Google Maps-Vorschau - es werden keine Daten von Google geladen.

Foto: BR | Ekaterina Popova

Bulgariens Nein zu Nordmazedoniens EU-Beitrittsgesprächen
Außenministerin Sachariewa über Sofias Gründe

Es ist ein Streit über nationale Identität und Sprache, über Geschichte und Souveränität – ein Streit, der den Erweiterungsprozess der EU derzeit zum Stoppen bringt: Bulgarien lehnt die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit Nordmazedonien ab: So sei die Sprache, die die zwei Millionen Einwohner Nordmazedoniens sprechen, ein bulgarischer Dialekt und könne nicht „mazedonisch“ oder „nordmazedonisch“ genannt werden, sondern „offizielle Sprache der Republik Nordmazedonien.“ Dies müsse Nordmazedonien einräumen, bevor Bulgarien dem Rahmenabkommen zur Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen zustimmen könne. Am Dienstag dieser Woche  erklärte der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, im Anschluss an die Beratungen der EU-Europaminister, dass deswegen die Beitrittsverhandlungen mit Nordmazedonien (und Albanien) wohl in diesem Jahr nicht mehr aufgenommen werden könnten. Gegenüber dem ARD Studio Südosteuropa hat Bulgariens Außenministerin Ekaterina Sachariewa vor einigen Tagen die Positionen ihres Landes erläutert.

Ausschlaggebend seien mangelnde „Garantien für die gutnachbarschaftlichen Beziehungen und die Umsetzung bilateraler Abkommen“, die Bulgariens Regierung dazu gebracht hätten, der Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen mit Nordmazedonien derzeit nicht zuzustimmen. Damit bezieht sich Bulgariens Chefdiplomatin auf den 2017 geschlossenen „Freundschafts- und Nachbarschaftsvertrag“ zwischen Sofia und Skopje. Dort wurde unter anderem vereinbart, dass eine gemeinsame Historikerkommission einvernehmlich die bisherigen Streitfragen der Geschichte beider Länder lösen sollte. Eine Aufgabe, an der die Historikerkommission scheiterte. Außenministerin Sachariewa Anfang dieses Monats in Sofia:

Bulgarien will, dass die historische Wahrheit anerkannt wird. Das war für Nordmazedonien kein Problem, als es den Vertrag unterzeichnete - die gemeinsame Geschichte, die uns vereinen und nicht spalten sollte. Das ist das Ziel. Wir sagen nicht: "Diese Helden sind nur unsere." Wir sagen: "Sie sind gemeinsame Helden." Das ist die moderne Denkweise zweier Länder, insbesondere, wenn sie in der EU zusammen sein wollen. Es kann nicht sein, dass jedes Mal, wenn jemand in Nordmazedonien öffentlich sagt, dass einer dieser Helden ein Bulgare war, er öffentlichem Lynchen unterworfen wird. 30 Jahre nach dem Sturz totalitärer Regime dürfen totalitäre Methoden und Ansätze keine staatliche Politik sein.

Ekaterina Sachariewa, Außenministerin Bulgarien
Die Ministerpräsidenten Nordamzedoniens, Zoran Zaev (links) und Bulgariens, Bojko Borrisow (rechts) am 10. November 2020 in Sofia. Beide Länder haben die Westbalkan-Konferenz gemeinsam ausgerichtet. Neben den sechs Westbalkan-Staaten Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien waren EU-Mitgliedstaaten, darunter Co-Organisator Bulgarien und Deutschland, sowie Vertreter der Europäischen Kommission und weiterer europäischer und internationaler Organisationen an der (Video-)Konferenz beteiligt. Foto: picture alliance / AA | Bulgarian Prime Ministry / Handout
Die Ministerpräsidenten Nordamzedoniens, Zoran Zaev (links) und Bulgariens, Bojko Borrisow (rechts) am 10. November 2020 in Sofia. Beide Länder haben die Westbalkan-Konferenz gemeinsam ausgerichtet. Neben den sechs Westbalkan-Staaten Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien waren EU-Mitgliedstaaten, darunter Co-Organisator Bulgarien und Deutschland, sowie Vertreter der Europäischen Kommission und weiterer europäischer und internationaler Organisationen an der (Video-)Konferenz beteiligt. Foto: picture alliance / AA | Bulgarian Prime Ministry / Handout

