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Mirsada am Verkaufsstand ihres Ehemanns. Vor der Krise arbeitete sie als Reinigungskraft in privaten Haushalten. Wegen der Krise hatte sie kaum Aufträge. Foto: BR | Schaban Bajrami

Eine erste Coronabilanz in der Romagemeinde von Skopje
Rundgang durch Suto Orizari

Auf dem ganzen Balkan sind vor allem Roma wirtschaftlich von der Coronakrise betroffen. Viele sind Tagelöhner und leben von der Hand in den Mund. (…). Nehmen wir Suto Orizari. 90 Prozent der Roma von dort arbeiten auf dem Bazar, der (…) geschlossen war.

Kurto Dudusch, Bezirksbürgermeister der Gemeinde Suto Orizari in Skopje

Suto Orizari ist eine von zehn Gemeinden von Skopje. Nach offiziellen Angaben leben hier laut Volkszählung von 2002 rund 20.000 Menschen, doch Kurto Dudusch ist sicher, dass es etwa doppelt so viele sind. Die meisten der Bewohner sind Roma, viele würden im Ausland leben und arbeiten und viele Häuser stünden leer, sagt Kurto Dudusch. Im Sommer würden sie üblicherweise in die Heimat reisen und dort auch Geld ausgeben, doch damit rechnet Kurto Dudusch dieses Jahr nicht: „Durch diese Coronakrise würde ich sagen werden wenige kommen. Finanziell (…) , wird es uns fehlen als Kommune.“ Auch die Überweisungen mit denen viele ihre Familien in Nordmazedonien unterstützen fließen durch Corona deutlich spärlicher, erzählt der Bezirksbürgermeister. Während der Corona-Auflagen verteilte er mit Hilfe des Roten Kreuzes Lebensmittelpakete und Hygieneartikel, rund 3000 seien es gewesen. Er habe nichts dergleichen bekommen, beklagt sich ein Bewohner im Gespräch mit der ARD. Viele Menschen konnten während der Coronakrise nicht arbeiten, denn in Suto Orizari leben die meisten von der Hand in den Mund und waren als Tagelöhner von den strengen Ausgangsbeschränkungen stark betroffen. Sie konnten das Haus nicht verlassen und blieben ohne Einkommen. Trotz Sozialhilfe sei er nicht über die Runden gekommen, erzählt auch der Standverkäufer Jimmy. Der Bazar ist das Herz des Viertels. Die bunten Stände und Läden dürfen wieder verkaufen und hängen voller Hosen, Pullover, Blusen und T-Shirts. Es gibt Berge von Jeans und massenhaft Schuhe. Wer gebrauchte und trotzdem gute Kleidung für ein paar Euro sucht ist hier goldrichtig. Zwei Monate lang schlossen die Behörden den Bazar wegen des Coronavirus. Nun steht auch Jimmy wieder zwischen den Socken, Unterhosen und BHs, die er verkauft, zufrieden wirkt er nicht.

Es war sehr schwierig, denn der Staat hat den Standverkäufern hier überhaupt nicht geholfen. Es war auch sehr schwierig ohne Arbeit, weil ansonsten niemand in der Familie Arbeit hat. Selbst wenn man ein Zimmer voller Geld hätte, nur ausgeben, ohne etwas einzunehmen ist schwierig.

Standverkäufer aus Suto Orizari

In Nordmazedonien sind offiziell 17,1 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, doch Beobachter schätzen dass die Zahl höher ist, da sich viele nicht arbeitslos melden. Das Land leidet unter der Abwanderung, vor allem von jüngeren gut ausgebildeten Bewohnerinnen und Bewohnern. Nordmazedonien ist leer, heißt es oft. Auch die Verkäufer auf dem Viehmarkt in Suto Orizari sind unzufrieden. Bedri Ajdari verkauft hier seit langem seine Tiere. Eigentlich sollte das Geld locker sitzen. Erst war Ostern, dann das große Frühlingsfest Djurdjevdan oder Ederlezi  genannt und dann noch Ramadan. Doch die Geschäfte liefen schlecht, meint er.

Wir kommen seit zehn Jahren auf diesen Markt um unsere Lämmer zu verkaufen. Wir züchten die Schafe für solche Feiertage. Aber wir sind mit dem Verkaufspreis nicht zufrieden.

Viehverkäufer Bedri Ajdari

Beim Metzger kostet ein Kilo zartes Lammfleisch umgerechnet rund sieben Euro. Wer auf dem Viehmarkt bei Bedri Ajdari etwas Lebendiges kauft kommt um einiges billiger weg, muss dann allerdings selbst Hand anlegen. Ein zufriedener Kunde trägt gerade ein Lamm an den Beinen weg. Ein Schlachter folgt mit dem zweiten, die Schlachtmesser schon parat. Viele Menschen sorgen sich nicht erst seit Corona, wie sie die Familie durchbringen sollen. Doch das Virus hat die Situation schwieriger gemacht. Viele im Viertel sammeln Altmetall oder Altpapier, leben von Gelegenheitsjobs und sind gleichzeitig auf Sozialhilfe angewiesen. Aufgrund der Corona-Auflagen waren auch kleine Jobs nur zeitlich eingeschränkt erlaubt.

Ich mache das schon viele Jahre doch wegen der Polizeistunde konnten wir in letzter Zeit nur ein bis zwei Stunden sammeln. Zum Glück wurde die Sozialhilfe schon ausbezahlt.

Alteisensammler aus Suto Orizari

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Ein Rundgang durch die Romagemeinde in Skopje

Videomaterial: Schaban Bajrami und Sasko Golov

Bildschnitt: Thomas Wachholz

Auch der Maurer Durmis Bajram muss aufgrund des Coronavirus den Gürtel enger schnallen.

Bis letztes Jahr hatten wir Arbeit und haben gut verdient weil es kein Corona gab. Doch dieses Virus hat uns alle stillgelegt. Die Leute haben Angst zu bauen. Selbst wenn sie Geld haben tun sie es nicht wegen der Ungewissheit wie es weiter geht. Wir sind neun Leute in der Familie und niemand hat Arbeit.

Durmis Bajram, Maurer

Müll wird nicht abgeholt, es gibt keine Kanalisation.

Das Viertel Suto Orizari entstand Anfang der 60er Jahre nach einem großen Erdbeben und vor allem Roma zogen damals hierher. Abseits der Hauptwege gleicht das Viertel teilweise einem Slum. Ungeteerte Straßen und Wege, beengtes Wohnen unter schwierigen hygienischen Bedingungen. Selbstgebaute Häuser aus gesundheitsschädlichem Material wie Asbest, schlechte Wasserversorgung, nicht abgeholter Müll. Das bereitet Gunjesch Geto zu Coronazeiten besonders große Sorgen. Zumal Armut und beengtes Wohnen auch Mindestabstand schwierig machen.

Die Umstände hier sind katastrophal. Durch den Schmutz bekommen wir Corona. Wir haben kein fließend Wasser oder Kanalisation. Auch die Müllhalde gegenüber ist enorm groß und davon erkrankt man an Corona.

Gunjesch Geto, Bewohner von Suto Orizari, Familienvater

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