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Der Kuss auf der Brücke. Nur eines von vielen Motiven. Foto: BR | Christian Limpert

Kleine Brücke, großer Andrang
Die Fotojäger vom Zillertal

Den anstrengenden Aufstieg haben sie hinter sich, jetzt kommt der langweilige Teil: 30 Minuten Schlange stehen. Semira und Manuel Scheuing, beides erfahrenen Bergwanderer, sind aus Stuttgart angereist. Hier hoch allerdings seien auch sie nur gekommen, um dieses eine Foto zu machen. „Semira wollte das unbedingt!“, lacht Manuel, „da bin ich halt mit.“ Ein bisschen ernüchtert sind die beiden jetzt schon. So viele andere Motivjäger hätten sie hier oben nicht erwartet, sagt Semira.

Schon ein bisschen bekloppt was hier los ist, ich glaube 90 Prozent sind echt nur wegen der Brücke da!

Semira Scheuing, Bergwanderin aus Stuttgart

Die Brücke mit Aussicht: 1000mal fotografiert, millionenfach geteilt. Es scheint, als ginge es hier oben, rund 2400 Meter über dem Meeresspiegel um nichts Anderes als ums Posen. Denn aus der richtigen Perspektive scheint es, als schwebe die Hängebrücke schwindelerregend über dem Abgrund, weit über dem kristallblauen Schlegeis-Stausee. Allein dieses Motiv aber ist nicht genug, Spagat, mit nur einer Hand an der Brücke hängend, Kopfstand, Küssend. Keine Pose, die hier oben noch nicht fotografiert wurde. Alles übrigens völlig ungefährlich, denn die Brücke führt gerade mal zwei Meter über einen Gebirgsbach.

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Kleine Brücke. Großer Andrang

Autor: Christian Limpert

Schnitt: Christine Dériaz

Kamera: Daniel Dzyak

Die Reise hoch zu ihr beginnt unten im Tal. Am Schlegeisspeicher beginnt dieses Tour, schon der liegt auf 1800 Metern Höhe. Die erste Herausforderung: Parkplatz finden. 900 davon gibt es, oft schon am Vormittag besetzt.

Suyhele hat einen der letzten ergattert, sie ist aus der Schweiz angereist. Im Rucksack hat sie verschiedene Outfits für die Brücke. In der Hand: ihr Smartphone.

Vor der Wandertafel schießt sie das erste Selfie. Eineinhalb Stunden soll der Aufstieg dauern, so steht es hier. Suyhele wird es, wie viele anderen, in dieser Zeit nicht schaffen. Nach 15 Minuten Aufstieg: erstmal Luft holen und ein Blick auf den See, der jetzt schon ein bisschen tiefer liegt. Suyheles Ziel aber bleibt die Brücke.

 

Ich hab‘ das gesehen im Internet, ich hab mir gedacht ich möchte auch da hoch. Klar hab ich mir das nochmal angeguckt, hab noch ‘ne leichte Fußverletzung, deshalb habe ich Stöcke dabei.“

Suyheles, Foto-Touristin aus der Schweiz

Der Weg: eine hochalpine Wandertour, 600 Höhenmeter geht’s den Berg rauf und wieder runter.  Seitdem die Brücke oben so berühmt ist, kommen an Spitzentagen bis zu 1800 Menschen. Die meisten von ihnen seien gut ausgestattet und verhielten sich vorbildlich, berichtet die Wirtin der Olpererhütte, oben kurz vorm Ziel.

Das sehen manche Wanderer anders. Elfriede Loos zum Beispiel, Bergwanderin aus dem fränkischen Lauf an der Pegnitz. Sie kennt die Hütte noch aus der Zeit, als es hier keine Brücke gab. Damals sei dieser Berg noch ein wirklich idyllischer Ort gewesen, berichtet sie. Damit ist es jetzt vorbei.

Das ist schon erschreckend, wie die jungen Leute das hier konsumieren und auch nicht im Sinne von Wandersleuten hier raufgehen. Die wollen nur ein Foto machen und gehen wieder runter. Ich mein für die Wirtschaftlichkeit von der Hütte ist es gut, aber so was man sich unter Bergwandern vorstellt weniger.“

Elfriede, Bergwanderin aus dem fränkischen Lauf an der Pegnitz

Knapp 3 Stunden nach dem Start hat es Suyhele noch immer nicht geschafft. Gut 50 Höhenmeter unterhalb der Olpererhütte hat sie sich erneut auf einen Stein gesetzt. Auf den Fotos im Internet sah das alles leichter aus, sagt sie. „Da gab’s einen Punkt da hab‘ ich fast keine Luft mehr gekriegt, da hab ich gedacht ich weiß nicht ob ich das schaffe. Und wenn ich die anderen Leute gefragt habe, wie weit noch? Dann: oh noch sehr weit. Da hab‘ ich richtig Panik bekommen.“

Ein paar Meter weiter aber scheint alle Anstrengung vergessen. „Hallo Brücke“, jubelt Suyhele. Neben einem eleganten Cocktail-Einteiler hat sie eine schwarze Jacke dabei. Und einen Bikini.

Zur gleichen Zeit ein paar Meter weiter unten: Einsatz eines Rettungshubschraubers.

Eine junge Frau hat sich beim Aufstieg verletzt, muss ausgeflogen werden. Es ist die zehnte Bergrettung hier in dieser Saison.

Oben geht das Shooting weiter. Hanna und Maren aus Belgien sind direkt im Sommerkleid auf den Berg gewandert. Und in Turnschuhen. Die Highheels haben sie unten gelassen, sagen sie und lachen. Ihr Motiv: Barfuß auf der Brücke. Auch das ist nicht neu! „Das macht nichts,“ sagt Hanna. „Ich mag meine Fotos, ich mag mein Instagram, da stell‘ ich das rein“. „Wir haben schöne Kleider an, wir sind glücklich“, ergänzt Maren.  Die Aussicht von der Brücke aus genießen können sie heute übrigens nicht, mehr als zwei Minuten Zeit bleiben nicht für das Shooting auf der Brücke. Denn spätestens dann drängeln die nächsten.

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