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Foto: BR | Jan Heier

Coronavirus in Österreich
Sorgen vor einem Ausfall der Wintersaison

In Österreichs Wintersportorten wächst die Angst, dass die Corona-Pandemie die wirtschaftlich wichtigste Zeit des Jahres verhageln könnte. Kanzler Kurz appelliert an die Disziplin, steht aber auch selbst in der Kritik.

In den österreichischen Alpen wächst wegen der steigenden Infektionszahlen und  der verschärften Maßnahmen die Sorge um einen Einbruch der Wintersaison. Darum kann sich auch der Bürgermeister von Sölden, Ernst Schöpf, nur bedingt über das erste Ski-Weltcup Wochenende freuen, das in seiner Gemeinde am letzten Wochenende über die Bühne gegangen ist. In seiner Rückschau spricht er zwar ein sportlich „tolles Wochenende“, allerdings vermisste der Bürgermeister die Atmosphäre der letzten Jahre. Das heißt Rennen mit Fanclubs und Zuschauern, die sonst immer nach Sölden gekommen sind. Und so stellt sich Ernst Schöpf vor allem Fragen: Was kommt in diesem Winter noch auf die Gemeinde zu? Wird es wegen der deutschen Reisewarnung überhaupt eine halbwegs reguläre Wintersaison geben?

Das sind für uns natürlich trübe Aussichten. Unser Ehrgeiz ist, dass wir in Österreich und notabene Tirol mit diesen Zahlen zurückfahren können, durch Disziplin, durch Maßnahmen, durch Verordnungen, weil der Winter beginnt ja erst.

Ernst Schöpf, Bürgermeister von Sölden

Im Gespräch mit dem ARD Studio Wien ist Schöpf auch nicht besonders gut auf die Krisenpolitik von Land und Bund zu sprechen. Er stellt vor allem das Instrument der Corona-Ampel in Frage. Seine Kritik: „Ja langsam wird’s a bisserl verwirrend.“

Man merkt eines: Zudrehen ist zunächst ganz einfach, aber das Lockern dann und so dass, der dem Joch des Regimes unterworfene Bürger das auch noch verfolgen kann, das leidet inzwischen schon. Da wird von Rot nach Grün geschalten und so weiter.

Ernst Schöpf

Für Wintersportorte wie Sölden ist der Winter die Haupteinnahmesaison. Weil Buchungsausfälle von 50 Prozent oder mehr befürchtet werden, werden sogar Forderungen nach einem regional begrenzten Lockdown zum jetzigen Zeitpunkt laut. Das Motiv: Dadurch könnten die Infektionszahlen spürbar zurückgehen, so dass das deutsche Robert Koch Institut seine Reisewarnung aufheben könnte. Der Bürgermeister von Sölden hält davon aber nichts: „Ich wäre da ein bisserl vorsichtig. Wir hatten ja einen Lockdown und irgendwann geht’s ja auch um die Menschen, um deren Gemüt und darauf müssen wir jetzt höllisch aufpassen.“

Sorge vor einem zweiten Lockdown

Ähnlich sehen das auch Mitarbeiter in den Hotels, Gaststätten oder Bars. Es wird schwieriger, sagt Camilla de Crisdofaro, Mitarbeiterin eines Gastrobetriebes in Sölden dem ARD Studio. „Ein Lockdown wäre sehr sehr schwer zu verkraften, weil in Sölden jeder vom Tourismus lebt … und mit dem Lockdown geht natürlich viel, viel Einkommen verloren.“ Anders als der Bürgermeister ist Camilla mit dem Krisenmanagement der Behörden zufrieden. Sie lobt vor allem Kanzler Sebastian Kurz. „Er macht das schon gut und er macht das auch frühzeitig“, sagt sie.