In Bulgarien ist die Auffassung sehr weit verbreitet, dass es sich bei der Sprache des Nachbarlandes um einen bulgarischen Dialekt, und nicht um eine eigenständige Sprache, die sich erst nach Gründung Jugoslawiens 1945 und der Eingliederung des heutigen Territoriums Nordmazedoniens in den neuen Staat Jugoslawien unter dem Einfluss der damaligen kommunistischen Führung entwickelt habe. Daher lehnt Bulgarien Bezeichnungen wie „mazedonisch“ oder „nordmazedonisch“ ab, vielmehr müsse es „offizielle Sprache der Republik Nordmazedonien“ heißen. Dies wiederum stößt auf nordmazedonischer Seite auf schroffe Ablehnung, zumal der zwei Millionen Einwohner große Balkanstaat – seit 2005 EU-Beitrittskandidat – erst vor zwei Jahren seinen Staatsnamen in „Nordmazedonien“ geändert hatte, um im Namensstreit mit Griechenland das Veto Athens gegenüber der Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen aufheben zu können. Ferner beharrt Bulgarien auf Änderungen in den nordmazedonischen Schulbüchern. Außenministerin Sachariewa nannte dabei Anfang Dezember im ARD-Interview dieses Beispiel:

Die Bulgaren werden in den Lehrbüchern in der Republik Nordmazedonien immer noch als Faschisten bezeichnet. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie 75 Jahre nach dem Kriegsende als Faschisten bezeichnet werden?

Ekaterina Sachariewa, Außenministerin Bulgarien

Die bulgarische Regierung werde darauf bestehen, dass ihre Anliegen Platz im Verhandlungsrahmen finden sollten, der den EU-Beitrittsgesprächen mit Nordmazedonien ihren Rahmen gebe. Nordmazedonien sollte diesen Verhandlungsrahmen annehmen und dem zustimmen:

Ich möchte nicht, dass wir die Republik Nordmazedonien aufhalten. Aber wenn wir im Verhandlungsrahmen gar keine Garantien haben, ist es unmöglich, "Ja" zu sagen. Also, egal ob von der jetzigen oder der nächsten EU-Ratspräsidentschaft, wenn unsere Vorschläge im Verhandlungsrahmen zur Diskussion gestellt werden, wird Bulgarien in der Lage sein, "Ja" zu sagen.

Ekaterina Sachariewa, Außenministerin Bulgarien

Angesprochen auf die Zustimmung Bulgariens im Frühjahr dieses Jahres zur Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit Nordmazedonien, die schon mehrfach verschoben worden ist, verweist Ekaterina Sachariewa erneut auf den „Freundschafts- und Nachbarschaftsvertrag“, der eingehalten werden müsse:

Nordmazedonien ist offensichtlich nicht einverstanden, dass die Verträge über Freundschaft, gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit überwacht werden und Teil des Verhandlungsrahmens sind. Wenn man (in Nordmazedonien) sagt, dass man den Vertrag (mit Bulgarien) einhalten wird, obwohl man ihn jetzt nicht einhält, warum ist es ein Problem, die gute Nachbarschaft - ein horizontales Maastricht-Kriterium - in den Verhandlungsrahmen aufzunehmen? Es gab solche Texte im Verhandlungsrahmen Kroatiens. Dies ist kein Präzedenzfall.

Ekaterina Sachariewa, Außenministerin Bulgarien

Soundcloud-Vorschau - es werden keine Daten direkt von Soundcloud geladen.

