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Ein neues Leben für die alte Lokomotive: frisch renoviert aus dem Depot. Foto: BR | Ekaterina Popova

Lieblingsplatz: Die letzte Schmalspurbahn Bulgariens
Fünf Stunden Emotion, Abenteuer und Entschleunigung

Als Mustafa Uzjow vor 53 Jahren auf die Welt kommen wollte, musste seine Mutter vom bulgarischen Dorf Awramowo schnell ins Krankenhaus der nächsten Kleinstadt namens Jakoruda gebracht werden. Das einzige Verkehrsmittel auf dieser Strecke war die Schmalspurbahn. Die hochschwangere Frau wurde damals mit einem Güterzug und deshalb im Führerstand der Lok transportiert.

 

Heute sitzt Mustafa Uzjow selbst im Führerstand und fährt die einzig noch übriggebliebene Schmalspurbahn Bulgariens auf der Strecke von Septemwri nach Dobriniste. Die Route führt ihn zweimal am Tag über den mit 1.267 Metern höchstgelegenen Bahnhof auf dem Balkan – den seines Heimatdorfes Awramowo.

„Als Kind weidete ich Kühe entlang der Bahnlinie bei Awramowo, ich war 10 Jahre alt. Ich war fasziniert von der Bahn. Schon damals wollte ich Lokführer werden, sonst nichts.“

Mustafa Uzjow - Lokführer, Schmalspurbahn

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Wir fahren mit der letzten Schmalspurbahn Bulgariens

Videomaterial: Ekaterina Popova

Videobearbeitung: Karin Straka

Seit 31 Jahren ist Mustafa Uzjow bereits Lokführer, 30 davon hat er seiner ersten Liebe geschenkt – der Schmalspurbahn. Seine Arbeit auf der knapp 125 Kilometer langen Bahnstrecke zwischen Septemwri und Dobriniste macht ihn stolz. Dieser Bahnabschnitt gilt als der steilste und schwierigste im Land – mit hohen Bergen, scharfen Kurven, vielen Bäumen und gefährlichen Felsen. Die eingesetzten Diesellokomotiven sind 55 Jahre alt und viel aufwendiger zu steuern als ihre modernen Nachfolger. Im Winter muss die kleine Bahn mehrere Meter hohe Schneeverwehungen durchbrechen, und manchmal ist Mustafa Uzjow gezwungen, zur Kettensäge zu greifen und die Schienen von umgefallenen Bäumen zu befreien.

 

Die größte Herausforderung ist allerdings, dass er mehr als 10 Stunden am Tag konzentriert und wachsam bleiben muss – so lange dauert die Fahrt der Schmalspurbahn hin und zurück. Der Lokführer ist sich seiner großen Verantwortung bewusst:

„Dies ist die härteste Arbeit, denn wir sind für das Leben der Passagiere, die Maschine, die Ausrüstung und unser Leben verantwortlich. Und zwar jede einzelne Minute. Wer hier nicht gefahren ist, besonders nachts, kann das nicht nachvollziehen.“

Mustafa Uzjow – Lokführer, Schmalspurbahn

Alle Anstrengungen seiner Arbeit treten in den Hintergrund, wenn Mustafa Uzjow aus dem Fenster seines Führerstands schaut. Er sieht eine wunderschöne Landschaft, die zu allen Jahreszeiten fasziniert. Im Frühjahr ist alles grün und frisch. Im Sommer blüht alles. Man riecht die wilden Blumen und Kräuter und genießt die Kühle des Hochlandes am Bahnhof Awramowo, wo die Temperatur bis zu 20 Grad niedriger sein kann, als am Startbahnhof Septemwri in der Tiefebene. Der Herbst ist golden und bunt, in seiner Mischung aus Nadel- und Laubwäldern. Der Winter zeigt sich als weißes Märchen, wenn in den Bergen viel Schnee fällt.

 

Die spektakuläre Schmalspurbahn überwindet vom Tiefland bis zum höchstgelegenen Bahnhof in den Rhodopen eine Steigung von mehr als 1.000 Metern – sie schlängelt sich über Serpentinen fünf Etagen hoch bis Awramowo. Dann führt sie wieder etwas tiefer ins Rila-Gebirge. Unterwegs passiert der Zug 35 Tunnel und unzählige Brücken.

 

Die Schmalspurbahn startet in der oberthrakischen Tiefebene, dem fruchtbarsten Landstrich Bulgariens. Nach nur 6 Kilometern erreicht sie die felsige Schlucht des Tschepinska-Flusses im Herzen der westlichen Rhodopen, nach weiteren 60 Kilometern das Rila-Gebirge und schließlich weitere 30 Kilometer später das Pirin-Gebirge in der Region Pirin-Mazedonien. Sie verbindet drei ethnokulturelle Gebiete des Landes. Wer mit der kleinen Bahn fährt, begegnet verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Traditionen und unterschiedlicher Lebensweise. Es ist bunt und lebendig entlang der Strecke. Zusammen mit der ständig wechselnden, aber immer schönen Natur ist diese Bahnreise ein richtiger Schatz für Touristen aus aller Welt.

