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Thumana, in dem 24 Menschen starben (insgesamt kamen 51 Menschen bei dem Erdbeben am 26. November 2019 ums Leben). Ingenieur Safet Bresha leitet die Bauarbeiten für die neue Volksschule und den Kindergarten. Das anliegende Areal wird komplett mit neuer Infrastruktur, Strassen, Strom- und Wasseranschluss etc. versehen. Foto: BR | Clemens Verenkotte

Wiederaufbau in einem armen Land
Ein Jahr nach dem schweren Erdbeben in Albanien

Die Hilfsbereitschaft war groß, in ganz Albanien sowie im Ausland: Das schwere Erdbeben der Stärke 6,4, das kurz vor 4:00 Uhr morgens die Region um Tirana, Durres und die angrenzenden nördlichen Bezirke erschütterte, war die folgenschwerste Naturkatastrophe seit vielen Jahrzehnten. 51 Menschen starben, mehrere Hundert Menschen wurden verletzt, Wohnhäuser, Schulen, Kindergärten und andere Gebäude wurden zerstört bzw. schwer beschädigt. Nach Angaben der albanischen Regierung waren knapp 100.000 Wohnungen und Gebäude von den Folgen des Erdbebens betroffen. Schäden, die auf rund eine Milliarde Euro geschätzt wurden. Heute, ein Jahr nach der Naturkatastrophe, ist der Wiederaufbau mitten im Gang.

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Xhemile und Fatmir Veizi stehen vor dem Rohbau ihres neuen Hauses. Jeden Tag verfolgt das ältere Ehepaar aus Shijak, einer 50.000 Einwohner großen Stadt auf halbem Wege zwischen der Hauptstadt Tirana und der Hafenstadt Durres, wie ihr neues Zuhause Gestalt annimmt. Auf ihrem eigenen Grundstück, dort, wo, ihr altes, zweistöckiges Haus einmal stand. „Wir freuen uns, wenn wir sehen, dass es gebaut wird. Wir sind damit sehr zufrieden, denn wir sind nur zu zweit und wir bekommen eine Fläche von 75 Quadratmetern.“ Ihre Tochter hatte ihnen den kleinen Laden überlassen, der auf dem elterlichen Grundstück stand und das Erdbeben überstanden hat. Bis Neujahr, so hofft das ältere Ehepaar, könnten sie in ihre neue Wohnung einziehen. Sie denken mit Schrecken an den Morgen des 26. November 2019 zurück: „Als die Erde bebte, sind wir rausgelaufen. Aber das war so ein Schrecken, unvorstellbar. Wir dachten, der Boden unter unseren Füßen verschwindet.“

Auch Myftar Lami aus Shihak erinnert sich, wie alle im Lande, an diesen Novembermorgen: „Wir hatten geschlafen. Ich weiß nicht, wie spät es war. Dann bebte es, wir sind raus. und als es hell wurde, haben wir gesehen, die Wände waren auseinandergebrochen. Das Haus brach nicht zusammen, aber die Wände waren zerstört.“ Seitdem leben seine Frau, sein Sohn und er in einer behelfsmäßigen Welldach-Behausung. Das Nachbarhaus, ein solider, dreistöckiger Bau, blieb vom Erdbeben vollkommen verschont. Er blickt auf den Rohbau seines neuen Hauses auf seinem Grundstück. Zu Neujahr soll es fertig sein, sei ihm von der Stadt gesagt worden.

