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Für 2021 ist die multikulturelle Hauptstadt der serbischen Provinz Vojvodina zur Kulturhauptstadt Europas gewählt worden. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Die Turmuhr von Novi Sad tickt anders
Meister Lajos und die „betrunkene Uhr“

„Was für eine komische Uhr. Geht sie richtig oder ist sie defekt?“, muss sich sicher der eine oder andere, ´uneingeweihte‘ Besucher aus dem In- oder Ausland mit instinktiv prüfendem Blick auf seine Handy-Uhr gefragt haben. Die im 18. Jahrhundert von der Habsburger Monarchin Maria Theresia gestiftete Turmuhr thront auf der Hügelfestung Petrovaradin über der Donau  in Novi Sad  und sie ist das Symbol schlechthin der zweitgrößten serbischen Stadt.
Die Turmuhr hat aber eine Eigenart, die für die oben genannte Konfusion sorgt: der lange Zeiger zeigt Stunden an, der Kürzere Minuten – also anders als bei jeder andere Uhr. Und je nach Jahreszeit und Außentemperatur geht sie etwas vor oder nach. Die Ungenauigkeit ist aber nicht schlimmer als ein paar Minuten.

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Videomaterial: Dejan Stefanovic

Videobearbeitung: Yvonne Samsarova, Jan Heier

Die beliebte Turmuhr bekam von den Bewohnern den Spitznamen „betrunkene Uhr“. Nein, weder ihr Konstrukteur noch die Erbauer des Turms waren betrunken. „Alles hier hat seinen Sinn und Zweck“, sagt mir Meister Lajos Lukaci, der untrennbar  mit der Turmuhr verbunden ist . Damals habe ein ganz anderer Lebensrhythmus geherrscht, weshalb es den Menschen wichtiger war, aus größerer Entfernung die Stunden zu erkennen als die Minuten. Und der Turm mit der Uhr sei damals wegen der geringeren Luftverschmutzung wirklich besser sichtbar gewesen als heute. Außerdem sei die Taschenuhr damals noch ein Luxusartikel gewesen.

„Metallkonservator“ steht auf der einen Seite der Visitenkarte des rüstigen Rentners geschrieben, auf der anderen: „Er kümmert sich um mich…“, darüber eine graphische Darstellung der „betrunkenen Turmuhr“. Die Schicksale der Beiden verknüpften sich zufällig. Da er in der gleichnamigen, historischen Unterstadt der Petrovaradin-Festung lebt, hörte Lajos während eines Sommers Ende der 80-Jahre die Uhr nicht mehr Stunden schlagen und sah, dass sich  die Zeiger nicht mehr bewegten. Lajos, damals offiziell Techniker in der Stadtverwaltung und begabter Handwerker mit Hang zur Geschichte und geschichtlichem Erbe erfuhr zufällig, dass der Defekt nicht beseitigt werden konnte. Er bekam den Turmschlüssel in die Hand gedrückt und nahm sich des Mechanismus an. Er fand den Fehler,  stellte die verschlissenen Teile in Handarbeit her, tauschte sie aus, ölte alles, zog die Uhr auf und begann, ihre Arbeit in den darauffolgenden Tagen zu kontrollieren.

Aus Tagen wurden Jahre.  Dank Lajos ist die Uhr 30 Jahre lang nicht stehen geblieben, obwohl sie jeden Tag aufgezogen werden muss, indem ein 80 Kilogramm schweres Gewicht mit einer Kurbel per Hand hochziehen: Bei Schnee, Eis, Regen, Hitze. Alles „innoffiziell“, wie er sagt, und ohne auf irgendeiner Gehalts- oder Honorarliste zu stehen, bis zum heutigen Tag.  „Ich habe nie etwas verlangt, noch wurde mir jemals etwas angeboten“, sagt er lächelnd. Sein ehrenamtliches Engagement sei, so Lajos, dann doch anerkannt worden: 2016 verleiht ihm die Stadt Novi Sad eine Verdiensturkunde inklusive einer finanziellen Anerkennung.

