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Srebrenica heute. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Ein Rundgang durch Srebrenica
Im Schatten des Völkermords

„Für uns, die wir hier leben, ist jeder Tag der 11. Juli und jeden Tag kämpfen wir um die Wahrheit.“

Hamdija Fejzic, bosniakischer Vizebürgermeister von Srebrenica

„1995 hat es Verbrechen gegeben, aber es war kein Völkermord. Beide Seiten haben gelitten.“

Mladen Grujicic, serbischer Bürgermeister von Srebrenica

Leugnen ist Alltag

Hamdija Fejzic ist Vizebürgermeister von Srebrenica und organisierte in diesem Jahre das Gedenken an den Völkermord in der Gegend vor 25 Jahren mit. Damals wurden 8.372 Menschen ermordet, überwiegend Jungen und Männer, aber ein Baby war darunter. Es fand in der Gedenkstätte Srebrenica/Potocari statt, coronabedingt in kleinem Rahmen, die sich auf dem Gelände des ehemaligen UN-Stützpunktes der niederländischen Blauhelme befindet. Zur Gedenkstätte gehört der Friedhof auf dem die bisher gefundenen und identifizierten Opfer des Völkermords vor 25 Jahren liegen, heuer wurden die menschlichen Überreste von neun Ermordeten dort begraben. In diesem Jahr war der Jüngste 23, der Älteste 70 Jahre alt. Mehr als 6.600 Ermordete oder Teile von ihnen liegen nun unter den schmalen weißen Stelen des Friedhofs. Noch immer gelten rund 1.200 Opfer als vermisst. Die Gedenkstätte liegt in der Republika Srpska, dem serbischen Teil der beiden Landesteile von Bosnien und Herzegowina. Der Gedenktag war auch in diesem Jahr kein Thema und wurde auch in den regierungsnahen Medien nicht groß erwähnt. Serbische Spitzenpolitiker in Bosnien und Herzegowina, sowie in Serbien, proklamieren den Völkermord als „konstruierten Mythos“ der Bosniaken häufig gepaart mit der perfiden Behauptung, dass diese „Geld damit machen würden“. Allen voran beherrscht Milorad Dodik diese Methode des systematischen Leugnens. Er war Präsident der „Republika Srpska“ und ist nun der serbische der drei Staatspräsidenten von Bosnien und Herzegowina. Auch in diesem Amt stellt Dodik den Gesamtstaat in Frage, akzeptiert Entscheidungen des Verfassungsgerichts nicht und plädiert offen für eine Teilung des Landes.

 

Die heutige komplizierte Struktur erhielt es durch den „Friedensvertrag von Dayton“ der Ende 1995 den Bosnienkrieg beendete. Milorad Dodik war der einzige Vertreter dieses gesamtstaatlichen Gremiums, der dem Gedenken an den Völkermord durch Soldaten der bosnischen Serben und deren Helfer vor Ort fernblieb. Der kroatisch-bosnische Präsident Zeljko Komsic, sowie der bosniakische Amtskollege Sefik Dzaferovic waren anwesend. Auch rund 50 (Ex-) Staats- und Regierungschefs aus aller Welt nahmen per Videoschalte teil. Darunter Ex-US-Präsident Bill Clinton und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Ebenso UNO-Generalsekretär Antonio Guterres, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen oder der ehemalige Chefankläger des UN-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien Serge Brammertz. In praktisch allen Gedenkreden oder Botschaften gab es massive Kritik am systematischen Leugnen des Völkermords auf Täterseite.

„Ich sage Ihnen jetzt etwas, was Sie in den Schulen in dem serbischen Landesteil hier nicht hören können. Ich sage Ihnen die Wahrheit, die durch Tatsachen und Gerichtsurteile bestätigt ist. Die Wahrheit, die in Srebrenica in diesem Landesteil – der Republika Srpska - nicht gelernt wird.“

Hamdija Fejzic, Vizebürgermeister von Srebrenica

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Videomaterial: Eldina Jasarevic | Archiv

