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Gelungene architektonische Harmonie - historisch korrekt rekonstruierte Säulengänge auf antikem Straßenpflaster. Foto: BR | Michael Mandlik

Von der Gegenwart in die Spätantike
Römerstadt Carnuntum – Zeitfenster in die Vergangenheit

Ich weiß, ich falle journalistisch jetzt „mit der Tür ins Haus“, aber ich sag’s trotzdem gleich zu Beginn: Carnuntum ist absolut sehenswert! In vielerlei Hinsicht. Die hervorragend konservierten Ruinen wie vor allem aber die teils komplett rekonstruierten Gebäude und Anlagen aus der Zeit des frühen 4. nachchristlichen Jahrhunderts machen einen staunen. Man bekommt tatsächlich das Gefühl, sich in einer Art Zeitfenster zu bewegen, wenn man durch das römische Stadtviertel schlendert und sich mal in das eine oder das andere Gebäude begibt, durch voll ausgestattete Räume mit Mobiliar, allerlei Gebrauchsgegenstände und farbenprächtige Fresken an den Wänden.

Weltstadt der Spätantike

Nach den knapp 40 Autominuten von Wien aus in Richtung Slowakei erreicht man schon am Ortsbeginn von Petronell-Carnuntum mit dem sog. „Heidentor“ – dem historischen Wahrzeichen der heute 1.248 Einwohner umfassenden Marktgemeinde – die weitläufige Anlage. Tatsächlich war Carnuntum im zweiten und 3. Jahrhundert n. Chr. mit einer Ausdehnung von rund 10 Quadratkilometern und weit über 50.000 Einwohnern eine Weltstadt an der Donau gewesen – die zweitbedeutendste nördlich der Alpen. Weil das ursprünglich als römisches Legionslager gegründete Carnuntum am Schnittpunkt zweier bedeutender Fernhandelsrouten lag – der sog. Bernsteinstraße vom Baltikum nach Aquileia sowie der Limes-Straße von West nach Ost entlang der Nordgrenze des römischen Imperiums – blühte hier der Handel sozusagen in Rekordzeit auf. Carnuntum entwickelte sich zu einer der wohlhabendsten Städte der Antike; das belegen nicht zuletzt die zahlreichen historischen Funde und archäologischen Grabungen, die bis heute andauern.

"Dolce Vita" an der Donau

Carnuntum bot für seine Bürger wie auch seine Besucher wohl so ziemlich alles, was man heute mit „Dolce Vita“ umschreiben würde; einen Lebensstil, der sich zu dem in der Metropole Rom wohl kaum unterschied: ein gut ausgebautes gepflastertes Verkehrswegesystem mit einer funktionierenden Kanalisation, Häuser mit Fußbodenheizungen, ausgedehnten Thermen, „Brot und Spiele“ in zwei riesigen Amphitheatern, dazu ein überreiches Waren- und Nahrungsmittelangebot aus allen Winkeln des damaligen römischen Imperiums.

 

Dass selbst der römische Kaiser Mark Aurel hier einige Jahre seines Lebens verbracht hatte, zeigt die Anziehungskraft, die Carnuntum auf die Menschen der Spätantike ausgeübt hatte.

 

Mit der beginnenden Völkerwanderung in Europa, dem Zusammenbruch des Limes-Grenzsystems und schließlich dem Untergang des römischen Imperiums schwand auch die Bedeutung Carnuntums als Verkehrs- und Handelsstadt Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts rapide. Die letzte Erwähnung im römischen Amtskalender erfolgte im Jahr 430 n. Chr.

Experimentelle Archäologie

Dass man die einstige Bedeutung der Stadt heute mit eigenen Augen aber wiederentdecken kann, liegt vor allem an den ausgesprochen akribisch durchgeführten, das heißt, wissenschaftlich-historisch korrekten Rekonstruktionsmaßnahmen, wie man sie nunmehr in Carnuntum bestaunen kann.

 

Denn nur was historisch zweifelsfrei belegbar war, wurde aufwändig wiederhergestellt – mit den Mitteln der sogenannten experimentellen Archäologie: nur Werkzeuge, die nach antiken römischen Plänen nachgeschmiedet werden konnten, kamen beim Bau zum Einsatz. Tonplatten für die Fußbodenheizungen wurden in exakt nachgebauten Öfen gebrannt, für Wand- und Dachkonstruktionen wurde nur Altholz verwendet und – wie bei den antiken römischen Baumeistern üblich – mit Äxten geschlagen und nicht gesägt.

 

So entstand eine wirklich faszinierende und mitunter durchaus zeitgemäß anmutende Gebäudearchitektur, so wie man sie heute noch etwa in der Toskana vorfinden kann.

Carnuntum in 360-Grad-Optik

Heute ist Carnuntum einer der meist frequentierten kulturtouristischen Betriebe Niederösterreichs mit jährlich rund 180.000 Besuchern, eine Zahl die coronabedingt aber auch hier in diesem Jahr wohl nicht mehr erreicht werden wird. Deshalb auch gibt es seit geraumer Zeit eine kostenlose „Carnuntum App“, die vor Ort mit Virtual und Augmented Reality äußerst vielseitig angewendet werden kann, aber auch zu Hause auf der Wohnzimmer-Couch 360-Grad-Ansichten vom Leben in der römischen Stadt Carnuntum ermöglicht.

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