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Mit einem Repertoire an bayerischen Liedern versucht die Blaskapelle, eine ähnliche Atmosphäre wie auf dem Oktoberfest in München zu schaffen. Foto: BR | Ekaterina Popova

Seit 10 Jahren organisiert ein Bulgare ein bayerisches Oktoberfest bei Sofia
´O'zapft is!´ 1300 Kilometer von München entfernt

„Eins, zwei, drei… O’zapft is!“ Das Festbier sprudelt aus dem Fass, der Schaum läuft aus den großen Krügen über, die Gäste jubeln. Die Blaskapelle spielt deutsche Volksmusik. Kellnerinnen in bayerischen Trachten manövrieren schwer beladen zwischen den Tischen. Darauf stehen Teller mit Schweinshaxen, Brathähnchen und Würstchen mit Kartoffelsalat.

Das berühmte Oktoberfest in München? Falsch! Dieses Oktoberfest wird 1300 km südöstlich von Bayern gefeiert – in Bojana bei der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Bulgaren, Österreicher, Deutsche und sogar ein Portugiese stoßen mit einem Bier der ältesten Brauerei der Welt an.

Mehrere hundert Liter Festbier hat die Gaststätte „Der alte Birnenbaum“ schon im April extra für ihr dreitägiges Oktoberfest bestellt. Dazu noch Würstchen und sogar traditionelle Hüte, die unter den Gästen verteilt werden. „Alle Kunden im Restaurant heute wussten im Voraus, dass ein Oktoberfest stattfindet und sind extra dafür gekommen. Einige tragen sogar traditionelle bayerische Trachten“, freut sich der Besitzer Jordan Petrow.

Der 70-jährige Gastwirt organisiert das Oktoberfest in Bojana schon seit 10 Jahren, kennt aber das Original nicht – denn er war selber noch nie auf dem Oktoberfest in München. Dafür erlebte Petrow aber mehrmals das Oktoberfest der deutschen Gemeinschaft in Chicago mit, wo er lange Jahre ein eigenes Lokal betrieb. „Das hat mich sehr motiviert. Ich mag die Organisation, die Art der Kommunikation“, sagt er. 2011 kehrte Jordan Petrow in seine Heimat zurück, eröffnete „Den alten Birnenbaum“ am  Fuße des Witoscha-Gebirges bei Sofia und organisierte das erste bulgarische Oktoberfest – „ein Fest, wo sich die Leute wohl fühlen, wo sie ihre Alltagssorgen vergessen“. Im Laufe der Jahre etablierte es sich als allseits bekanntes Ereignis am Anfang des Herbsts – mit traditionellen bayerischen Bierarten, Speisen und Musik.

Seit vier Jahren wird das Organisationsteam von einem österreichischen Schlagersänger verstärkt. Armin Jan Hoffmann lebt in Bulgarien und hat das Lokal zufällig als Gast entdeckt. Inzwischen ist er ein eifriger Fan des Oktoberfests in Bojana, kümmert sich um die Unterhaltung und singt selber dabei.

„Ich habe das Münchener Oktoberfest miterlebt. Es ist ein Volksfest der Superlative. Kein Fest auf der ganzen Welt hat eine derartige Größe und eine derartige Popularität. Es wurde vielfach probiert, aber die Münchener Atmosphäre wird natürlich niemals erreicht. Dennoch ist das hier eine unglaublich schöne Tradition, die sich auch im Kleinen umsetzen lässt“, meint Hoffmann.

„Ähnlich auf dem bulgarischen Oktoberfest sind die Speisen, die Getränke, weil sie gezielt aus Bayern importiert werden. Komplett unterschiedlich ist die Dimension, die Größenordnung, weil hier versucht wird, die Atmosphäre, die in einem Zelt in München geschaffen wird, in einem kleinen Gastgarten zu erreichen, aber es funktioniert trotzdem“, sagt der Sänger.

In diesem Jahr ist das Oktoberfest in Bojana besonders klein. Wegen der Corona-Maßnahmen feiert man nur im Freien, die Zahl der Gäste ist um 30% reduziert worden, es gibt weniger Tische und sie stehen weiter auseinander, damit jede Gruppe für sich feiern kann. Es wird kaum getanzt. Desinfektionsmittelspender hängen überall.

Trotz der komplizierten Umstände kam es für Gastwirt Jordan Petrow nicht in Frage, das Oktoberfest in Bojana dieses Jahr abzusagen. Auch wenn das Original in München coronabedingt nicht stattfindet:  „Ich war mir sicher, dass wir das Oktoberfest auch in diesem Jahr machen würden, weil die Lage in Bulgarien nicht so schlimm ist, wie im Ausland. Es hat uns hier nicht so sehr betroffen.“

Schlagersänger Armin Jan Hoffman sagt, dass Feste gerade in schwierigen Situationen gefeiert werden sollten, wie sie fallen:  „Und wenn wir die Möglichkeit haben, unter den Sicherheitsvorkehrungen, die heutzutage notwendig sind, ein Fest zu etablieren, ist es ganz wichtig, solche Feste auch stattfinden zu lassen. Wir halten die Maßnahmen ein, können den Gästen Sicherheit bieten und ihnen trotzdem nichts an der Freude nehmen“.

Natascha aus Deutschland bestätigt die Worte des Sängers: „Ich finde es toll. Ich fühle mich in Bulgarien sicherer als in Deutschland.“

Nicht nur Gäste aus dem deutschsprachigen Raum, sondern auch viele Bulgaren, die das Münchner Oktoberfest kennen, sind froh, dass sie wenige Kilometer entfernt ein bisschen eine ähnliche Atmosphäre spüren können. „Auf dem Oktoberfest hier genieße ich die Zeit, das Bier, die Gesellschaft. Es hat ein Stückchen von meiner zweiten Heimat mit sich“, sagt die 31-jährige Ani Trajkowa, die 10 Jahre lang in Deutschland gelebt hat.

„Natürlich werden große Veranstaltungen in diesem Jahr nicht stattfinden, wie wir sie kennen“, meint sie. „Man könnte vielleicht sagen, dass es hier in Bulgarien etwas lockerer ist. Nein, es ist nicht. Wir haben nur den Weg gefunden: Wir halten es kleiner, wir halten uns an den Regeln. Am Tisch sind hier nur Leute, die jeden Tag zusammen sind, es gibt genug Entfernung zwischen den Tischen. Wir sind im Freien. Hoffentlich regelt es sich nächstes Jahr dann wieder, und wir können das Fest wieder alle im großen Kreis genießen – nicht nur hier in Bulgarien, sondern auch in Deutschland“, wünscht sich Ani.

Denn „das Oktoberfest ist nicht nur ein Geschäft. Das Oktoberfest hat eine Seele“, fügt Armin Jan Hoffmann hinzu.

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