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Fatime ist 7 Jahre alt und lebt in Nordmazedonien. Foto: Privat

Fatime und ihres Vaters Traum
Unsere Zukunft ist in Deutschland

Es gibt Menschen, die Fatime als Schande für die Gesellschaft sehen

Irfan Asani über Vorurteile gegenüber seiner Tochter Fatime

Den Ranzen noch, dann ist Fatime fertig für die Schule. Die 7-jährige geht in die zweite Klasse in Raduša, ein albanisch bewohntes Dorf rund 25 Kilometer westlich von Skopje. Das zierliche Mädchen liebt Musik, liest und zeichnet gerne und möchte Lehrerin oder Ärztin werden, sagt jedenfalls ihr Vater Irfan Asani. Während er sie anzieht schaut Fatime aus dunkelbraunen leicht schrägen Augen noch verschlafen in die Runde.

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Fatime und ihres Vaters Traum

Autorin: Andrea Beer

Kamera: Andrea Beer, Schaban Bajrami

Videobearbeitung: Thomas Wachholz

Sie trägt eine rosa Maske und ein graues Sweatshirt zu hellgrauen Jeans, die langen braunen Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Angezogen ist es nicht zu sehen, doch Fatime braucht einen Katheter, Windeln, regelmäßig Medikamente und ein Menge Unterstützung im Alltag. Fünfmal am Tag muss sie neu versorgt werden, sagt ihr Vater. Im September 2013 kam sie mit einem offenen Rücken und „Wasserkopf“ auf die Welt, ihre Beine kann sie nicht bewegen. Querschnittslähmung bei Spina Bifida und Hydrocephalus, so der medizinische Fachausdruck. Die Diagnose erfuhren die Eltern Hanife und Irfan Asani im zweiten Monat der Schwangerschaft. „Treiben Sie doch ab“, raten einige Ärzte beim Ultraschall, erzählt Irfan Asani. Undenkbar für die religiösen Eheleute, die ihre Kinder als ein Geschenk Gottes betrachten. „Sie ist so schlau“, sagt Irfan Asani über die jüngste seiner drei Töchter, „und sie tanzt in ihrem Rollstuhl“. Sohn Hatab ist ein ernst wirkender 14-jähriger, der Fatimes 24 Stunden Betreuung mit schultern muss und auch die 9-jährige Schwester Hamize wird mit einbezogen.

