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Eine von zwei externen Covid-Ambulanzen des Gesundheitszentrums der Belgrader Stadtgemeinde „Vozdovac“, wo die erste Triage stattfindet. Die Diagnostik findet dann im zentralen Gebäude des Gesundheitszentrums statt, ausschließlich nach Anweisungen der Ärzte aus den Ambulanzen. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Serbien in der Corona-Pandemie
Täglich fast 8.000 Neuinfektionen – zwei neue Covid-19-Krankenhäuser

Mit rund 8.000 Neuinfektionen pro Tag weist Serbien mit seinen sieben Millionen Einwohnern derzeit die meisten neuen Corona-Ansteckungen in Europa auf. Die Zahlen in Serbien kämen einer Neuinfektions-Anzahl von 100.000 in Deutschland gleich. Mit der Errichtung von zwei neuen großen Covid-19-Krankenhäusern, die binnen vier Monaten am Stadtrand von Belgrad und im zentralserbischen Krusevac gebaut worden sind, hoffen Regierung und Bevölkerung, ausreichend Betten- und Intensiv-Kapazitäten geschaffen zu haben. Doch die Abwanderung des medizinischen Personals in den vergangenen zehn Jahren hat gerade bei der Anzahl der Krankenschwestern und Pflegern tiefe Spuren hinterlassen.

Die neue Direktorin des frisch fertiggestellten Covid-19-Krankenhauses in Batajnica, einem nordöstlichen Vorort von Belgrad, steht zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen im Ärzte- und Pflegeteam vor großen medizinischen Herausforderungen. Der Hospitalkomplex zur Versorgung von Covid-19 Patienten ist am 4. Dezember eröffnet worden, vier Monate nach Baubeginn. Tag und Nacht seien Menschen im Einsatz, schildert sie gegenüber dem serbischen TV-Sender N1 einige Tage später. Sie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schlängelten sich unter Kränen und Baggern durch, um in dem Krankenhaus-Block zu gelangen, in dem schon gearbeitet werden könne:

Ich kann aufrichtig sagen: Von diesen 390 Patienten wären ein Drittel sichere Todesfälle, wenn sie in diesen letzten fünf Tagen nicht hier aufgenommen worden wären.

Tatjana Adzic Vukicevic, Direktorin Covid-19-Krankenhaus in Batajnica

Das neue Covid-19-Krankenhaus bei Belgrad habe bislang rund 400 Patienten aufgenommen. Mit der vollen Kapazität von 930 Betten, davon 250 Intensivbetten, könne es derzeit nicht arbeiten, weil es an ausreichend Ärzten und Pflegepersonal mangele, so die Direktorin. Ein Teil der Ärzte, die hier arbeiteten, sei wie sie vom „Klinischen Zentrum Serbiens“ gekommen, darunter auch junge Mediziner ohne größere Erfahrung. Ein zweites Covid-19-Krankenhaus werde, so kündigte Staatspräsident Aleksandar Vucic am Donnerstag an, in einer Woche den Betrieb aufnehmen können, in Krusevac, nördlich von Nis. Beide Hospitäler seien binnen vier Monate errichtet worden. Mit Blick auf das erste Covid-Krankenhaus nördlich von Belgrad erklärte Vucic, dass mit diesem Bau „Hunderte von Menschenleben gerettet“ worden seien. Derzeit befänden sich 9.000 Menschen landesweit in den Krankenhäusern. Er rechne damit, dass die Corona-Pandemie „länger anhalten“ werde.

Die Corona-Situation in Serbien wird von der Regierung als „schwer, aber auch nicht dramatisch“ bezeichnet. Gesundheitsminister Loncar versichert, dass das serbische Gesundheitssystem nicht zusammengebrochen sei und „kämpfe.“ Die Anzahl der täglichen Neuinfektionen, die Anfang November noch bei 2.000 lag, schnellte exponentiell steil nach oben, pendelte sich auf sehr hohem Niveau ein und liegt derzeit bei knapp 8.000 Neuinfektionen pro Tag. 34 Prozent aller Corona-Tests fallen momentan positiv aus. Serbien sei in die Corna-Pandemie mit einem Gesundheitssystem geraten, dem mehr als zehn Prozent des medizinischen Personals fehlten, sagt Dr. Vercia Ilic, Epidemiologin der kritischen Ärztevereinigung „Vereint gegen Covid, einen Tag nach Eröffnung des neuen Covid-Krankenhauses dem serbischen Fernsehsender Nova. Mehr als 2.500 Ärzte und Pflegepersonal seien während der Pandemie erkrankt. Es sei zwar „wirklich schön, dass dieses Krankenhaus (in Batajnica) eröffnet“ worden sei. Aber damit es wirklich funktioniere und nicht der Eindruck entstehe, dass etwas gemacht worden sei, um sagen zu können, dass „man etwas macht“, sei es notwendig gewesen, auch das medizinische Personal vorzubereiten.

Ein Blick auf die Bettenkapazitäten im europäischen Vergleich zeigt, dass das serbische Gesundheitssystem schon vor der Corona-Krise leicht über dem europäischen Durchschnitt lag: Auf 100.000 Einwohner kamen in Serbiens öffentlichen Krankenhäusern 567 Betten. Der europäische Durchschnitt liegt bei 541. Allerdings die Vergleichszahlen bei der Anzahl der Ärzte pro Einwohner zeigt ein anderes Bild: In Serbien kommen auf 100.000 Einwohner 296 Mediziner, der  europäische Durchschnitt liegt bei 372. Bei den Krankenschwestern und Pflegern fällt der Vergleich noch gravierender aus. Die Abwanderung des medizinischen Personals in den letzten zehn Jahren hat eine große Lücke hinterlassen, gerade was Krankenschwester/Pfleger anbelangt. Da liegt Serbien um 50 % unter dem europäischen Durchschnitt.

Zwar werden jede Woche neue Ärzte und Krankenschwester angestellt und die Löhne wurden kumulativ innerhalb der letzten zwei Jahre um 40 – 60 % erhöht, doch der Mangel bleibt weiterhin sehr ausgeprägt.

 

Im Lockdown befindet sich Serbien nicht. Geschäfte und Handel haben offen, bis 17 Uhr, am Wochenende müssen sie schließen. Schulen sind bis zur 4. Klasse ebenfalls offen, die älteren Schüler sind im Fernunterricht, Kneipen und Restaurants sind bis 17 Uhr geöffnet und müssen nur übers Wochenende vollständig schließen. Mit Sorge blicken Politik und Mediziner auf die kommenden Feiertage, sie appellieren an die Bevölkerung, alle Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts zu verringern und Silvester nur im Kreis der Familie zu feiern. Dr. Srdjan Jankovic, Immunologe und Mitglied des serbischen Krisenstabes:

Der Kern ist, dass sich die Lage nicht weiter verschlechtert. Das exponentielle Wachstum wurde bereits gestoppt, aber eine Besserung ist etwas, was wir erst sehen sollen. Es ist zu früh und zu unverantwortlich, in diesem Augenblick über eine Besserung der Situation zu reden. Würden wir jetzt sagen, dass sich die Situation bessern kann, ohne die (bisherigen) Maßnahmen umzusetzen, würden wir unsere Bemühungen sabotieren. Ich meine nicht nur den Krisenstab, sondern uns alle. Es kann keine Besserung geben, wenn wir alle nicht das notwendige tun, auch wenn es schmerzhaft ist: Masken, Distanz und sich nicht versammeln.

Dr. Srdjan Jankovic, Immunologe und Mitglied des serbischen Krisenstabes

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