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Foto: BR | Srdjan Govedarica

Journalisten decken Ungereimtheiten auf
Corona in Serbien: Falsche Zahlen?

Bilden die Zahlen, die von der Serbischen Regierung zur Corona-Pandmie veröffentlicht wurden, wirklich die tatsächliche Infektionslage im Land ab? Zweifel daran seien bereits am Anfang der Corona-Krise aufgekommen, sagt Natalija Jovanovic. Die Journalistin arbeitet für das Investigativnetzwerk BIRN: „Es gab eine offizielle Version aber auch etliche Beispiele in den sozialen Netzwerken und auch Journalisten haben darüber geschrieben, dass die Situation eine andere ist.“

Natalija Jovanovic will es genau wissen und bekommt schließlich über eine Quelle Einblick in Daten des Instituts für die öffentliche Gesundheit in Belgrad. Das so genannte Batut-Institut ist so etwas wie das serbische Robert-Koch-Institut. Hier laufen alle Informationen zur Cornasituation zusammen, werden in ein eigens geschaffenes Covid19-Informationssystem eingepflegt und dienen als Entscheidungsgrundlage für den nationalen Coronakrisenstab. Dieses öffentlich nicht zugängliche Informationssystem kann Journalistin Jovanovic auswerten. Und sie stößt auf Ungereimtheiten:

Das, was die dort verfügbaren Daten zeigen, unterscheidet sich von dem, was offiziell veröffentlicht worden ist.

Natalija Jovanovic, Journalisten Investigativnetzwerk BIRN

Die Daten unterscheiden sich nach Angaben der BIRN Journalistin sogar erheblich von der offiziell bekannten Statistik. Betrachtet mach den Zeitraum 18. März – 1 Juni, sind im Informationssystem 632 Verstorbene registriert, die nachweislich mit dem Coronavirus infiziert waren. Öffentlich kommuniziert wurde aber die Gesamtzahl von 244 Verstorbenen in diesem Zeitraum – also deutlich weniger als die Hälfte. „Der 13. April war – um es so auszudrücken – der tödlichste Tag nach dem Covid19-Informationssystem. Dort sind 23 Tote an diesem Tag registriert, offiziell verkündet wurden an dem Tag aber sechs.“

Auch bei der Zahl der Neuinfizierten hat Journalistin Jovanovic Unregelmäßigkeiten festgestellt. So sind im Covid19-Informationssystem vom 17. bis zum 20. Juni mehr als 300 Neuinfizierte pro Tag registriert, die offizielle Statistik meldete in der Spitze 97 Neuinfektionen. Pikant: Am 21. Juni haben in Serbien Parlamentswahlen stattgefunden und die regierende Fortschrittspartei von Präsident Alexandar Vucic trommelte im Wahlkampf für eine hohe Wahlbeteiligung – auch um dem Wahlboykott einiger wichtiger Oppositionsparteien den Wind aus den Segeln zu nehmen. Zoran Radovanovic ist emeritierter Professor der Epidemiologie und nimmt im Interview mit der Sender N1 kein Blatt vor dem Mund. Der Corona-Krisenstab habe seit der Aufhebung des Ausnahmezustandes in Serbien Anfang Mai seine Arbeit praktisch eingestellt, sagt er:

 

Als wäre da die Entscheidung getroffen worden – egal ob implizit oder explizit – die Wahlen sind wichtiger als die Gesundheit. Das war die Politik und seitdem ist man zur Vertuschung übergegangen.

Zoran Radovanovic, Epidemologe

Die Recherche von Natalija Jovanovic schlägt gerade Wellen in Serbien. Doch die Frage, wie die unterschiedlichen Zahlen zu erklären sind, bleibt bis heute unbeantwortet. Epidemiologe Radovanovic: „Niemand hat das dementiert. Sie haben es stillschweigend hingenommen, es sind keine 90 sondern 340. Das ist schrecklich.“

Klarheit könnte das Institut für die öffentliche Gesundheit schaffen, doch dort ist man zu keiner Stellungnahme bereit. Weder gegenüber den Journalisten von BIRN noch gegenüber der ARD. Nach der Veröffentlichung der Recherche meldeten sich Mitglieder des nationalen Krisenstabs zu Wort. Aber auch sie lieferten keine schlüssige Erklärung. Stattdessen äußerten sie Vermutungen, dass es zu Doppelzählungen gekommen sein könnte. Oder, dass Verstorbene nicht mitgezählt wurden, weil sie neben Covid noch eine schwere Vorerkrankung hatten und die Todesursache damit nicht eindeutig sei. Der serbische Präsident Aleksandar Vucic, der als oberster Krisenmanager während der Coronakrise omnipräsent war, sagte noch am 1. Mai:

Wir wollen nichts verheimlichen, wie das andere machen. Wir werden noch mehr Menschen testen. Denn wenn Sie nicht testen, dann stirbt auch niemand an Corona. Sie melden dann, dass derjenige an irgendwas anderem gestorben ist. Wir werden uns nicht schämen und nichts vor unseren Bürgern verheimlichen, weil wir möchten, dass sie geheilt werden. Und nicht dass Menschen sterben.

Serbiens Präsident Aleksandar Vucic am 1. Mai

Die Menschen in Serbien sind nun verunsichert. Nach dem 15. März mussten sie sich Coronaeinschränkungen stellen, die zu den strengsten in Europa gehört haben. Dann kam Anfang Mai die Entwarnung und sie bekamen Coronzahlen präsentiert, die für eine Entspannung der Lage sprachen. Andererseits sehen sie seit Tagen lange Schlangen vor den staatlichen Coronateststationen und viele berichten dieser Tage über Coronafälle im Bekanntenkreis. Natalija Jovanovic möchte sich nicht an Spekulationen beteiligen, wie es zu den unterschiedlichen Zahlen kommen konnte –  für sie ist aber klar:

„Es hat auf jeden Fall eine Vertuschung stattgefunden, sowohl bei den Verstorbenen als auch bei den Infizierten. Da wurden auf eine Art Informationen verschwiegen. Es ist nicht unsere Aufgabe, die strafrechtliche Verantwortung dafür festzustellen. Aber wir denken, dass der Staat verantwortungsbewusst und aufrichtig verfahren sollte und den Bürgern das Maximum an Informationen geben sollte, die ihm zur Verfügung stehen.“

Inzwischen hat der nationale Corona-Krisenstab eine Maskenpflicht für den öffentlichen Nahverkehr beschlossen und das Tragen von Masken in geschlossenen Räumen empfohlen. Die Entscheidung wurde zwei Tage nach der Wahl verkündet.

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