Treppen und Hindernisse statt Rampen, Treppenlift und Aufzug

Mit Fatime auf dem Arm geht Irfan Asani hinunter in den Hof und setzt sie in den Rollstuhl. An diesem Morgen schiebt Hatab seine kleine Schwester in die Schule. Das Geld für die Rampe am Eingang dort hat ein lokales Bauunternehmen gespendet. Bei Regen und Schnee sind die Wege schnell schlammig und schwer befahrbar und die kleine Straße vor dem Haus, haben Verwandte der Asanis auf eigene Kosten asphaltieren lassen. Die Infrastruktur sei eine Katastrophe, so Asani und Raduša beileibe keine Ausnahme. In ganz Nordmazedonien sind Menschen mit Behinderung benachteiligt.  Es fehlen Rampen, Treppenlifte und Aufzüge und damit der Zugang in die Gesellschaft. Stattdessen heißt es: draußen bleiben. Denn unüberwindliche Treppen verhindern das hinein rollen in Kindergärten, Schulen, Geschäfte, Bahnhöfe und Arztpraxen, aber auch das Einsteigen in einen Bus, den Kino- oder Schwimmbadbesuch. Und auch Gehwege gibt es oft keine. Auch Eingänge zu Behörden seien oft nicht möglich, bewertet auf Anfrage die „Vereinigung von Bürgern mit körperlicher Behinderung“ in Skopje, die Situation für ihre insgesamt 8200 Mitglieder. Laut Gesetz bekämen Menschen mit Behinderungen in Nordmazedonien umgerechnet zwischen rund 75 und 160 Euro, je nach Art der Einschränkung und Diagnose. Es gäbe zudem Steuererleichterungen, Prothesen oder Rollstühle, allerdings keine elektronischen, so die Auskunft. Viel zu niedrige Löhne sind in dem langjährigen EU-Beitrittskandidaten ohnehin ein Problem und für die Betroffenen ist auch die Sozialhilfe viel zu niedrig. Irfan Asani verdient als Autohändler nach eigener Angabe gut, doch auch er ist auf die Unterstützung von Verwandten, Freunden oder Spenden von Unternehmen angewiesen. Umgerechnet bekommt die Familie Asani magere 85 Euro Sozialhilfe pro Monat für Fatime, doch die realen Ausgaben lägen zwischen 500 und 700 Euro, rechnet Irfan Asani vor, je nach Bedarf auch deutlich höher. Zurzeit seien die beiden elektrisch angetriebenen Rollstühle in der Reparatur, denn die Elektronik sei äußerst wasseranfällig. Nur eine von vielen Extraausgaben, die die Asanis stemmen müssen. Fatime hat auch drei elektronisch angetriebene Rollstühle, die sie mit einem Joystick selbst steuern kann. Das verschafft ihr zumindest eine gewisse Unabhängigkeit. Zwei der Rollstühle hat die Familie Asani gekauft, einen hat ein Unternehmen gespendet. Doch die Elektronik sei anfällig und die Reparaturen mit umgerechnet rund 1000 Euro pro Rollstuhl teuer. Auch Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung sind ein Thema, so Irfan Asani, dessen Frau Hanife sich während des gesamten Besuchs im Hintergrund hält.

Fatime ist jetzt schon älter und bringt uns manchmal mit ihren Fragen in Bedrängnis. Sie fragt ihre Mutter wann sie laufen kann. Es gibt Menschen, die sie als Schande für die Gesellschaft sehen und sie ausgefragt haben, ob sie schon so geboren wurde oder später krank geworden ist. Als sie das gefragt wurde ist sie weinend nach Hause gekommen. Wir haben immer noch die Hoffnung, dass sie laufen wird.

Irfan Asani

Korruption im Gesundheitssystem ist ein Problem

Fatimes Schulweg führt durchs Dorf, vorbei an der großen Moschee mit dem weitläufigen Friedhof.  Es geht über teils holprige Wege. Die beiden kommen auch an einem Dorfcafe vorbei, in dem ausschließlich Männer die Weltlage besprechen. Ein übliches Bild in den albanisch bewohnten Gebieten auf dem Land. Einer steckt Hatab im Vorbeigehen ein paar Geldscheine zu. Er trägt die typisch albanische weiße runde Häkelmütze. „Danke“, murmelt der Junge und schiebt Fatime wieder zurück nach Hause, denn die Schule beginnt heute später. Fatimes Gesundheit ist äußerst anfällig und Hygiene ist das A und O, vor allem jetzt in Zeiten von Corona. Auch ohne das Virus ist es schwierig genug, denn unerwartet können Komplikationen auftreten. Zum Beispiel mit der Wasserpumpe in Fatimes Kopf. Dann braucht sie umgehend ärztliche Behandlung. Mitarbeiter des Gesundheitssystems seien jedoch oft korrupt, so Irfan Asani.

Wenn du im Krankenhaus niemanden bestechen kannst, wirst du nicht behandelt, so wie es dir gesetzlich zusteht. Wenn man niemanden kennt der Beziehungen hat und anruft bekommst du deine Untersuchungen nicht. Man lässt dich einfach sterben.

Irfan Asani, Vater von Fatime

Zur Bestechlichkeit von medizinischem Personal käme eine erdrückend sinnlose Behörden-Bürokratie, erzählt der Vater.