Videobearbeitung: Karin Straka

Keine Investitionen, wenig Arbeitsplätze

Die kleine Stadt Srebrenica hat heute rund 15.000 Einwohner, Bosniaken und Serben halten sich in etwa die Waage. Denn viele Bosniaken (Anm.: muslimische Bosnier) kehrten in ihre Heimat zurück oder haben nach wie vor Häuser dort, die sie zeitweise bewohnen. Nach Angaben des serbischen Bürgermeisters Mladen Grujicic leben rund 6.500 Menschen ständig im Ort. Bei einem Rundgang durch die Stadt erzählen viele, sie würden gut zusammenleben, der Völkermord sei jedoch ein Tabu. Serbische Bewohner betonen, sie hätten nichts gegen Bosniaken, verharmlosen den Völkermord jedoch zu „Verbrechen, die es auf beiden Seiten gegeben habe“. Der 22-jährige Bosniake Adis kehrt vor 13 Jahren nach Srebrenica zurück und arbeitet in einer Süßwarenfabrik. Er mache sich über das Thema Völkermord keine Gedanken, sagt er.

„Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll, da ich das nicht erlebt habe. Es ist anders für die Kinder, die das erlebt haben, die im Krieg hier waren als für uns, die wir nach dem Krieg geboren sind. Das spürt man überhaupt nicht. Dieses Bild vermitteln mehr die Medien. In der Realität sitzen wir hier und verbringen Zeit zusammen.“

Adis, 22 Jahre, zurückgekehrter Bosniake aus Srebrenica

Für junge Leute gäbe es in der Stadt höchstens ein paar Cafés. Wer etwas mehr machen wolle, müsse nach Bratunac fahren, meint er. Der junge Mann blickt die Straße entlang, die sich durch Srebrenica schlängelt. Sie ist mit blutigen Erinnerungen kontaminiert. Am 11. Juli 1995 marschierte dort die bosnisch-serbische Armee in die gefallene UNO-Schutzzone Srebrenica ein und unter dem Kommando von Ratko Mladic begann der systematische Völkermord. Ein älteres Ehepaar schleppt sich langsam diese Straße hinauf. Auch sie sind Rückkehrer aus Tuzla im bosniakisch-kroatischen Landesteil, der „Föderation“.

„Ich teile die Menschen nicht ein in Serben und Muslime. Für mich sind alle gleich, da mache ich keine Unterschiede. Wir besuchen uns, kommen gut miteinander zurecht und trinken Kaffee zusammen.“

Bosniakische Rückkehrerin in Srebrenica

Man rede nicht über Völkermord, sondern über das wirtschaftliche Überleben, ergänzt ihr weißhaariger Ehmann. Er sei 62 Jahre alt und habe noch drei Jahre bis zur Rente. Wie er die ohne Job überbrücken solle ist beiden ein Rätsel. Das Leben sei schwer.

„Die Menschen sterben aus. Die Häuser sind leer und es lebt praktisch niemand mehr hier und die Wenigen die noch da sind werden auch gehen, denn man kann nicht von der Luft leben. Wenn ich jünger wäre würde ich auch gehen, aber wo soll ich denn hin?“

Bosniakische Rückkehrerin in Srebrenica

Im Vergleich zu anderen Gemeinden könne man stolz auf die wirtschaftliche Entwicklung sein, betont hingegen Mladen Grujicic der erste serbische Bürgermeister von Srebrenica seit Kriegsende. Rund 700 Menschen hätten in den beiden Erz-Bergwerken Arbeit gefunden, weitere seien in der Autobranche beschäftigt und die nahe gelegenen Kurheilquellen sollen irgendwann Touristen anlocken. „Es gibt etwa 450 Schüler in den Grundschulen und sieben Feldschulen in der Umgebung. Aber jedes Jahr werden es weniger Erstklässler, weil junge Leute und Familien in größere Gemeinden abwandern“, sagt Mladen Grujicic und hebt zu einem Loblied auf Aleksandar Vucic an, den serbischen Präsidenten. Am Ortseingang prangt ein überdimensionales Plakat, das Vucic zeigt. „Das dankbare Srebrenica“ steht darunter und Bürgermeister Mladen Grujicic erklärt das mit einer umgerechnet fünf Millionen Euro Spende aus Serbien, die Vucic beschlossen habe. „Das war eine direkte Unterstützung für das Budget und Infrastrukturprojekte, die wir auf Schritt und Tritt sehen können“. Doch der kleine Ort macht einen trostlosen Eindruck. Im Zentrum sitzt ein Serbe Mitte 50 beim Bier. Zehn Jahre habe er ein Restaurant geführt und es dann schließen müssen, die Vergangenheit sei kein Thema mehr.

