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Die Schriftstellerin Lydia Haider bei unserem Treffen am Wiener Heldenplatz im April 2020. Foto: BR | Andrea Beer

Treffen mit der österreichischen Autorin Lydia Haider
Bei mir geht es um Abgründe

„Bei mir geht es immer um Zerstörung, um Abgründe und um Rollenbilder. Immer um Macht und Handlungsohnmacht.“

Lydia Haider, Autorin

Corona ist definitiv nicht inspirierend, stellt Lydia Haider fest. Ende April 2020 steht sie am Wiener Heldenplatz und raucht eine Zigarette. Sie sei ein optimistischer Mensch, doch im Moment sei alles schwierig. Keine Lesungen, keine Lesereisen, kein kreatives Nachtleben, kein Theater und vor allem weit weniger andere Menschen um sie herum also sonst. Beim Schreiben in Bars und Kaffeehäusern. Dabei gehe es ihr noch vergleichsweise gut, ihre Theaterprojekte laufen weiter und finanziell habe sie auch keine Probleme. Doch es gebe viele Kollegen und Kolleginnen, bei denen das nicht so sei.

 

Es sterben alle Hunde

„Es sterben alle Hunde. Wenn man das ausspricht, ist das ein krasser Inhalt“, erzählt Lydia Haider von einem Text, den sie vor einiger Zeit geschrieben hat. Inhalt, Sprache und das alles in einer großen Übertreibung, unter anderem so beschreibt sie ihren Zugang zum Schreiben. Sterbende Altnazis oder eine Reihe tödlicher Unfälle junger Menschen. Der Inhalt sei fast willkürlich und natürlich auch wieder nicht. Bibelsprache, Nazisprache oder Dialekte. Keine Art von Sprache, keine Wörter werden von Lydia Haider ausgegrenzt. Ich hänge an der Sprache, erzählt die 35-Jährige kurz bevor Corona das lebendige Nachtleben lahmlegt im Café Weidinger am Wiener Gürtel. An den Tischen dort ist ein Teil ihrer provokanten Texte entstanden. Ist sie abends oder nachts unterwegs hat Lydia Haider ein Notizbuch dabei, weil man beim Schreiben Bewegung mit einfangen kann. Auch die enthüllenden Schimpftiraden in ihrem Roman „Wahrlich fuck you du Sau“ schrieb sie viel auf Papier, das passte ihrem Gefühl nach besser zu diesem Text, den sie „Gesang“ genannt hat.

 

Wieviel Gemetzel braucht diese Zeit?

Diese Frage stellte Lydia Haider einmal für eine Schreibwerkstatt für Frauen. Dabei ging es nicht um die Inszenierung echter Blutbäder, sondern darum, Schreibprozesse zu verstehen „…. uns in wien herumtreibend bei wein und hochprozentigem, dabei nachdenkend, phantasierend, debattierend, werden wir schreiben und uns gegenseitig vorlesen, diskutieren, unsere schreibprozesse verstehen lernen, und so einiges zu zerstören versuchen – auf textlicher ebene wohlgemerkt.“

Literarische Kurzbiografie Lydia Haider

 

Lydia Haider, *1985 in Steyr / Oberösterreich lebt in Wien. Sie hat Germanistik und Philosophie studiert und schon einige Preise und Stipendien abgeräumt. Ihr erster Roman „Kongregation“ erscheint 2015 und kommt ins Finale beim österreichischen Alpha Literaturpreis. Weitere Bücher sind „rotten“ (2016),  „Wahrlich fuck you du Sau, bist du komplett zugeschissen in deinem Leib drin oder: Zehrung Reiser Rosi, Ein Gesang“ (2018), „Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit“ (2019). Zurzeit arbeitet sie an dem Roman „Zertretung“, ein Text aus dem auch Theaterstücke entstehen. „Das wird ein Doppelding, ein großer Roman und ein Dreigestirn Theater“, sagt die Autorin bei einem Treffen im Café Weidinger. Die 35-Jährige macht auch Musik und nennt sich „Chefpredigerin der Gruppe gebenedeit“, deren neu aufgenommene Platte im November erscheinen soll. Die Coronakrise bereitet ihr Sorgen, denn „wir sind eine Liveband“. Für Juli 2020 bereitet Lydia Haider das Kunstfestival „Perspektiven Attersee“ mit vor, was aufgrund von Corona ebenfalls schwierig ist. Mit Kolleginnen und Kollegen organisiert sie die Lesereihe Blumenmontag. Gemeinsam mit Autorinnen der Wiener Grippe/KW77 – darunter Stefanie Sargnagel oder Maria Hofer – macht sie Reiseberichte, bei denen auch bisher unveröffentlichte Ausflugs- und Wandertagebücher entstanden seien. Aus Marokko schrieben sie 2017 gewohnt satirisch und sarkastisch über ihre Erlebnisse und wurden daraufhin von Vertretern der rechten FPÖ und deren Echoraum in den (Boulevard)-Medien angefeindet. Stefanie Sargnagel wurde sogar offen Mord und Vergewaltigung angedroht, vor allem online. Niemand schreibt so böse wie Lydia Haider, schrieb ein österreichischer Kritiker einmal. Sie selbst sagt uns in einem der Gespräche: „Ich denke ich bin freundlich und umgänglich“.