 

Abwanderung auch aus Raduša

Die älteste Tochter der Familie ist in Berlin verheiratet, ein Ort an den viele aus Raduša ausgewandert sind. Erkennbar auch an den vielen Berliner Autokennzeichen im Ort, in dem viele Häuser nur zeitweise bewohnt sind, da viele im Ausland leben. Das Auswandern ist in allen sechs Westbalkanländern ein Problem, dessen Folgen überall spürbar sind. Zu wenig Ärzte, zu wenig Pflegepersonal, vor allem auf dem Land. Das Dorf Raduša liegt nahe der Grenze zum Kosovo. 2001 war die Gegend eine Hochburg der UCK, der damals schon aufgelösten „Kosovobefreiungsarmee“, beziehungsweise eines Ablegers in Nordmazedonien. Diese kämpfte vor knapp 20 Jahren gegen die nordmazedonische Armee. Ein Denkmal am Ortseingang erinnert an die Rolle der UCK bei dem kriegerischen Konflikt vor fast 20 Jahren.

Wo möchtest du leben?

„Wir sind so froh, dass wir Fatime haben“, sagt Irfan Asani. Er und seine Frau Hanife sind stolz auf ihre Tochter. Sie wünschen sich mehr Unterstützung von Staat und Gesellschaft und weniger Vorurteile gegenüber Menschen mit Einschränkung. Foto: BR | Andrea Beer
„Wir sind so froh, dass wir Fatime haben“, sagt Irfan Asani. Er und seine Frau Hanife sind stolz auf ihre Tochter. Sie wünschen sich mehr Unterstützung von Staat und Gesellschaft und weniger Vorurteile gegenüber Menschen mit Einschränkung. Foto: BR | Andrea Beer

Fatime sitzt inzwischen neben ihrem Vater und ist ein wenig aufgetaut. „Ich habe Hatab zum Lachen gebracht“, erzählt sie ihrem Vater. „Wo möchtest du leben?“ fragt Irfan Asani seine jüngste Tochter. „In Deutschland,“ antwortet sie brav. Wie alle in der Familie Asani kennt sie den Wunsch ihres Vaters, mit der Familie nach Deutschland zu gehen. Irfan Asani erhofft sich dort eine gute medizinische Behandlung für Fatime und die Zukunft in einem Land, in dem Menschen mit Behinderung bessere Chancen haben, davon ist er felsenfest überzeugt. Deutschland, das zieht sich seit Jahren wie ein roter Faden durch den Alltag der Familie Asani.

Zweimal Deutschland und zurück

An einem Tisch im Hof blättert Irfan Asani in seinen umfangreichen Unterlagen. Einen Tag nach ihrer Geburt im September 2013 wurde Fatime das erste Mal operiert und die ersten 14 Monate ihres Lebens verbrachte sie fast durchgehend im Krankenhaus in Skopje. Ihre Krankengeschichte, die Behördendokumente und weitere Unterlagen füllen inzwischen viele Ordner. Jedes Detail, jede Behandlung, jede medizinische Krise hat ihr Vater parat und kann dies auf Nachfrage mit Dokumenten belegen. Im August 2015 entschließt sich die Familie, die Koffer zu packen. Sie fahren zu Verwandten nach Leverkusen und von dort aus nach Dortmund in eine Flüchtlingsaufnahmestelle. Die Asanis stellen einen Asylantrag und begründen dies mit der komplexen Behinderung der jüngsten Tochter, die in Deutschland besser behandelt werden könne. Im Frühjahr 2015 war Irfan Asani zudem überfallen worden. Eine Gruppe bewaffneter Männer stoppte sein Auto und schoss auf den Wagen. Die kleine Fatime saß mit im Auto und Irfan Asani erzählt, er habe irgendwie entkommen können, etwa elf Männer habe er gezählt, der Fall sei bis heute nicht aufgeklärt. Nun versuche er so gut wie möglich, alles tagsüber zu erledigen.