„Darüber spricht niemand mehr hier. Hier wollen die Menschen nur leben und arbeiten. Ich arbeite in einer neuen Firma in Potocari. Mit Bosniaken zusammen, selbstverständlich. Wir arbeiten, essen zu Mittag und trinken Kaffee zusammen. Vielleicht ist das (Anm. der Völkermord) nur noch den Politikern wichtig.“

Serbischer Einwohner von Srebrenica

Auf dem Weg durch den Ort geht es wieder die Straße entlang, die von zerschossenen Häusern gesäumt ist. Ein älteres Ehepaar in seinem Garten. Dieser ist gut gepflegt und voller Gemüse und doch wohnen die beiden in Tuzla, auf dem Gebiet der kroatisch-bosniakischen Föderation. Sie unterbrechen die Arbeit, um sich zu unterhalten. In ihr Haus seien sie nicht zurückgekehrt und viele Nachbarn und Verwandte seien ermordet oder vertrieben worden, sagen die beiden und zeigen auf die umliegenden leeren Häuser.

Der Fall Naser Oric dient Leugnern als Beleg

Völkermordleugner auf Täterseite führen meist an, dass beide Seiten gelitten hätten und serbische Opfer nicht angemessen beachtet würden. Als Beleg wird in der Regel Naser Oric angeführt. Der ehemalige Kommandeur der bosnischen Armee zog kurz vor der Einnahme der damaligen UNO-Schutzzone Srebrenica in Richtung Tuzla ab, wo damals die bosnische Armee das Sagen hatte. Oric wurde nach dem Krieg vor dem Jugoslawientribunal angeklagt, unter anderem wegen willkürlicher Zerstörung von Dörfern, mehrfachem Mord und Plünderung. Zwischen September 1992 und März 1993 habe er Morde und Misshandlungen seiner Soldaten an serbischen Zivilisten nicht verhindert. Das UN-Jugoslawien-Tribunal verurteilte den früheren Leibwächter von Slobodan Milosevic zunächst zu zwei Jahren Freiheitsstrafe. 2008 wurde Oric in der Berufungsverhandlung freigesprochen. Das Gericht stellt aber fest, dass Verbrechen an serbischer Zivilisten in umliegenden Dörfern verübt wurden.

Leugnen verhindert Frieden und Versöhnung

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag stufte die Verbrechen von Srebrenica als Völkermord ein und das Jugoslawientribunal hat die Fakten auf hunderttausenden Seiten dokumentiert – auch in Prozessen gegen den damaligen Kommandeur der bosnisch-serbischen Truppen Ratko Mladic und weitere Srebrenica-Täter. Doch das Leugnen hat Methode, betont Emir Suljagic, Direktor der Gedenkstätte Srebrenica. Nicht nur serbische Politiker, auch Medienvertreter, Wissenschaftler, Intellektuelle, Angehörige der serbisch-orthodoxen Kirche oder Durchschnittsbürger würden den Völkermord systematisch leugnen. Dazu gehöre unter anderem das Anzweifeln der Opferzahlen oder absurde Argumente gegen das Jugoslawientribunal und dessen Urteile. Offener Triumph und das Lancieren angeblich antiserbischer Verschwörung seien Teil der Gegenwart, sagt Suljagic. Das zeigt ein Beispiel aus dem Ort Bratunac nahe Srebrenica: Dort wurde der diesjährige Gedenktag am 11. Juli höhnisch zu einem „Tag der Befreiung von Srebrenica“ verbrämt.

„Strategie Nummer eins (Anm.: des Leugnens) heißt: Bosniaken sind kein Volk, also kann es keinen Völkermord gegeben haben. Strategie Nummer zwei: Absurde Argumente gegen das Jugoslawientribunal (…) oder auch das anzweifeln von Zahlen. Es ist ganz einfach. Wenn sie die Familie eines Menschen töten und das Haus niederbrennen, dann ist die Erinnerung alles was bleibt. Und Leugnen ist ein Angriff auf die Erinnerung an das, was passiert ist.“

