Google Maps-Vorschau - es werden keine Daten von Google geladen.

Foto: BR | Eldina Jasarevic

Fünf Jahre „Balkanroute“
Gestrandet in Bosnien und Herzegowina

Lange Zeit lag Bosnien und Herzegowina abseits der so genannten Balkanroute, die Wege nach Westeuropa führten über andere Länder.  Das hat sich geändert. Beispiel Velika Kladusa im Nordwesten des Landes – Ein wackeliges Handyvideo, das in den vergangenen Tagen in den sozialen Netzwerken die Runde macht, zeigt einen bosnischen Polizisten offenbar im Gespräch mit einer Gruppe von Migranten oder Flüchtlingen. In gebrochenem Englisch fordert es sie auf, die Region zu verlassen, weil sonst die Bürger der Gegend auf sie losgehen würden. „Wenn weitere Massen kommen, gibt es hier einen Djihad. Gewehr, Feuer, Boom!“

Die Nerven in Nord-Westen Bosnien und Herzegowina liegen blank. Seit Ende 2017 ist rund um die Städte Velika Kladusa und Bihac der Ausgangspunkt für zehntausende Flüchtlinge und Migranten, um ohne Papiere nach Kroatien und damit in die EU zu gelangen. Einigen gelingt das, andere werden von der kroatischen Polizei aufgegriffen und illegal nach Bosnien zurückgebracht. Bei diesen so genannten Push-Backs kommt es regelmäßig zu Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Die kroatischen Behörden bestreiten das vehement. Doch seit Jahren erzählen Migranten und Flüchtlinge eine andere Geschichte, auch dokumentiert durch internationale Hilfsorganisationen und zahlreiche Medienberichte. In der Stadt Bihac sagt dieser junge Afghane sagt, dass er bereits sieben Mal von der kroatischen Polizei erwischt und jedes Mal auch – wie er sagt – bestraft wurde:

Sie haben uns gesagt, dass wir uns auf den Boden legen sollen. Dann haben sie uns mit Pfefferspray besprüht. Danach sollten wir einer nach dem anderen aufstehen. Vier oder fünf von denen haben uns dann ins Gesicht geschlagen und getreten und Stöcke benutzt.

Afghanischer Migrant

Nach Angaben des UNHCR waren Ende Juli diesen Jahres 15.000 Flüchtlinge, Migranten und Asylsuchende in den Ländern des Westbalkans (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien). Die meisten stammen aus Afghanistan und Pakistan, Syrien und den Maghreb Staaten. Die Menschen kommen meist aus Griechenland über Nordmazedonien nach Serbien, von wo aus sie sich über Bosnien und Herzegowina weiter durchschlagen:

95 Prozent davon sind in Bosnien und Herzegowina und in Serbien. Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass sich Ende Juli 560 unbegleitete Kinder in den Ländern des Westbalkans unter dieser Population befunden haben.

Neven Crvenkovic vom Regionalbüro des UNHCR für Südosteuropa

Das größte Problem seien fehlende oder schlecht ausgestattete Unterkünfte. Besonders deutlich ist das im Nordwesten Bosniens. In der Stadt Velika Kladusa nimmt das überbelegte Flüchtlingscamp niemanden mehr auf. Schätzungen zufolge leben in der Region bis zu 2000 Menschen ohne Obdach, sie campieren auf öffentlichen Plätzen und Parks oder in leerstehenden Gebäuden. Die Menschen seien am Ende ihrer Kräfte sagt der Arzt Mustafa Hodzic, der in Velika Kladusa Flüchtlinge und Migranten betreut.

Wir werden es mit einer hohen Zahl an Invaliden zu tun haben - also Menschen, die nicht mehr in der Lage sein werden, sich so zu bewegen, wie sie es gewohnt sind – also zu Fuß oder teilweise zu Fuß bis nach Slowenien oder Italien. Das sind Menschen, die keine 20 km mehr zu Fuß gehen können. Deshalb müssen wir jetzt darüber nachdenken, was wir mit diesen Menschen in Zukunft machen sollen.

Mustafa Hodzic, Arzt in Velika Kladusa

Auf der so genannten Balkanroute sind also nach wie vor Menschen unterwegs. Und nicht alle überleben das. Seit Juli 2013 hat das ARD-Studio Südosteuropa 237 Todesfälle dokumentiert – die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Die Menschen starben bei Auto- und Zugunfällen, sind ertrunken, wurden erschossen oder sind an Krankheiten gestorben. Inzwischen ist auch Corona ein Problem. Im größten Flüchtlingscamp der Stadt Bihac wurden gerade fünf Fälle bestätigt. Die Bürger im Nordwesten Bosniens fühlen sich unterdessen im Stich gelassen. Von der Zentralregierung in Sarajevo und von der EU. Der Frust ist bei einigen in Aggression umgeschlagen und es kommt zu Protesten vor Flüchtlingscamps – auch befeuert durch Verschwörungstheorien und teilweise offenen Rassismus, der in sozialen Netzwerken und in einigen Medien verbreitet wird.

Gestrandet im "Niemansland"

Der Kanton Una-Sana im Nordwesten des Landes hat inzwischen mit unklarer rechtlicher Basis verfügt, keine Flüchtlinge und Migranten mehr auf sein Territorium zu lassen. Eine Pattsituation, denn auch andere Landesteile in Bosnien und Herzegowina weigern sich, die Menschen aufzunehmen. So kommt es, dass auf Landstraßen zwischen den Orten Ribnik (Republika Srpska) und Kljuc (Una-Sana-Kanton), sowie Novi Grad (Republika Srpska) und Bosanska Otoka (Una-Sana-Kanton) Flüchtlinge und Migranten weder vor noch zurückkommen. Wenn sie aus Richtung Sarajevo oder Banja Luka zu Fuß oder mit Linienbussen ankommen, werden sie von der Polizei des Una-Sana-Kantons gestoppt. Versuchen sie zurückzugehen, hindert sie die Polizei der angrenzenden Republika Srpska am Weiterkommen. Nach Informationen, die das ARD-Studio Südosteuropa von lokalen Quellen erhalten hat, sollen rund 200 Menschen gestrandet sein – und auch für Familien mit Kindern soll kein Durchkommen möglich sein. Versorgt werden die Flüchtlinge und Migranten vom lokalen Roten Kreuz, das aber für so eine Situation nicht ausgestattet ist und bereits jetzt an den Grenzen der Kapazität arbeitet. Es gibt nicht genug Mahlzeiten für alle – und manche sollen schon Maiskolben von den benachbarten Felder essen.  Eine brenzlige Situation – denn nach wie vor kommen Migranten und Flüchtlinge aus Serbien an, die sich in den Nordwesten Bosniens durchschlagen wollen.

Soundcloud-Vorschau - es werden keine Daten direkt von Soundcloud geladen.

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
Foto: BR | Eldina Jasarevic
0:00 | 0:00
Was Sie noch interessieren könnte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.