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Die MeToo-Debatte in Serbien schlägt auch in Bosnien-Herzegowina und Kroatien Wellen. Foto: BR | Julia Müller

Serbische MeToo-Debatte schlägt Wellen
„Wenn wir schweigen, lassen wir das Böse zu“

Als Milena Radulovic am 20. Januar das Gebäude der Belgrader Staatsanwaltschaft verlässt, wartet ein Journalistentross auf sie. Die 25-jährige Schauspielerin schweigt aber und es wirkt so, als würde sie hinter ihrer Coronamaske Schutz suchen. Nur ihr Anwalt gibt ein knappes Statement ab: „Alles was wir erklären können ist, dass die Anhörung fünf Stunden gedauert hat. Sie ist jetzt beendet“. Milena Radulovic ist vor allem in Serbien und in Russland sehr bekannt. Am 16. Januar schockierte sie die serbische Öffentlichkeit mit einem Interview in der Boulevardzeitung Blic. Darin erzählt die junge Schauspielerin, dass sie vom Leiter ihrer Schauspielschule mehrfach vergewaltigt worden sei.

„Ich war 17 Jahre alt und sechs Jahre an der Schule von Miroslav Aleksic, als er mich vergewaltigte. Das geschah nicht nur einmal. Es wiederholte sich.“

Milena Radulovic, Schauspielerin

Schuldirektor Miroslav Aleksic ist in Serbien ein einflussreicher Mann und sitzt nun in Untersuchungshaft. Außer Milena Radulovic zeigten ihn fünf weitere junge Frauen wegen Vergewaltigung oder Belästigung an. Laut Medienberichten wirft ihm die Staatsanwaltschaft inzwischen insgesamt acht Vergewaltigungen und sieben weitere Übergriffe auf Schülerinnen vor. Milena Radulovic hat eine große Debatte über sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Serbien ausgelöst – in der einige bereits eine MeToo-Bewegung erkennen: Gut so, findet Vedrana Lacmanovic vom Autonomen Frauenzentrum in Belgrad:

„Zahlreiche Frauen und Mädchen sprechen jetzt über sexuelle Gewalt, die sie erlebt haben oder noch erleben. Familienmitglieder, Freunde und das Umfeld der betroffenen Frauen suchen jetzt nach Wegen, wie sie sie unterstützen können. Auch Eltern fragen sich jetzt, wie sie ihren Kindern helfen können, wie sie verhindern können, dass ihre Kinder Opfer von Missbrauch werden.“

Vedrana Lacmanovic vom Autonomen Frauenzentrum in Belgrad

Unter dem Hashtag #nisisama (du bist nicht alleine) solidarisieren sich Tausende im Internet mit Opfern sexualisierter Gewalt. Die bekannten Popstars Branko Djuric Djuro und Momcilo Bajagic Bajaga haben aus dem Hashtag sogar einen Song gemacht und ihn auch Milena Radulovic gewidmet:

 

 

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Quelle: Youtube | Branko Djuric – Djuro

Der Fall Milena Radulovic schlägt nicht nur in Serbien hohe Wellen. Auch im Nachbarland Bosnien und Herzegowina melden sich seitdem immer mehr Frauen öffentlich zu Wort. Zum Beispiel auf der Facebookseite „Nisam Trazila“ („Ich wollte das nicht“). Die Seite gibt es seit dem 18. Januar und inzwischen hat sie mehr als 36.000 Followerinnen und Follower. Auch Journalistin Aida Hadzimusic hat ihr Schweigen gebrochen und sexualisierte Gewalt durch einen ehemaligen Lehrer öffentlich gemacht:

„Ich war mir bewusst, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber hab du mal den Mut, dich einer Autoritätsperson gegenüber aufzulehnen, etwas zu sagen, bei all der Scham. Ich habe bei dem in Anführungszeichen Spiel immer so getan als würde ich schlafen. Ich habe zugelassen, dass er weitermacht. Das war mein Abwehrmechanismus.“

Aida Hadzimusic, Journalistin

Inzwischen haben die Filmhochschulen in Belgrad, Sarajevo und Zagreb reagiert und Anlaufstellen geschaffen, an die sich Opfer sexualisierter Gewalt direkt wenden können. Doch auch in anderen Bereichen der Gesellschaft sollten betroffene Frauen und Mädchen das Stigma der Gezeichneten ablegen und an die Öffentlichkeit gehen, sagt die 31-jährige Journalistin Aida Hadzimusic:

„Wir leben alle irgendwie am Rand. Und ich denke es ist sehr wichtig, dass wir damit anfangen, Licht ins Dunkel zu bringen. Dort wo es wirklich wichtig ist, wo auf Dinge hingewiesen werden muss.“

Aida Hadzimusic, Journalistin

Ihr gehe es nicht um persönliche Genugtuung, sondern darum, dass künftiger Missbrauch verhindert werde – sagt die Belgrader Schauspielerin Milena Radulovic im Zeitungsinterview vom 16. Januar, das die Debatte ins Rollen gebracht hat. Denn wenn wir als Zeuginnen schweigen, lassen wir das Böse zu. Eine wichtige Botschaft – sagt Vedrana Lacmanovic vom Autonomen Frauenzentrum in Belgrad:

„Diese heftige Reaktion der Öffentlichkeit sollte jetzt genutzt werden, um sexuelle Gewalt zu erkennen und nicht darüber zu schweigen. Wir sollten Mechanismen aufbauen, damit schnell, angemessen und rechtzeitig auf solche Fälle reagiert wird und die Schuldigen verurteilt werden – damit sich solche Sachen nicht mehr wiederholen.“

Vedrana Lacmanovic vom Autonomen Frauenzentrum in Belgrad

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Die Schauspielerin Milena Radulovic erzählt in einem Interview mit der serbischen Boulevardzeitung Blic, dass sie vom Leiter ihrer Schauspielschule mehrfach vergewaltigt worden sei. Archivfoto vom 14.03.2019 | picture alliance/dpa | Sergei Karpukhin
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