Elton Arbana, der 36jährige Bürgermeister von Shijak, gilt als Vorzeige-Kommunalpolitiker: Ihm sei es gelungen, sehr schnell und effizient die großen Sachschäden aufzunehmen, Grundstücke für Neubauten auszuweisen und räumen zu lassen, und trotz Corona zügig mit dem Wiederaufbau seiner schwer in Mitleidenschaft gezogenen Stadt zu beginnen: Die Sachschäden seien sehr groß gewesen: 30 Mehrfamilienhäuser, 567 Häuser, 140 Einfamilienhäuser, vier Schulen, ein Kindergarten, die Moschee von Shijak, und das Kulturhaus. Todesopfer habe seine Stadt nicht zu beklagen gehabt, doch die übrigen Schäden seien immens gewesen. In drei Schichten, fast rund um die Uhr, hätten sein Stadthaus-Team und er seitdem gearbeitet – und mit dem Resultat zeigt sich Bürgermeister Arbana – durchaus zufrieden: „Bis jetzt haben wir mit den Arbeiten für 567 Wohnungen oder Einfamilienhäuser begonnen. Parallel dazu haben wir die Baustellen für 30 Mehrfamilienhäuser fertiggestellt, das heißt wir haben die Erdarbeiten, wie Kanalisation, Telefon- und Stromanschluss schon abgeschlossen.“

Thumana, die Kleinstadt rund 30 Kilometer nordwestlich von Tirana, war vom Erdbeben ganz besonders heimgesucht worden, 24 Menschen starben unter den Trümmern eingestürzter Wohnhäuser.  Jetzt ragt ein großer, heller Betonkomplex auf einer freien Fläche im Stadtgebiet von Thumana in die Höhe – der Neubau einer Volks- und Realschule, eines Kindergartens, neuer Sportanlagen. Safet Bresha, Bauleiter eines albanischen Baukonzerns, steht vor dem Rohbau der neuen Schule. Vor zwei Monate hätten sie hier mit den Arbeiten begonnen. „Im Februar werden wir den Schulbau fertigstellen, innerhalb von vier Monaten werden wir das einweihen.“ Neben dem Schulneubau liegt eine große, freie Fläche – auf der auch gearbeitet wird: Strom- und Wasserleitungen sind bereits verlegt, Bordsteine gesetzt, Vorbereitungen für den Wiederaufbau an der Stelle, an der das Beben die meisten Todesopfer in Thumana gefordert hatte.

Tiranas Bürgermeister Erion Veliaj, der mit seinen 40 Jahren schon auf eine fünfjährige Amtszeit zurückblicken kann, erinnert sich – wie jeder im Lande – genau an den frühen Morgen vor einem Jahr: „Wir hatten zwei große Epizentren im Umland, Kombinat und Kino Studio, zwei klassische Wohnbezirke in Tirana.“ Das seien überwiegend Gebäude gewesen, die vor allem in Eigenarbeit in den 70er und 80er Jahren errichtet worden seien. „Fast zum Ende des untergegangenen Regimes, sehr billige Materialien, die hatten keine Arbeitskräfte mehr.“ In diesen beiden Wohnbezirken baut die Stadt Tirana neue Mehrfamilienhäuser auf, ganze Straßenmeilen entlang, jeweils für rund 350 Familien.

 

Im Februar, kurz vor Ausbruch der Pandemie, sagten die EU und internationale Organisationen insgesamt 1,15 Milliarden Euro für den Wiederaufbau nach dem Erdbeben zu. Aus welchen Mitteln die bisherigen Baumaßnahmen finanziert worden sind? Tiranas Bürgermeister gibt zurück: „Das meiste, wenn nicht das ganze Geld, das wir derzeit ausgeben, ist nur unser Geld.“ Albanien habe viele Zusagen bekommen, wie es bei internationalen Konferenzen der Fall sei. Aber die Bürokratie brauche Zeit. Daher: „Wir verwenden nur unser Geld, d.h. Regierungsgeld und städtisches Geld.“ Die Verteilung der internationalen Finanzhilfe werde über die UNDP abgewickelt, das Entwicklungsprogramm, die jeweils gezielt Projekte mit den Bauträgern vereinbare. Länder wie die Schweiz, Deutschland, Italien, die Türkei oder Tschechien hätten allerdings bilateral rasch geholfen.

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