Sein schnelles Agieren im Frühjahr hat Kurz jetzt aber auch Kritik eingebracht. Dass Kurz im März die Quarantäne über das Patznauntal verkündet hatte, wurde gerade von der unabhängigen Expertenkommission zum Krisenmanagement in Ischgl, als Fehler bezeichnet. Im Prüfbericht, der am 12. Oktober in Innsbruck präsentiert wurde, ist von einer „folgenschweren Fehleinschätzung“ die Rede. Die Quarantäneanordnung des Kanzlers sei „überraschend und ohne Bedacht“ erfolgt. Kurz habe „ohne formelle Zuständigkeit“ gehandelt und sich auch zu wenig mit den Landesbehörden abgestimmt. Das Fazit der Experten: Erst dadurch sei es zu Panikreaktionen gekommen.“

Unterschiedliche Bewertung des Krisenmanagaments

Jetzt fragen sich Tourismusverantwortliche, wie die neuen Vorgaben umgesetzt werden sollen, die diese Woche von Kanzler und Landeshauptleuten beschlossen wurden. Der Geschäftsführer von „Ötztal Tourismus“, Oliver Schwarz, stellt vor allem die Regel in Frage, wonach sich auch bei privaten Treffen in geschlossenen Räumen nur sechs Personen treffen dürfen. „Wie man das kontrollieren will, das frage ich mich. Obwohl, wenn man schon sagt, die Probleme kommen aus dem privaten Umfeld, dann würde das sicher Sinn machen“, meint Schwarz. Er nennt auch eine Sperrstunde um 22:00 Uhr kontraproduktiv, weil er befürchtet, dass dann die Feiern im privaten Bereich stattfinden werden.

Bundeskanzler Sebastian Kurz, der diese Tage mehrmals an die Bevölkerung appellierte diszipliniert zu sein, ist bei der Diskussion über schärfere Maßnahmen eher in der Rolle des Moderators, denn des Akteurs. Sperrstunden aber auch regionale Lockdowns erlassen in Österreich die Bundesländer. Darum gibt es bislang auch keine Maskenpflicht auf viel besuchten öffentlichen Plätzen. So musste Kanzler Kurz einräumen, dass über die Frage einer derartigen Maskenpflicht überhaupt nicht diskutiert wurde.

Wie die Wintersaison in Österreichs Bergen letztlich verlaufen wird, das kann derzeit wohl niemand mit Gewissheit voraussagen. Vorfälle, wie sie diese Woche im Tiroler Zillertal beobachte wurden, könnten es aber schwer machen, die erhoffte Aufhebung der Reisewarnung zu erreichen. So veröffentlichte eine Zeitung Fotos aus Hintertux, auf denen Skifahrer dicht gedrängt und ohne Mund-Nasen-Maske zu sehen sind. Daneben stand der Kommentar: Anscheinend habe man aus Ischgl nichts gelernt.

Fast ganz Österreich jetzt Risikogebiet

Dass das Robert Koch Institut jetzt fast ganz Österreich als Risikogebiet einstufte wurde zunächst mit Verständnis aufgenommen. Passanten in Wien sagten dem ARD Studio:

Ich kann das absolut nachvollziehen, diese Reaktion von Deutschland, weil sich das ja nicht gegen Österreich richtet, sondern im Rahmen eines Konzepts stattfindet, das ich persönlich für sehr sinnvoll erachte.

Elisabeth Wieselthaler, Passantin

Ich hoffe, dass die Deutschen so hartnäckig sind, dass sie sich das Skifahren nicht nehmen lassen.

Leon, Passant

Die österreichische Bundesregierung wollte die deutsche Entscheidung nicht kommentieren. Aus dem Auenministerium hieß es, man nehme das zur Kenntnis. Nur Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) reagierte verärgert und sagte: „Ich bin persönlich überhaupt kein Freund dieser Praxis der inflationären Reisewarnungen, weil uns das in Europa nicht weiterbringt. Wir müssen woanders ansetzenden das sind gemeinsame Initiativen.“

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