Google Maps-Vorschau - es werden keine Daten von Google geladen.

Im letzten Drittel ihres Alters werden Bäume erst besonders wertvoll für das Ökosystem, weil immer mehr Arten sich ansiedeln. Die Bäume im Urwald sind mehrere hundert Jahre alt. Foto: BR | Nadja Armbrust

Nicht einfach nur irgendein Wald
Der letzte Urwald Mitteleuropas

Sie kann sich noch genau an den Moment erinnern, in dem sie von ihm erfuhr. Wegen dem sie die Stadt und die Freunde zurücklies und in eine fremde Gegend zog. Vor fünf Jahren war das. Seitdem ist sie hier.

Die Wildbiologin Nina Schönemann ist in den Südwesten Niederösterreichs gekommen für einen Wald. „Rothwald“ heißt er. Ein Wald, der auf den ersten Blick geradezu enttäuschend normal aussieht: Bäume, Pilze, ein kleiner Bach.

Der Mann, der neben ihr durchs Dickicht stapft, ist schon seit 20 Jahren hier. Auch wegen dem Wald. Über seine Arbeit sagt er:

Es ist mehr als ein Job. Es ist eine Einstellung zum Leben. Ich habe keine Arbeitszeiten, ich schreibe keine Stunden auf, mir ist das völlig gleich. Ich habe keinen Urlaub, ich brauch keine Freizeit, sondern ich lebe die Tätigkeit hier. Mehr braucht es nicht.

Reinhard Pekny, Ranger Wildnisgebiet Dürrenstein

Natürlich ist es nicht irgendein Wald, wegen dem Pekny und Schönemann hier sind. Es ist der letzte Urwald Mitteleuropas.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten direkt von YouTube geladen.

Autorin: Nadja Armbrust

Kamera: Daniel Dzyak

Schnitt: Günter Stöger

An der Uni habe ich das erste Mal davon gehört, dass es ein Gebiet gibt in Österreich - einen Urwald. Dass da niemand hinein darf, und, dass da auch Forschung nur ganz begrenzt stattfinden darf. Als Student gibt es ganz wenige Auserlesene, die da im Zuge eines Forschungsprojektes mitgehen dürfen und als dann eine Stelle ausgeschrieben war, habe ich mich beworben. Als ich genommen wurde, war das ein Highlight für mich.

Nina Schönemann, Wildbiologin Wildnisgebiet Dürrenstein

Schönemann und Pekny wissen, dass sie – neben wenigen anderen Kollegen – die einzigen Menschen sind, die diesen Urwald betreten dürfen. Urwald, ein Begriff, sagen sie, der viel zu häufig falsch verwendet wird. Dessen Dimension vielen Menschen deshalb gar nicht bewusst ist: ein Wald in seinem Ursprungszustand. Seit der letzten Eiszeit konnte sich die Natur hier ohne Fortwirtschaft ungestört entwickeln. Möglich war das nur, weil viele Faktoren stimmten: schon vor 150 Jahren wurde der Wald vom damaligen Besitzer geschützt. Dazu kommt: Das Gebiet ist abgelegen.

Auch heute mussten Pekny und Schönemann mit dem Auto erst auf steilen Forstwegen tief in den Wald fahren und dann noch weiter hineinlaufen, durch das Wildnisgebiet Dürrenstein. Es bildet die Pufferzone um den Urwald. Der liegt in einer großen „Mulde“ und erstreckt sich über vier Quadratkilometer. Die Mulde ist der Grund, warum Schönemann und Pekny nur im Sommer hier sind und das halbe Jahr fernbleiben. Bis zu elf Meter schneit es im Winter.

Vor drei Jahren wurden Teile des Gebietes UNSECO-Weltnaturerbe. Für Besucher ist der Zutritt in den Urwald verboten. Ein Verbot, das überraschend gut respektiert wird, sagt Pekny. Denn dieser Urwald wirkt auf den ersten Blick ja so unspektakulär. Statt Bambus, Bären oder Wölfen gibt es hier Buchen, Fichten und: Pilze. Genau die sind es, die Pekny auch nach 20 Jahren noch in Begeisterung versetzen. Da vorne hat er einen Pilz gesehen – ehe man sich versieht, drückt sich Pekny auf den Boden und robbt mit seiner Kamera an den Pilz heran.

Wir schulen es, den Blick aufs Kleine, Unscheinbare zu richten. Es gibt noch wahnsinnig viel zu entdecken.

Reinhard Pekny, Ranger Wildnisgebiet Dürrenstein

Tatsächlich verbirgt sich im Boden und Holz ein riesiges Netzwerk. Die Pilze sind nur die Fruchtkörper – darunter versteckt können seit Jahrtausenden auf wenigen Quadratmetern hunderte Kilometer Pilzfäden ungestört wachsen, Informationen und Stoffe austauschen. Fortwirtschaft hätte dieses Netzwerk für immer zerstört. So aber schaut dieser Wald seit etwa 6.000 Jahren gleich aus und die Bäume sind ein halbes Jahrtausend alt.

Was mir an mir selbst auffällt, ist, dass mein Blick, meine Wahrnehmung, sich verändert, wenn ich aus dem Urwald rauskomme und in eine von Menschen veränderte Landschaft komme: dass mir diese Veränderungen viel stärker auffallen als sonst.

Nina Schönemann, Wildbiologin Wildnisgebiet Dürrenstein

Das Wildnisgebiet Dürrenstein bietet Führungen bis zur Urwaldgrenze an – und baut ein Haus, in dem Besucher den Urwald erleben können, den sie in echt nie betreten dürfen. Sonst wäre auch der letzte Urwald Mitteleuropas schnell verschwunden.

Was Sie noch interessieren könnte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.