Eine steile Holzleiter führt zur ersten Etage, einer engen Plattform, wo sich das Uhrwerk  befindet. Bei 34 Grad im Schatten ist es an diesem späten Julinachmittag im Turm heiß wie in einem Ofen. Der Schweiß bricht aus allen Poren, selbst das Sprechen fällt nicht leicht. Das Aufziehen der Uhr unter solchen Bedingungen muss wirklich ein körperlicher wie psychischer Kraftakt gewesen sein, denke ich mir mit dem Blick auf die vergangenen 30 Jahre mit den für den Balkan typischen heißen Sommermonaten. Die stark erhitzte, gestaute Luft setzt auch Lajos zu. Es fällt ihm nicht leicht, sich zu konzentriereen. „Wenn ich verhindert oder im Urlaub war, organisierte ich andere Familienmitglieder, Freunde oder  Nachbarn,  die Uhr aufzuziehen, was sie alle mit Stolz machten“, erzählt Lajos während er vorsorglich die Zahnräder mit Öl schmiert – „wenn ich schon da bin“.

Denn er ist seit dem Herbst 2018 nicht mehr täglich da. Um Lajos wegen seines inzwischen höheren Alters der täglichen, selbstauferlegten Pflicht zu entledigen, spendete der Rotary Club Novi Sad den Einbau einer Automatik, die mit Hilfe von Elektromotoren, ohne Eingriff in den Urmechanismus, die Uhr aufzieht. „Wie schwer das Kurbeln ist, hängt vom Alter des Kurbelnden ab“, antwortet Lajos scherzhaft, nach einer kurzen Demonstration, auf meine Frage hin, wie schwer  das Aufziehen der Uhr für ihn gewesen sei.

Mit den Jahren wurde die Leiter für den heute 70-jährigen nicht weniger steil und das Kurbeln sicherlich nicht weniger anstrengend. Übrigens, die neue stabile Leiter zur ersten Etage bekam Lajos auch erst im Paket der Modernisierung, kurz vor seiner „Ablösung“ 2018. Obwohl inzwischen etwas frischere Luft durch die offene Tür hereinströmt, rät mir Meister Lajos aus Sicherheitsgründen davon ab, in die zweite Etage zu den Glocken zu steigen.

Die Uhr ist mit den Jahrzehnten zum festen „Mitglied“ der Familie Lukaci geworden. Mit uns dabei ist der „offizielle Nachwuchs“ – die jüngere der zwei Töchter des Meisters, die 36-jährige Andrea, die ihrem Vater in den letzten Jahren oft zur Hilfe kam.

Wenige hundert Meter weiter, in den Verteidigungsmauern am Fuße der Festung, befindet sich  in den ehemaligen Wächterunterkünften Lajos kleine, „altmodische“ Werkstatt. Im geordneten Chaos werden hier in Handarbeit „altmodische“ Gegenstände und Objekte aus Metall, die viele geschichtsträchtige Bauten in Novi Sad und der ganzen Vojvodina zieren, konserviert, erneuert oder durch originalgetreue Teile ersetzt: geschmiedete Zäune und Geländer, historische Tür- und Fensterschlösser, Ziertürgriffe,  Scharniere und vieles andere mehr.

Lajos zeigt mir, weshalb er seiner Turmuhr, neben gelegentlicher Feinjustierung und Schmierung, auch weiterhin treu bleiben wird: Zahnräder und andere funktionswichtige Teile werden nur in dieser Werkstatt, nach alten Herstellungsmethoden, produziert. Davon profitieren auch etwa 20 weitere alte Turmuhren in ganz Vojvodina, die Lajos bisher in Stand gesetzt hat. „Mein Vater sollte sich keine Sorgen um die Zukunft der Werkstatt machen. Sie wird in guten Händen bleiben“, versichert Andrea, entschlossen die Tradition der kleinen Familienwerkstatt fortzusetzen. Eine gute Nachricht für die „betrunkene Uhr“ und ihre, hoffentlich störungsfreien, kommenden 30 Jahre.

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