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Reza Lakri hat ein Jahr und vier Monate in den 'Transitzonen' Röszke und Tompa verbracht. Im Gespräch mit der ARD sagt er: 'Das war nicht wie Gefängnis – das war Gefängnis!' Marta Pardavi vom ungarischen Helsinkikomitee für Menschenrechte sagt, dass sich die Migrationspolitik der Regierung Orban auch nach der Schließung der 'Transitzonen' nicht geändert habe. Foto: BR | Srdjan Govedarica

Ungarn: Nach Schließung der “Transitzonen” für Asybewerber
“Das war Gefängnis”

Ein Gewerbegebiet am Rand der ungarischen Stadt Györ. Lastwagen donnern eine schmale Landstraße in Richtung Slowakei entlang. Ein Schotterweg zweigt ab und führt zu einem eher unscheinbaren Gebäude mit Zaun drumherumund Rolltor am Eingang. In dieser von außen eher trostlosen Flüchtlingsunterkunft wohnt seit neustem auch Reza Larki.  Dass er sich frei bewegen und mit uns vor dem Tor sprechen darf – scheint er selbst noch nicht so richtig fassen zu können.

Das ist Magie, glaube ich. Ich habe nicht gedacht, dass das mal passiert. Das muss Magie sein, das weiß ich.

Reza Larki ist aus dem Iran geflohen

Reza Larki ist nicht besonders groß gewachsen. Auf dem Kopf trägt der 18-jährige Iraner eine Baseballkappe mit Schirm nach hinten,  die patchworkartig aus knallbunten Landesflaggen zusammengenäht ist. Immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht – selbst dann, wenn er über das Jahr und die vier Monate spricht, die er in den so genannten Transitzonen  verbringen musste.

Das Leben war zu schwer dort. Weil jeden Tag denkst du – ok, heute werden sie mich freilassen, oder morgen oder übermorgen. Aber dann siehst du – nein – das Leben ist jeden Tag dasselbe, immer wieder. Das kann man ein Monat oder zwei aushalten, aber ein Jahr lang – das ist zu schwer.

Reza Larki ist aus dem Iran geflohen
Die rund 300 Menschen aus den 'Transitzonen' Röszke und Tompa leben inzwischen in offene Einrichtungen – Reza Larki ist in diese Flüchtlingsunterkunft in Györ untergebracht. Foto: BR | Srdjan Govedarica
Die rund 300 Menschen aus den 'Transitzonen' Röszke und Tompa leben inzwischen in offene Einrichtungen – Reza Larki ist in diese Flüchtlingsunterkunft in Györ untergebracht. Foto: BR | Srdjan Govedarica

Reza Larki sagt, dass er den Iran wegen eines Familienkonflikts verlassen und sich mit seinem Onkel auf den Weg gemacht habe. Von Serbien aus wurden Reza und sein Onkel im Januar 2019 in die so genannte Transitzone im ungarischen Röszke vorgelassen und dann voneinander getrennt. Bis heute wisse er nicht, wo sein Onkel geblieben sei, sagt Reza. Im Lager sei er gut behandelt worden, sein größtes Problem die Langeweile gewesen – er habe zwar mal Fußball oder Volleyballgespielt, andere Freizeitangebote oder gar Unterricht habe es nicht gegeben.

Das war nicht wie Gefängnis – das war Gefängnis. Weil wenn du nirgendwo hin kannst – ist das doch Gefängnis. Und das zweite Problem: Wir haben nichts Kriminelles gemacht – weshalb stecken sie uns dann ins Gefängnis?

Reza Larki ist aus dem Iran geflohen

Die beiden Containerlager Röszke und Tompa gab es seit 2015, als Ungarn seine Grenze zu Serbien mit einem Stacheldrahtzaun dicht gemacht hatte. Nur in den beiden so genannten Transitzonen war es möglich, Asyl in Ungarn zu beantragen. Wer Glück hatte vorgelassen zu werden, musste in den Lagern auf seinen Asylbescheid warten – im Extremfall jahrelang. Bereits 2015 sprachen Menschenrechtler davon, dass diese Praxis einer Inhaftierung gleichkomme und nicht zu rechtfertigen sei. Dieses Jahr im Mai sah der EuGh das auch so. Die ungarische Regierung zeigte sich mit dem Urteil überhaupt nicht einverstanden, schloss die beiden Lager jedoch Mitte Mai. Für Marta Pardavi vom ungarischen Helsinkikomitee für Menschenrechte war das längst überfällig.

„Nein, wir haben nie aufgegeben. Und die Situation wurde immer schlimmer. Wir hatten Klienten, die fast zwei Jahre festhalten wurden. Unter ihnen einige, denen Nahrung verweigert wurde. Die Hälfte der etwa 300 Menschen waren Kinder, die im Durschnitt ein Jahr lang festgehalten wurden. Und wir dachten, das ist wirklich unhaltbar“

Marta Pardavi vom ungarischen Helsinkikomitee für Menschenrechte
Marta Pardavi vom ungarischen Helsinkikomitee für Menschenrechte sagt, dass sich die Migrationspolitik der Regierung Orban auch nach der Schließung der 'Transitzonen' nicht geändert habe. Foto: BR | Srdjan Govedarica
Marta Pardavi vom ungarischen Helsinkikomitee für Menschenrechte sagt, dass sich die Migrationspolitik der Regierung Orban auch nach der Schließung der 'Transitzonen' nicht geändert habe. Foto: BR | Srdjan Govedarica

Nach der Schließung der beiden Lager in Röszke und Tompa hat die ungarische Regierung bekanntgegeben, dass auf ungarischem Territorium nun gar keine Asylanträge mehr angenommen würden. Das soll künftig nur noch in ungarischen Botschaften außerhalb der EU möglich sein. Marta Pardavi wundert das nicht. Denn die Schließung der Transitzonen war zwar ein Etappensieg  für die Menschenrechtler.

Aber gleichzeitig war klar, dass die politische Position unverändert geblieben ist. Die ungarische Regierung wird – wie schon seit Jahren – alles dafür tun, um Flüchtlingen und Asylbewerbern Schutz zu verweigern.

Marta Pardavi vom ungarischen Helsinkikomitee für Menschenrechte

Auch Reza Larki weiß noch nicht, wie es für ihn weitergeht. Er hat einen Anwalt und sein Aslyantrag läuft noch. Der junge Iraner kann sich vorstellen in Ungarn zu bleiben.

 

Sie mögen Flüchtlinge  hier nicht. Die Menschen schon, aber die Regierung nicht. Wenn ich wüsste, dass sie uns hier unterstützen, würde ich hier bleiben. Aber ich habe bis jetzt noch keinen Plan für die Zukunft.

Reza Larki ist aus dem Iran geflohen

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