Google Maps-Vorschau - es werden keine Daten von Google geladen.

Foto: BR | Edit Inotai

Orban-Regierung plant Verfassungsänderung
Ungarns Streit um ein Märchenbuch

Was ist eine Familie? Und wer gehört dazu? Ende der letzten Woche hat Ungarns Regierung angekündigt, in die Verfassung ihre Definition von Ehe und Familie aufzunehmen. Justizministerin Judit Varga formulierte den Verfassungszusatz mit den Worten: Kindern müsse garantiert werden, auf der Wertegrundlage groß zu werden, die auf „Ungarns christlicher Kultur“ basiere. „Die Mutter ist eine Frau, der Vater ein Mann.“ Nur Ehepaare dürften künftig Kinder adoptieren, Singles müssten eine Genehmigung des Familienministeriums erhalten. Vor diesem Hintergrund sorgt die Veröffentlichung eines Märchenbuchs seit Wochen schon für eine heftige innenpolitische Debatte.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten direkt von YouTube geladen.

Material: Edit Inotai / YouTube

Bearbeitung: Studio Wien

Es ist seltsam, dass ein Kinderbuch einen politischen Skandal verursacht, aber genau das passiert in Ungarn. Das Buch “Märchenland gehört allen“ wurde am 20. September in Ungarn veröffentlicht, herausgegeben von „Labrisz“, der Lesbischen Vereinigung Ungarns. Das Buch enthält 17 Geschichten, teilweise geschrieben von bereits bekannten Schriftstellern sowie von jungen Autoren. Die Idee des Herausgebers war Märchen umzuschreiben, in denen die Helden etwas anders sind: Marginalisiert, einer Minderheit angehörend, arm, behindert oder mit anderen sexuellen Orientierungen, als in traditionellen Märchen. Zum Beispiel möchten Prinzessinnen nicht um jeden Preis heiraten, sondern Abenteuer erleben und bestehen. Andere Märchenfiguren flüchten vor häuslicher Gewalt oder leben mit einem Vater zusammen, der Alkoholiker ist. Es gibt eine Geschichte über einen Hasen mit drei Ohren oder über einen Jungen, der der Roma-Minderheit angehört und dem eine Karriere als Sänger gelingt und einen Freund findet oder eine Geschichte über einen Prinzen, der sich in einen anderen Prinzen und nicht in eine Prinzessin verliebt.

Die innenpolitische Debatte über das Märchenbuch wurde von Dóra Dúró ausgelöst, der stellvertretenden Parteivorsitzenden der rechtsradikalen Partei „Mi Hazánk“ (Unsere Heimat, einer Splitterpartie von Jobbik). Dóra Dúró vernichtete während ihrer Online-Pressekonferenz das Buch demonstrativ in einem Reißwolf. Ursprünglich hätten die Herausgeber nicht damit gerechnet, dass mehr als 2000 Exemplare verkauft würden. Der Skandal hat aber „Märchenland gehört allen“ in den Bestsellerlisten hochkatapultiert. Bis heute ist es schon mehr als 16.000 Mal verkauft worden. Die Partei „Mi Hazánk“ organisierte Anfang Oktober eine Protestveranstaltung vor dem Büro von „Labrisz“, der Lesbischen Vereinigung, in Budapest. Während der Protestaktion erklärte Dóra Dúró, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass die sexuelle Orientierung nicht nur ein vererbbares Merkmal sei, sondern auch von der Umwelt und der Erziehung beeinflusst werde.

Auch die Orban-Regierung hat sich mit dem Märchenbuch beschäftigt: Kanzleramtsminister Gergely Gulyás sagte, dass „homosexuelle Propaganda“ nicht in den Kindergarten gehöre. Das Buch ist nicht für Kleinkinder empfohlen, sondern für Schüler. Der Bürgermeister von Csepel, einem Arbeiterbezirk von Budapest – hat das Buch in den Kindergärten des Bezirks verboten. Ministerpräsident Viktor Orbán äußerte sich ebenfalls zu dem Buch. In einem Radiointerview sagte er Anfang Oktober:  “Ungarn ist ein tolerantes und geduldiges Land in Bezug auf Homosexualität. Aber es gibt eine rote Linie, die nicht überschritten werden kann, und ich werde meine Meinung dazu zusammenfassen: Lasst unsere Kinder in Ruhe!“

Es wurde auch eine Bürgerinitiative gegen das Buch gestartet. Die Petition von „CitizenGo“ wurde von mehr als 80.000 Menschen unterschrieben, die von Buchhandlungen verlangt, das Buch nicht zu vertreiben. Die Veranstalter der Bürgerinitiative lehnten gegenüber der ARD eine Stellungnahme zu ihrer Aktion ab.

Was Sie noch interessieren könnte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.