Der August 2015 ist die Zeit der großen Fluchtbewegung über den Balkan und die Aufnahmeeinrichtungen in Deutschland sind überbelegt. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für die Familie Asani mit der so verletzlichen Fatime und auch die Atmosphäre in den Unterkünften habe den Kindern Angst gemacht, erinnert sich Irfan Asani. Fatime ist damals erst zwei Jahre alt und die hygienischen Bedingungen für sie reichen in den jeweiligen Unterkünften nicht aus. Eine Ochsentour durch mehrere Einrichtungen beginnt und Fatime bekommt irgendwann Fieber, einen roten Rücken, Probleme mit der Wasserpumpe. Ein Nerv sei von der Wirbelsäule eingeklemmt, so Irfan Asani, was längst hätte behandelt werden müssen. Je älter Fatime werde, desto schwieriger sei eine solch ohnehin komplizierte Operation. Über Umwege und mit Hilfe der Familie und einiger Unterstützer landen die Asanis schließlich in Löningen im Kreis Cloppenburg rund 60 Kilometer nördlich von Osnabrück. Sie bekommen ein Haus zur Verfügung gestellt, fühlen sich beim Sozialamt gut aufgehoben und nach langen Wochen voller Stress kehrt endlich ein wenig Ruhe ein.

Eine Entscheidung mit Folgen

Irfan Asani fühlt sich von einem Mitarbeiter der zuständigen Ausländerbehörde nicht korrekt behandelt, doch alles hätte nun gut werden können, davon scheint der 40-jährige felsenfest überzeugt. Fachärzte in Osnabrück hatten Fatime ausführlich untersucht und später auch operieren wollen. Irfan Asani hält Rücksprache mit Fatimes behandelndem Arzt in Skopje und dieser rät von der OP ab. Fatime könne bei dem Eingriff in Deutschland noch mehr beeinträchtigt werden oder sogar sterben, so der Arzt. Irfan Asani stürzt in eine tiefe Krise, er redet sich ein, dass Fatime sterben könne. Seine Frau Hanife redet mit Engelszungen auf ihn ein, doch vergeblich.

Meine Frau hat mich angefleht. Bitte Irfan, wegen solcher Ärzte sind wir doch gerade weggegangen. Die uns schon ein Vermögen gekostet haben. Ich bin in eine Depression verfallen, habe Tage und Nächtelang nicht schlafen können und mich vollkommen verrückt verhalten. Als meine Frau das gesehen hat sagte sie, es genügt, wenn unsere Tochter krank ist und es fehlte noch, dass der Mann verrückt wird. Und sie hat zugestimmt, dass wir zurückkehren.

Irfan Asani

Die Asanis reisen also freiwillig wieder nach Nordmazedonien aus. Dass er 2015 Fatimas Operation in Osnabrück abgelehnt hat das quält Irfan Asani offenbar sehr, vielleicht hätte seine Tochter irgendwann ja sogar laufen können, macht er sich Vorwürfe und legt immer wieder den Kopf in die Hände. Er habe die Entscheidung sofort bereut. 2018 unternehmen die Asanis einen zweiten Versuch und erneuern in Deutschland ihren Asylantrag. Sie möchten nach Löningen zurück und die versäumte Operation Fatimes nachholen. Doch die Kraft scheint nicht zu reichen und sie reisen wieder aus. Sie versäumen es, sich offiziell abzumelden, was sich erst später wieder klären lässt. Inzwischen hat Irfan Asani einen befristeten Arbeitsvertrag mit der Deutschen Post und wartet auf ein Visum. Wie es weitergeht weiß Irfan Asani im Moment nicht und auch für Fatimes Bruder Hatab ist die Zukunft ungewiss. Er würde gerne Architekt werden, doch ginge Hatab aufs Gymnasium würde er bei der Betreuung von Fatime schmerzlich fehlen, sagt sein Vater.

Ich möchte nach Deutschland. Nicht, weil ich reich werden möchte dort. sondern weil dort unsere Zukunft ist. Das ist mein Traum.

Irfan Asani

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