Emir Suljagic, Direktor der Gedenkstätte Srebrenica/Potocari

Warnung: Bosnien war " Testfeld für Rechtsextreme" weltweit

Zum 25. Jahrestag hat die Gedenkstätte das systematische Leugnen des Genozids in einer Studie untersucht und in einen internationalen Zusammenhang gestellt. Leugnen und Islamophobie sind demnach die größten Hindernisse auf dem Weg zu Frieden und Versöhnung in Bosnien und Herzegowina. Die umstrittene Vergabe des Literaturnobelpreises für den mit Serbien sympathisierenden Peter Handke ist für Emir Suljagic ebenfalls ein Beleg für Ignoranz. Und er betont zudem, verurteilte Kriegsverbrecher wie Ratko Mladic seien für rechtsextreme Attentäter Helden, zum Beispiel für Anders Breivik. „Wir sollten nicht vergessen, dass Bosnien das erste Testfeld für Rechtsextreme in der Welt war“, so Suljagic. „Hunderte russische Freiwillige kamen zwischen 92 und 95 hierher, um Muslime zu töten (…). In vielerlei Hinsicht kämpfen viele dieser Extremisten immer gegen die Türken. Es gibt also eine größere Schlacht, die auch von der Schwächung des antifaschistischen Konsenses in Europa befördert wurde“. Das Leugnen des Genozids unter Strafe zu stellen, eine umfassende Bildungsreform und Täter konsequent strafrechtlich zu verfolgen, dies wäre dringend notwendig, betont Suljagic. Denn Leugnen sei eines der sichersten Indikatoren für künftige Gewalt, zumal der Völkermord nicht erst 1995, sondern bereits 1992 begonnen habe.

UN-Soldaten verhinderten Völkermord nicht

Vor dem Genozid war das ostbosnische Srebrenica eine UN-Schutzzone, in der während des Bosnienkriegs (1992-1995) zeitweise mehr als 40.000 Menschen Zuflucht gesucht hatten. Vor dem Einmarsch der bosnisch-serbischen Truppen am 11. Juli 1995 nach Srebrenica erhielten die niederländischen Blauhelmsoldaten keine Unterstützung, etwa durch Luftschläge der NATO, und waren nicht in der Lage den Völkermord zu verhindern. Sie ließen sich sogar zu Handlangern der serbisch-bosnischen Truppen machen. Auf ihrem UN-Stützpunkt in Potocari halfen sie, die todgeweihten Männer und Jungen von deren panischen Familien zu trennen. Rund um den Gedenktag am 11. Juli häufen sich feindselige Vorfälle sagt Azir Osamnovic, Historiker an der Gedenkstätte Srebrenica, einige Kilometer entfernt auf dem ehemaligen UN-Stützpunkt in Potocari. Seit 2007 ist die Gedenkstätte eine staatliche Institution und wird von der Polizei bewacht.

„Es gab keine Angriffe auf die Gedenkstätte, aber es gab und gibt immer wieder kleinere Provokationen z.B., wenn Serbien bei einem Fußballspiel oder in einer anderen Sportart gewinnt, dann gibt es lange Autokolonnen von Bratunac nach Srebrenica. Wenn sie an der Gedenkstätte vorbeifahren, dann provozieren sie, indem sie singen, schimpfen oder etwas werfen. Auch bei Hochzeiten gibt es solche Provokationen.“

Azir Osmanovic, Kurator und Historiker der Gedenkstätte Srebrenica/Potocari

Azir Osmanovic ist Historiker und selbst ein Überlebender des Völkermords. Als Kurator der Ausstellungen in der Gedenkstätte kennt er viele Ereignisse auf den Fotos aus eigenem Erleben. Auf einem der Fotos ist er sogar selbst zu sehen, als 13-jähriger Junge inmitten der dicht gedrängten gestressten und verzweifelten Menge in Potocari, die auf den Schutz der überforderten Blauhelme hoffen – vergeblich. Er verliert Angehörige im Völkermord und sein Bruder nimmt sich nach dem Krieg das Leben. Den Suizid führt Azir Osmanovic auf die Traumata zurück. In seiner Rede beim Gedenken am 11. Juli 2020 erinnerte der Vizebürgermeister von Srebrenica Hamdija Fejzic an das Versagen der internationalen Gemeinschaft und mit Blick auf das Leugnen sandte er einen Appell an die Welt:

„Sie haben uns vor dem Völkermord im Juli 1995 nicht geschützt. Was tun Sie jetzt, um uns vor der letzten Phase des Genozids zu schützen? Schützen Sie uns. Tun Sie das und lindern Sie unseren Schmerz.“

Hamdija Fejzic, Vizebürgermeister von Srebrenica

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Der ostbosnische Ort Srebrenica kämpft heute mit Abwanderung. Es gibt wenig Arbeit und keine Investitionen. Foto: BR | Andrea Beer
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