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Der Schädel ist für die Familien der Opfer der wichtigste Teil ihrer Angehörigen. Foto: BR | Karin Straka

Zwei Bosniaken suchen nach Vermissten des serbischen Völkermords
Knochen der Wahrheit

„Mein Ziel war es, meinen Bruder, meinen Vater und meinen Onkel zu finden. Das ist mir aber nicht gelungen. Sie wurden in Massengräbern woanders gefunden. Ich habe aber (Anm. damals) gesehen, dass viele Skelette und Knochen in den Wäldern, Bächen, auf den Feldern herumliegen. Da habe ich mich entschlossen, zu suchen. Ich hoffe, dass ich den Rest meines Vaters finde.“

Der Bauer Ramiz Nukic hat in den letzten Jahrzehnten rund 300 Skelette, Schädel, Knochen oder Kochenteile gefunden. Er konnte dem Völkermord entkommen, kehrte zurück und sucht seitdem ehrenamtlich nach Vermissten.

"Sie wollten alle Muslime umbringen. Ich bin zurückgekommen."

Sadik Selimovic

Es verbindet sie viel, die beiden Männer die durch die dichten hügeligen Wälder von Srebrenica streifen. Beide sind Überlebende des Völkermords, beide verloren enge Angehörige und zahlreiche Freunde und Bekannte, beide kehrten nach Kriegsende in ihre ostbosnische Heimat zurück und beide suchen nach Vermissten. Der Bauer Ramiz Nukic und Sadik Selimovic vom bosnisch-herzegowinischen Institut für Vermisstensuche.

„Die Lösung dieser Frage ist sehr, sehr, sehr wichtig. Dann würden sich viele Dinge verbessern. Aber das Problem ist, dass auf allen Machtebenen Menschen sitzen, die an solchen Verbrechen beteiligt waren. Von der kommunalen Ebene bis zu den höchsten Ebenen im Staat. Es gibt einfach keinen politischen Willen, denn die Menschen, die daran teilgenommen haben, führen jetzt diese Institutionen an und behindern alles. Die an den höchsten Positionen behindern das und ihnen ist die Lösung dieses Problems überhaupt nicht wichtig.“

Sadik Selimovic verlor unter anderem drei Brüder durch den Völkermord. Hajrudin fand er im Wald, den Jüngsten, Sabahudin sucht er noch.

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Suche nach Vermissten bei Srebrenica

Videomaterial: Eldina Jasarevic | Karin Straka

Videobearbeitung: Karin Straka

Die helle Vormittagssonne scheint durch die grünen Blätter, als die beiden Bosniaken abseits des Wegs auf einen hohen Baum zusteuern. Ramiz Nukic bückt sich, schiebt Laub und Erde weg und nimmt ihn dann behutsam in die Hand. Den menschlichen Schädel, den er vor kurzem gefunden hat. An einer weiteren Fundstelle, ebenfalls ein Schädel und mehrere Knochen. Das Suchen werde immer schwieriger, sagt der schlanke, fast hagere Mann. Er ist jetzt 59 und hat bisher rund 300 Skelette, Schädel, Knochen oder Knochenteile gefunden und damit unendlich viel getan für die ruhelosen Angehörigen, die nun wenigstens Gewissheit haben, meint Sadik Selimovic, der weiß wovon er spricht. Er raucht und fährt sich durch die dichten weißen Haare. Denn die Wälder um Srebrenica, die lassen den 62-Jährigen nicht unberührt. Er selbst wurde verwundet und überlebte durch viele Zufälle, doch drei Brüder, der Vater und viele weitere Angehörige sind tot. Seinen Bruder Hajrudin fand er ganz in der Nähe hier, Sabahudin, den Jüngsten, den sucht er noch: „Das sind Situationen, in denen ich Gott bitte, dass es sich um meinen Bruder handelt. Mein Bruder ist nämlich drei Monate lang durch diese Wälder geirrt. Ich wünsche es mir, dass er es ist, dass ich zumindest einen Knochen von ihm finde, dass er Ruhe findet und dass ich weiß, wo sein Grab ist, damit wir es besuchen können.“

 

Im Juli 1995 flüchten zehntausende Verzweifelte in blanker Panik durch die Wälder in Richtung Tuzla, wo die bosnische Armee das Sagen hat. Ein qualvoller Weg, der heute „Todesmarsch“ genannt wird. Denn die serbischen Täter stellen den Fliehenden Fallen und nehmen sie unter Beschuss. Auch Ramiz Nukic nimmt damals den Weg durch die Wälder.

