Google Maps-Vorschau - es werden keine Daten von Google geladen.

Ein erster Auslauf für die Fohlen nach der Trennung von Müttern. Videostandbild: BR | Daniel Dzyak

Trauer, geschickt genutzt
Was Profipferdezucht bedeutet

Hans Wohkittel hat am Morgen alles mit seinem Team besprochen: dass die Mitarbeiter unter allen Umständen ruhig bleiben müssen, ja nicht hektisch werden. Als Stationsleiter des Fohlenhofs Kampl in der Steiermark wohnt er direkt neben dem Stall, seit sechs Monaten hat er jeden Entwicklungsschritt der Herde mitverfolgt.

 

Die Herde – das sind Lipizzaner-Stuten und ihr Nachwuchs, der später unter anderem in der Spanischen Hofreitschule Wien landen wird. Dort sind die Leistungen der Tiere weltberühmt – doch seinen Anfang machen sie hier, wenn die Fohlen noch ganz klein sind. Seit der Geburt der Fohlen haben Wohkittel und sein Team bewusst so viel Zeit mit den Tieren verbracht, dass diese bereits sehr stark auf die Menschen fokussiert sind.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten direkt von YouTube geladen.

Trauer, geschickt genutzt. Was Profipferdezucht bedeutet

Autorin: Nadja Armbrust

Kamera: Daniel Dzyak

Schnitt: Günter Stöger

Als Wohkittel an diesem Morgen den Stall betritt, muss er die neugierigen Fohlen immer wieder zurückschieben – so nah kommen sie ihm. Scheu vor Menschen sieht anders aus. Dass die Fohlen gleich zu Beginn an die Mitarbeiter gewöhnt werden, ist der erste Schritt für ihre weitere Ausbildung. Der zweite Schritt findet heute statt: alle Fohlen von den Stuten trennen. Die Jungen sind etwa sechs Monate alt – genau das Alter, in dem sie hier am Hof traditionell die Trennung durchführen. Bisher waren die Fohlen noch keine Minute ohne die Mütter.

 

 

Der spannende Moment ist, wenn wir die Tiere rausführen, die Fohlen die Mütter suchen und die Mütter die Fohlen rufen.

Hans Wohkittel, Stationsleiter Fohlenhof Kampl

Die abrupte Fohlentrennung findet nicht nur am Lipizzanergestüt statt, sondern ist in der Pferdezucht weit verbreitet. Tierschützer kritisieren sie, eine plötzliche Trennung finde in der Natur nur selten statt. Sie sei immer ein traumatisches Erlebnis – und die könnten Verhaltensstörungen auslösen.

 

Zuchtbetriebe, wie eben der Fohlenhof Kampl, verweisen darauf, dass auch in der Natur manche Stuten ihre Fohlen abrupt verdrängen. „Wir unterstützen hier nur die Natur“, sagt der Gestütsleiter des Gesamt-Lipizzanergestüts Piber, Erwin Movia.

 

Es müsse den Leuten klar sein, dass in der Pferdezucht die Fohlen nicht nur wie im Märchen mit ihren Müttern auf der Wiese herumspringen. Movia und auch der Stationsleiter des Fohlenhofs, Wohkittel, verweisen an diesem Morgen vor der Trennung immer wieder darauf, wie viel sie unternehmen, um die Trennung für die Fohlen und Stuten so gut wie möglich vorzubereiten. Dazu gehöre, dass die Mitarbeiter die Fohlen schon in den Monaten vor der Trennung bewusst stark auf sich geprägt haben, damit diese sich an ihnen orientieren, wenn die Mutterstuten weg sind. Vor allem aber sei wichtig, dass die Mitarbeiter nach der Trennung für die Fohlen da sind.

 

Diese Phase, wenn die Fohlen trauern, nutzen sie hier bewusst intensiver, schmusen, spielen Ball mit ihnen.

 

Wir Menschen werden nun zum neuen Leittier. Das ist der Grundstein für ihre weitere Ausbildung - bis sie die Lipizzaner werden, die Zuschauer in der Spanischen Hofreitschule sehen.

Erwin Movia, Gestütsleiter Lipizzanergestüt Piber

Zum Hintergrund: Im Jahr 2016 wurde das „Wissen um die Lipizzaner -Zucht“ von der UNESCO zum nationalen immateriellen Kulturerbe der Menschheit ernannt. UNESCO begründet diesen Schritt damit, dass „das Wissen, das hinter dieser Pferdezucht steckt, seit mehr als 400 Jahren von Generation zu Generation im Wesentlichen mündlich weitergegeben wird.“ Träger dieses Wissens in Österreich sind die Mitarbeitenden des Gestüts Piber, das seit 100 Jahren Lipizzaner für die Spanische Hofreitschule in Wien züchtet.

Was Sie noch interessieren könnte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.