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
0:00 | 0:00
Was Sie noch interessieren könnte

Kommentare (4)

Iliya am

Beschämend ist, dass ein europäisches Land im 21 Jh. auf stalinistische and titoistische Werte schwört, sich der Geschichte und Volkshelden seiner Nachbarn bedient und gleichzeitig gegen sie Hass predigt. Aus dem Grund brauchte man einen Freundschaftsvertrag an den sie sich aber nicht halten. Bulgariens Regime sind gut untersucht und verurteilt worden aber sie NS zu nennen ist Tito’s Propaganda. Man hat die jüdische Bevölkerung in BG vor dem sicheren Tod retten können, das war kein NS Staat. Zur Sprache behauptet RNM, der 1945 kodifizierte BG Dialekt wäre eine Jh. alte unabhängige Sprache, daher die Formulierung. Erst wenn der wilde Makedonismus und der Hass ausgerottet sind, wäre RNM bereit für Europa.

    SoulProvider am

    Ich muss meinem Vorredner hier ganz klar widersprechen, Bulgarien hat in seiner Geschichte so oft die Seiten gewechselt, dass das Land zum Schluss selbst nicht wusste zu welchem Pakt es angehört und welche Verpflichtungen zu erfüllen sind. Es hat seine Geschichte immer so interpretiert wie es der oportunen Staatsführung ( welche immer es auch war) zu dem Zeitpunkt passte. Bulgarien als keinen NS Staat zu bezeichnen ist moderne Geschichtsfälschung nach dem Motto“ warten wir weitere 75 Jahre ab und die Sache ist vergessen“ und stellt ganz klare Tendenzen zur Holocaustleugnung dar . Ich zitiere hier die Jüdische Allgemeine:

    Denn auch wenn die Juden aus dem sogenannten bulgarischen »Altreich« überlebten, kamen doch die Juden in den seit April 1941 von Bulgarien besetzten Gebieten Vardar-Mazedonien und Ägäisch-Thrakien fast alle in der Schoa ums Leben. Mehr als 11.000 Juden aus Bulgariens »neuen Gebieten« wurden mit Zügen nach Treblinka verbracht und in den Gaskammern ermordet.

    Nein,nein,- jetzt sich als Saubermann des Zweiten Weltkrieges hinzustellen und Maßnahmepakete von anderen einzufordern
    ( ohne die eigene Vergangenheit aufgearbeitet zu haben) wäre viel zu einfach- dann hätte Bulgarien aus dem Jahrzehntelangen Kommunistischen Unterdrückung rein nichts gelernt

      randomComment am

      You clearly know nothing about history to be able to judge anything. Bulgaria as the comment above said has confronted all the totalitarian regime lies for the thirty years it has been a true democracy. From the stupid monuments built by it … to the condemnation of the said regime from parliament. The „approval“ of the former regime in Bulgaria is in the lower part of single digits. How much is the „approval“ of the Tito regime in Macedonia? Why is nobody in Macedonia talking about the thousands of Bulgarians killed in ditches after WW2 by the Tito regime? Why?
      In Bulgaria everyone knows of Belene and the crimes of the regime. The Bulgarian prime-minister visited the grave of the 11000 jews that couldn’t be saved from the death camps due to Nazi Germany’s pressure and paid his respects.
      Skopie is officially celebrating Tito in the 21st century… let that sink in. In Bulgaria except the 10 80-90 year olds, no one „celebrates“ Zhivkov. (let alone official „celebration“).

Darko am

als Mazedonier kann ich nur sagen: es ist beschämend das sowas im Jahre 2020 von einer Außenministerin eines EU-Landes kommt.

In Bulgarien fand nie eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und deren Rolle im Zweiten Weltrkrieg statt und stattdessen soll jetzt Mazedonien die Geschichtsbücher ändern und die bulgarische Okupation Mazedoneins im Zweiten Weltkrieg außer Welt schaffen!

Mazedonish ist als eigenständige südslawische Sprache in der ganzen Welt annerkannt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.