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Ivett Ördög Foto: BR | Srdjan Govedarica

Transpersonen in Ungarn
Was kommt als nächstes?

Zu Besuch bei Ivett Ördög im zweiten Bezirk der ungarischen Hauptstadt Budapest. Ivett Ördög trägt ihr schwarzes Haar kinnlang, und zum ebenso schwarzen Top einen farbenfrohen sommerlichen Rock. Die Softwareentwicklerin und Transgender-Aktivistin empfängt uns gut gelaunt und ist zu Scherzen aufgelegt, doch eigentlich blickt sie sorgenvoll in die Zukunft:

Ich frage mich immer, was kommt als nächstes, wann kommt die nächste Hiobsbotschaft?

Ivett Ördög

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Worum es ihr geht, zeigt Ivett Ördög am Beispiel ihres Personalausweises. Der Name auf dem Ausweis ist ein Männername, als Geschlecht ist männlich angegeben und auch auf dem Foto ist ein Mann zu sehen. Es sei jedes Mal eine Art Zwangsouting, wenn sie sich irgendwo ausweisen müsse.

Die meisten Menschen glauben mir irgendwann, aber ihre erste Reaktion ist. Das ist doch dein Bruder – das passiert häufig.

Ivett Ördög
Ivett Ördög (40) hat jahrelang als Mann gelebt, ihre Identität ist und war aber stets weiblich. In ihrem Personalausweis sieht man das nicht: Der Name ist ein Männername, das Foto zeigt einen Mann und auch das Geschlecht ist als „männlich“ angegeben. Foto: BR | Srdjan Govedarica
Ivett Ördög (40) hat jahrelang als Mann gelebt, ihre Identität ist und war aber stets weiblich. In ihrem Personalausweis sieht man das nicht: Der Name ist ein Männername, das Foto zeigt einen Mann und auch das Geschlecht ist als „männlich“ angegeben. Foto: BR | Srdjan Govedarica

Ivett Ördog lebte jahrelang als Mann – dabei ist und war ihre Identität stets weiblich. Seit einigen Jahren ist sie auch offen eine Frau und würde das gerne auch offiziell ins Melderegister eintragen lassen – doch das ist in Ungarn nun verboten. Hintergrund ist ein umstrittenes Gesetz, dass die ungarische Regierung von Viktor Orban mitten in der Coronakrise beschlossen hat. Menschenrechtsanwältin Bea Bodrogi umreißt es so: „Das neue Gesetz wird die Möglichkeit, sein Geschlecht offiziell zu ändern, verbieten. So einfach ist das. Und Ungarn ist das einzige Land in der EU, dass das verbietet.“

Das stößt auf Widerstand und Bea Bodrogi vertritt im Auftrag der Organisation Transvanilla Transgender Association 23 Trangsgender-Menschen vor dem Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Mit guten Aussichten auf Erfolg, glaubt die Anwältin:

Wissen Sie, es steht im Widerspruch zu allen internationalen Menschenrechtsstandards. Das eine ist das Gesetz, dass es verbietet, sein Geschlecht offiziell zu ändern. Aber bereits seit zwei Jahren hat die Regierung diese Praxis und die Prozedur ausgesetzt – und so kann man sagen, dass es bereits seit 2018 keine rechtliche Anerkennung von Geschlechtsänderungen in Ungarn gibt.

Bea Bodrogi
Bea Bodrogi ist Menschenrechtsanwältin aus Budapest und vertritt Trans-Menschen. Aus ihrer Sicht verstößt das ungarischen Transgendergesetz gegen alle internationalem Menschenrechtsstandards. Foto: BR | Srdjan Govedarica
Bea Bodrogi ist Menschenrechtsanwältin aus Budapest und vertritt Trans-Menschen. Aus ihrer Sicht verstößt das ungarischen Transgendergesetz gegen alle internationalem Menschenrechtsstandards. Foto: BR | Srdjan Govedarica

Die ungarische Regierung argumentiert, dass der Staat sich nicht in die Privatsphäre seiner Bürger einmischen möchte. Jeder dürfe seine sexuelle Freiheit individuell und frei ausleben. Das Geschlecht, das einem bei Geburt zugewiesen werde, reiche dem Staat für das Meldewesen aus. Man sei sich auch darüber im Klaren, dass das eine Position ist, die in Europa möglicherweise nicht mehrheitsfähig ist, heißt es in Budapest. Ivett Ördög schüttelt über die offizielle Lesart der Regierung den Kopf: „Ich wäre wirklich glücklich, wenn ich mich mit Regierungsvertretern zusammensetzen und erklären könnte, warum uns das wichtig ist, aber sie sind einfach nicht willens, das zu machen.“

 

Negative Berichterstattung über Transgender in Ungarns regierungstreuen Medien habe deutlich zugenommen. Sie selbst sei als „Kreatur“ Bezeichnet worden, die „sein“ Geschlecht nicht akzeptieren wolle. Eine Strategie der Regierung, um die eigene Macht zu festigen, glaubt Ivett Ördög. „Im Grunde nehmen sie eine Gruppe oder ein Konzept, die sie unpopulär machen können. Wenn es dann unbeliebt genug ist, kommen sie dann und retten das Land vor dem Narrativ, dass sie gerade erschaffen haben.“

 

Ivett Ördög macht einen selbstbewussten Eindruck, doch der Druck geht auch an ihr nicht spurlos vorüber. Deshalb habe sie sich entschlossen, Ungarn zu verlassen und nach Deutschland zu ziehen – wenn es mit der Jobsuche klappt bereits in wenigen Monaten. Verstecken möchte sie sich auch dort nicht:

Ich rede gerne über meinen Transstatus mit Freunden und Kollegen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Aber doch nicht sofort. Ich möchte nicht, dass das die erste Information ist, die man über mich weiß.

Ivett Ördög
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