„Wenn ich an diesen Ort (Anm. im Wald) komme, kehren all diese Bilder wieder zurück nach 25 Jahren. Ich weiß, wie es war, was passiert ist, wie die Menschen verletzt wurden und mich gebeten haben, sie zu töten. Einer hat mich angefleht (…) wie mich dieser Verletzte anflehte, ihn zu töten, das werde ich bis zu meinem Tode hören. Ich konnte es aber nicht tun.“

Ramiz Nukic

25 Jahre nach dem Völkermord in und um Srebrenica

Das ostbosnische Srebrenica liegt im serbischen Landesteil von Bosnien und Herzegowina, eine Gegend voller Tatorte. Im Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Truppen unter dem Kommando von Ratko Mladic in der Gegend um die ostbosnische Kleinstadt Srebrenica 8.372 bosniakische Männer und Jungen. Unter tatkräftiger Hilfe von örtlicher Polizei und serbischen Zivilsten. So wie Baggerfahrer, die bereitwillig Massengräber ausheben oder Leichenteile auf mehrere Gräber verteilen, um die Suche zu erschweren und die Verbrechen zu verschleiern. Die Menschen wurden auf dem damaligen UN-Stützpunkt Potocari von ihren Familien getrennt. Vor den Augen niederländischer UNO-Blauhelme, die gnadenlos versagten und sich sogar zu Handlangern der Täter machen ließen. Einige Kilometer nördlich der ehemaligen UNO-Schutzzone Srebrenica auf dem früheren UN-Gelände in Potocari liegt die heutige Gedenkstätte mit dem Friedhof. Dort werden am 11. Juli 2020 die Überreste von neun weiteren Srebrenica Opfern beerdigt. Das Gedenken und die Beerdigungen finden in diesem Jahr coronabedingt in kleinem Rahmen statt.

Menschenteile an 570 Orten

Das jüngste Opfer das dieses Jahr begraben wird, hieß Salko Ibisevic, er wurde 23 Jahre alt. Hasan Pezic war 70 und ist in diesem Jahr der älteste, der beerdigt wird. In Potocari sind bisher 6.643 Opfer begraben. Ihre Überreste wurden an 570 verschiedenen Orte gefunden. Monate nach dem Völkermord hoben die serbischen Täter die Gräber wieder aus und verteilten die Leichen. Mehr als 1.200 Menschen gelten noch als vermisst.

„Ich bin zurückgekommen, um in ihrem Blickfeld zu sein. Sie (Anm. die Serben) wollten alle Muslime umbringen und mit meiner Anwesenheit verhindere ich, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht.“

Sadik Selimovic

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Fotocollage: BR | Karin Straka
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Leugnen und Islamophobie verhindern Frieden und Versöhnung

Srebrenica liegt im serbischen Landesteil von Bosnien und Herzegowina. und rund um den Gedenktag am 11. Juli häufen sich feindselige Vorfälle, sagt Azir Osamnovic der ARD. Er ist Historiker an der Gedenkstätte Srebrenica/Potocari. „Seit 2007 ist die Gedenkstätte eine staatliche Institution (…) Es gab keine Angriffe auf die Gedenkstätte, aber es gab und gibt immer wieder kleinere Provokationen z.B., wenn Serbien bei einem Fußballspiel oder in einer anderen Sportart gewinnt, dann gibt es lange Autokolonnen von Bratunac nach Srebrenica. Wenn sie an der Gedenkstätte vorbeifahren, dann provozieren sie, indem sie singen, grölen oder etwas werfen. Auch bei Hochzeiten gibt es solche Provokationen. Serbische Politiker, Medienvertreter, Wissenschaftler, Intellektuelle, normale Bürger, alle leugnen den Völkermord strategisch, sagt Emir Suljagic, Direktor der Gedenkstätte Srebrenica.

