde aufgegeben. Auch für die Angehörigen ist die Sucht eines Sohns, Vaters, Neffen oder Bruders sehr belastend. Viele sind hochverschuldet und haben Kredite aufnehmen müssen, oft zu schlechten Bedingungen bei hohen Zinsen. Die meisten Familien seien wirtschaftlich am Ende, konstatiert der erfahrene Psychologe.

Trostlosigkeit am Stadtrand von Skopje

In Nordmazedonien wird in 11 Kliniken und zwei Einrichtungen in Psychiatrien Methadon im Rahmen von staatlichen Programmen an Menschen mit Suchterkrankung ausgegeben. Auch am Stadtrand von Skopje in einer Tagesklinik für drogenabhängige Menschen. Ein trostloser graubrauner Kasten, der von Sicherheitspersonal bewacht wird. Wenn Methadon ausgegeben wird sitzen die Suchtkranken rund 50 Meter entfernt auf einem Stein zusammen und warten. An diesem Tag ist auch Muhabi Livareka dabei. Hier kämen nur die älteren Drogenabhängigen her, meint der 48-jährige, das sei die letzte Station.

Es gibt keine Heilung, erst wenn man ins Grab gelegt wird.

Muhabi Livareka. Seit rund 35 Jahren suchtkrank

Muhabi Livareka klingt resigniert. Mit 13 habe er aus Neugier zum ersten Mal Heroin gespritzt. Tragischer Auftakt einer langen Geschichte von Sucht, Hoffnungslosigkeit und Stigmatisierung. Es gibt viele Vorurteile bestätigt Nadica Kirkova, die in der Klinik in Skopje arbeitet. Auch zu Zeiten von Corona geht die Behandlung der Menschen weiter, sagt die Ärztin – unter Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln.

Es gibt hier unter anderem eine Ambulanz. Ein Team aus Ärzten, Krankenpflegern, Psychologen, und Sozialarbeitern begleitet hier Menschen, die eine lebenslange Krankheit haben, sagt die Ärztin. Die Probleme seien vielfältig: Rückfälle, Schwierigkeiten in den Familien und in der Gesellschaft. Es brauche mehr Aufklärung in Schulen und damit Prävention, denn oft werde Drogensucht nicht als Krankheit, sondern als eine Art Lebenseinstellung der Betroffenen verstanden. Selbst bei medizinischen Mitarbeitern gäbe es Vorurteile, erzählt die Ärztin und sie betont:

Es handelt sich um eine schwere chronische, meist lebenslange Krankheit, die von vielen Rückfällen begleitet wird. Ein Großteil der abhängigen Menschen (Anm.: die wir hier behandeln) können verbal aggressiv werden, wenn sie noch andere Mittel nehmen. Dies geschieht auch weil sie nicht genug Unterstützung von Angehörigen haben. Und wegen der sozialen und existenziellen Probleme. Außerdem wegen Arbeitslosigkeit. Oft nutzen sie die (Anm.: Methadon-Burprenorphin) Therapie, um zu überleben.

Nadica Kirkova, Ärztin in Skopje

Die Methadonzi. Ersatzdroge Methadon und Schmerzmittel problematisch.

In letzter Zeit habe Kokainsucht zugenommen und viele nähmen Heroin und Kokain, oft gemischt mit Alkohol, so der Psychologe Sokrat Manchev. Aber auch die Ersatzdroge Methadon und das Schmerzmittel Buprenorphin seien ein großes Problem. Methadon sei leicht zugänglich und billig und er hält nichts von dieser Art der Therapie. Vorurteile und Stigmatisierung der Menschen mit Suchtproblemen, die kennt jedoch auch Manchev nur zu gut und auch der ruhige Dimitar hat die schwierigen Seiten der Drogensucht nicht vergessen. Respekt und Menschlichkeit hat er damals vermisst.

Man wird verurteilt. Es ist ein Tabu denn du bist unerwünscht und jeder weicht dir aus. Niemand will sich mit dir unterhalten und jede Tür wird vor dir zugeschlagen, egal wo man anklopft. Die nordmazedonische Gesellschaft ist nicht offen, sondern patriarchalisch und geschlossen und du wirst nur negativ gesehen.

Dimitar. Er war 17 Jahre lang drogenabhängig

Auch nach einer Therapie gehen die Probleme weiter. Denn Menschen, die eine Sucht besiegt haben finden nur schwer einen Arbeitsplatz. Deswegen gibt es in Izbor die Möglichkeit, weiter in der Gemeinschaft zu bleiben. Denn die Bioprodukte werden nicht nur hergestellt, sondern in der nahe gelegenen Stadt Strumica weiterverarbeitet, verpackt und an Supermärkte der Firma Tinex verkauft. Sokrat Manchev zeigt eine Fabrikhalle, in der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerade getrocknete Paprika verarbeiten und in Säcke verpacken. Hier sind Menschen beschäftigt, die ihre Sucht besiegt haben, aber auch Menschen mit geistigen Einschränkungen, die es in Nordmazedonien auf dem Arbeitsmarkt ebenfalls schwer haben.  Auch hier werden sie von Therapeuten, Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeitern unterstützt.

Soziales Unternehmen und größter Ökohändler des Landes

Die Nichtregierungsorganisation der Therapiegemeinschaft „Izbor“ wurde 1997 gegründet und sie ist mit der Zeit zu einem sozialen Unternehmen mit mehreren Einheiten angewachsen. Dies kauft weitere Bioprodukte hinzu und ist so zum größten Ökohändler in Nordmazedonien aufgestiegen. Zusätzlich zu bestehenden Verträgen gibt es Verhandlungen mit zwei weiteren Supermarktketten. 2020 machte das Okö-Sozialunternehmen nach eigenen Angaben umgerechnet rund 60.500 Euro Umsatz und bekam Spenden im Wert von 350.000 Euro für Trockner, Verpackungen der landwirtschaftlichen Produkte oder Fahrzeuge für den Transport. Damit soll der Umsatz weiter steigen. Alle Gewinne würden in neue Arbeitsplätze investiert. 2019 und 2020 wurden im Jahr etwa 500 Menschen in „Izbor“ behandelt. Jeweils rund 220 Abhängige in Gevgelija mit sauberen Spritzen versorgt.

„Ich fühle mich frei“

Die Therapieplätze sind begehrt und inzwischen gibt es sogar Anfragen aus Serbien oder dem Kosovo. Ein Therapieplatz kostet umgerechnet 750 Euro im Monat und das Sozialministerium in Skopje übernimmt 70 % der Kosten, eine enorme Hilfe, wie Sokrat Manchev betont. Die Klienten brauchen inzwischen einen negativen Coronatest. Nach einem Versuch, auch Frauen aufzunehmen gibt es nun nur männliche Klienten hier. Sie wohnen und essen zusammen und sitzen teils gemeinsam in der Gruppentherapie. Es gibt einen Fitnessraum, Bücher, Spiele, Katzen und Hunde, viel Natur und  eine große Portion Hoffnung. Dennoch ist es auch in Izbor schwer, eine Sucht zu überwinden. „Ich hau ab“, hören wir einen jungen Mann im Vorbeigehen sagen.  Dimitar hat seine Sucht überwunden und ein Gefühl wiederbekommen, dass ihm fremd geworden war.

Freiheit. Ich kann hingehen wo ich will. Wenn du süchtig bist kannst du das nicht machen. Ich fühle mich frei.

Dimitar. Er führt nun ein Leben ohne Drogen

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Hinweis: Die Bilder wurden Ende Oktober 2020 aufgenommen. Alle Informationen sind auf dem heutigen Stand.

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