 

Für die Hochgebirgslandschaft, durch die die Strecke führt, ist eine Schmalspurbahn aufgrund der geringeren Eingriffe in die Natur am besten geeignet. Die Schienenweite beträgt 760 Millimeter – etwa die Hälfte der so genannten Normalspur. Das hat seinen guten Grund: Die geringere Schienenweite ermöglicht schärfere Kurven. Außerdem sind die Lokomotiven und Wagen der kleinen Bahn leichter und können so problemlos das gebirgige Gelände überwinden.

 

Die Bahnlinie wurde zwischen 1921 und 1945 Stück für Stück größtenteils händisch gebaut – mit Hacken und Schaufeln. Nur für die Tunnel musste Sprengstoff eingesetzt werden.

Der Urgroßvater des 25-jährigen Christian Waklinow arbeitete auch an diesem Bau. Fast 100 Jahre später gründete der Urenkel die Bürgervereinigung „Für die Schmalspurbahn“, um für den Erhalt und die Weiterentwicklung der kleinen Bahn zu arbeiten. 2013 hat sich Christian Waklinow, damals noch als Schüler, für die Schmalspurbahn vor dem damaligen bulgarischen Ministerpräsidenten eingesetzt und sie damit vor der Stilllegung gerettet. 2010 bis 2011 hatte die Nationale Eisenbahngesellschaft aus finanziellen Gründen mehr als 100 Züge gestrichen, darunter die Abendzüge der Schmalspurbahn in beide Richtungen. Christian Waklinow empört  das noch immer:

„Dutzende Menschen aus den hochgebirgigen Dörfern in den Rhodopen, die zur Arbeit in die größeren Städte der Region pendelten, konnten nicht mehr abends nach Hause fahren. Ich habe selber Leute gesehen, die wie Obdachlose auf den Bahnhöfen übernachteten. Die meisten sahen sich gezwungen zu kündigen. Viele von ihnen haben dann sogar das Land verlassen, denn die Arbeitslosigkeit ist in dieser Region hoch.“

Christian Waklinow - Bürgervereinigung „Für die Schmalspurbahn“

Die Schmalspurbahn bedeutet Romantik für die Touristen, für die lokale Bevölkerung ist sie aber eine Notwendigkeit. Sie hat eine wichtige soziale Funktion in der Region. Die kleine Bahn verbindet hunderte Menschen, zu deren Dörfern keine Asphaltstraßen führen. Für viele in dieser armen Gegend hoch in den Bergen der Rhodopen und Rila bleibt die Schmalspurbahn das einzige erschwingliche öffentliche Verkehrsmittel in eine größere Stadt, wo sie einkaufen, einen Arzt oder Behörde aufsuchen können.

 

Deswegen, aber auch wegen ihrer Einzigartigkeit, soll die letzte Schmalspurbahn Bulgariens weiterbestehen, betont Christian Waklinow. Und er kämpft unermüdlich dafür. Die Bürgervereinigung „Für die Schmalspurbahn“ wirbt für die kleine Bahn, hilft bei der Organisation von Touristenreisen mit der 2004 rekonstruierten Retrogarnitur, gezogen von einer Dampflokomotive. Im einst verkommenen Gebäude des Bahnhofs Zepina haben die Eisenbahnenthusiasten sogar ein kleines Schmalspurbahn-Museum gegründet. Jeden Sommer organisieren sie ein großes Volksfest mit viel Tanz und Musik auf den Wiesen am höchstgelegenen Bahnhof Awramowo. Auch 2020 hat es, trotz der Corona-Pandemie, am 8. August stattgefunden.

 

In der Schmalspurbahn hat Christian Waklinow viel über das Leben der Menschen in den Bergen erfahren, Touristen aus der ganzen Welt kennengelernt und viele Freundschaften geschlossen. Zeit gibt es dafür mehr als genug: Die Reise von Septemwri bis Dobriniste dauert 5 Stunden und 10 Minuten.

„Wer in diese Bahn einsteigt, hat keine Eile. Hier ist die niedrige Geschwindigkeit von 25 km/h ein Vorteil: Man soll auf dieser Strecke jeden Augenblick genießen, jeden Baum, jeden Felsen.“

Christian Waklinow - Bürgervereinigung „Für die Schmalspurbahn“

Für Christian Waklinow ist die Schmalspurbahn eine Emotion, ein Abenteuer, in welches er gern und oft eintaucht. Aber auch Therapie: „Die Gäste empfinden die Bahn als Attraktion, als Zeitreise – die langsame Geschwindigkeit, Einheimische, die wie früher leben. Ihre kleinen Alltagsprobleme helfen, den Stress der Stadtmenschen zu vermindern und sie mit neuer Energie und Kraft aufzutanken.“

 

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Kommentare (1)

Fernwehblog am

Ich mag ja solche Zugfahrten, das entschleunigt so ungemein… und es gibt so viel zu sehen!

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