„Es ist ganz einfach. Wenn Sie die Familie eines Menschen töten und das Haus niederbrennen, dann ist die Erinnerung alles was bleibt. Und Leugnen ist ein Angriff auf die Erinnerung an die Ereignisse.“

Emir Suljagic, Direktor der Gedenkstätte Srebrenica/Potocari

Zum 25sten Jahrestag hat die Gedenkstätte das strategische Leugnen des Genozids in einer Studie untersucht und in einen internationalen Zusammenhang gestellt. Zum systematischen Leugnen gehört etwa das Anzweifeln von Opferzahlen, das Ignorieren von Fakten, das Argumentieren Bosniaken seien kein Volk, also könne es keinen Völkermord gegeben haben. Dazu kommen absurde Argumente gegen das Jugoslawientribunal und dessen Urteile. Dazu kommt offener Triumpf über die Verbrechen und das Lancieren angeblich antiserbischer Verschwörung. Ein Beispiel: Leugnen und Islamophobie sind demnach die größten Hindernisse auf dem Weg zu Frieden und Versöhnung in Bosnien und Herzegowina. Die umstrittene Vergabe des Literaturnobelpreises für den mit Serben sympathisierenden Peter Handke gilt für Emir Suljagic ebenfalls als Beleg für Ignoranz und er betont: verurteilte Kriegsverbrecher wie Ratko Mladic seien für rechtsextreme Attentäter Helden, zum Beispiel für Anders Breivik und Brenton Tarrant.

„Wir sollten nicht vergessen, dass Bosnien das erste Testfeld für Rechtsextreme in der Welt war. Hunderte russische Freiwillige kamen zwischen 92 und 95 hierher um Muslime zu töten oder griechische Rechtsextreme von denen heute einige in der griechischen Neonazi-Partei Goldene Morgenröte sind. In vielerlei Hinsicht kämpfen viele dieser Extremisten immer gegen die Türken. Es gibt also eine größere Schlacht, die auch von der Schwächung des antifaschistischen Konsenses in Europa befördert wurde.“

Emir Suljagic, Direktor der Gedenkstätte Srebrenica/Potocari

Das Leugnen von Genozid unter Strafe stellen, eine landesweite Bildungsreform und Täter strafrechtlich verfolgen, dies wäre dringend notwendig, so Emir Suljagic. Und die noch vermissten Ermordeten finden, so wie es Sadik Selimovic und Ramiz Nukic in den Wäldern rund um Srebrenica tun.

„Wenn ich mich mit einem Augenzeugen treffe oder mit jemandem Kaffee trinke, von dem ich glaube, er könnte was wissen und mir helfen, dann grüßt mich dieser Mensch nach zwei Tagen nicht mehr. Ich glaube, bei ihnen (Anm. den Serben) gibt es eine Organisation, die jeden Schritt verfolgt den ich tue. Und wenn sie spüren, dass ich da was erfahren könnte, dann drohen sie wahrscheinlich diesem Augenzeugen.“

Sadik Selimovic sagt er kenne viele Menschen persönlich, die am Völkermord beteiligt waren.

Rund 1.200 Menschen gelten noch als vermisst. Abgesehen von anonymen Hinweisen schweigt der Großteil der serbischen Täterseite beharrlich darüber, wo die Ermordeten verscharrt sind. Seit 2008 suchen Profisuchteams in der Gegend, doch Ramiz Nukic sucht ebenfalls weiter. Auch wenn das Finden von Menschenteilen für ihn schmerzhaft bleibt.

„Ich spüre dann eine große Trauer. Zugleich freue ich mich, weil ich etwas gefunden habe. Ich bin aber traurig, weil dieser Mensch so gestorben ist.“

Ramiz Nukic

Und der unermüdliche Sucher nach den Vermissten des Völkermords gibt noch einen Gedanken mit auf den Weg. Der Schädel unter dem hohen Baum in den Wäldern bei Srebrenica, den er vor einigen Tagen gefunden hat, der könnte ja auch der eines Serben sein.

 

Unser Webspecial zum 20. Jahrestag 2015 enthält weitere Informationen.

 

 

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