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Gespräch mit Lydia Haider im Café Weidinger, Feb. 2020

Video: Karin Straka

"Wir gehen jetzt hier herum, weil wir sind was wir sind. Frauen."

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Text „Frauen“

Frauen hassen besser

Nicht nur Lydia Haider versteht sich auf provokante Texte. Anfang März 2020 gab sie eine Anthologie mit Hetzreden heraus und fragte dafür „Frauen, die sich nichts scheißen“ aus der Literatur-, Kunst- und Musikszene. Diese lieferten sehr unterschiedliche Hasstexte gegen das Patriarchat. Darunter Verena Dengler, Raphaela Edelbauer oder Judith Goetz:

„Als aalglatte, reaktionäre Rebellen der gleichen Verbindung, in der auch schon euer Papa und Nazi-Opa verwest sind, habt ihr es euch zur einzigen Lebensaufgabe gemacht, alle Fortschritte der Zivilisation zu behindern, [...] um damit gesellschaftliche Zustände wiederherzustellen, die wohl noch weiter zurückreichen als in die Zeit des Schwarz-Weiß-Fernsehens.“

Aus „Meine Verachtung, entbehrliche Herren“ von Judith Goetz

Krach. Stefanie Sargnagel

Stefanie Sargnagel, *1986, hat eine der 15 Hetzreden geschrieben. Sie zeichnet Cartoons, schreibt Kurztexte und Prosa, die auch im Theater umgesetzt wird. Bei „Ja.Eh!“ im Wiener Rabenhof Gemeindebautheater machte auch Vodoo Jürgens mit. Stefanie Sargnagel ist Obfrau der „Burschenschaft Hysteria“, die nur Frauen aufnimmt. Ihr Logo ist eine Hyäne und die Statuten stehen in „Mein Mampf“. Ein Ziel: das Männerwahlrecht einschränken.

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Stefanie Sargnagel mit Auszügen aus ihrer Hetzrede „Krach“. Zu lesen in der Anthologie „Und wie wir hassen! 15 Hetzreden“. Das Buch wurde am 8. März 2020 im ausverkauften Wiener Schauspielhaus vorgestellt. Im Publikum wurde viel gelacht. Archivfoto (2017). Foto: dpa
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Vier Zumutungen. Gertraud Klemm

Gertraud Klemm hat ihre Hetzrede „Vier Zumutungen“ genannt. Die freie Autorin, *1971 in Wien, hat Biologie studiert. Ihr Roman „Aberland“ steht 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. 2014 erhält sie den Publikumspreis beim Bachmannpreis. 2019 erscheint der Roman „Hippocampus“, der in der Literaturbranche spielt.

„Symbole allein, das weiß sie schon, funktionieren nicht als Protest, denn Symbole tun niemandem weh; und wenn es nicht wehtut, berührt es nicht, und wenn es nicht berührt, kann man es gleich bleiben lassen.“

Aus „Hippocampus“ von Gertraud Klemm

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Gertraud Klemm liest Auszüge aus dem Text „Vier Zumutungen“. Aufgenommen am Frauentag, 8. März 2020, im Wiener Schauspielhaus. Die Zumutungen wurden in der Anthologie „Und wie wir hassen! 15 Hetzreden“ veröffentlicht. Foto: Bogenberger Autorenfotos
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Judith Rohrmoser rappt im Wiener Duo Klitclique. Die Grafikerin und Malerin liest am 8. März 2020 im Wiener Schauspielhaus aus ihrer Hetzrede vor. Darin geht es um ihre jüdische Familie.

"Die Juden brachten euch den Hummus. Ihr habt sie vergast. Es ist nicht mein Grätzel. Ich bin nur Gast auf deiner Parkbank. Jetzt habt ihr Spar-„Veggie“-Hummus. Mazel tov. Versteht mich nicht falsch. Ich bin dankbar, dass ich hier sein darf. Es ist sehr schön hier. Die Stolpersteine geben mir ein Heimatgefühl. [...] Ich frage meinen Grasdealer – ein Mann des Volkes – ob er weiß, wer Adolf Eichmann ist. „Nein, aber klingt wie ein Nazi“. Naja gut. Woher soll der Hannah Arendt kennen."

Aus „Sesshaft“ von Judith Rohrmoser

Stand jetzt werden ab Mitte Juni 2020 Reisebeschränkungen mit Deutschland aufgehoben, weitere Länder sollen folgen. Immer unter dem Vorbehalt, wie sich die Infektionszahlen entwickeln. Museen oder Restaurants in Österreich dürfen ab Mitte Mai unter Auflagen und der Einhaltung von Hygienevorschriften wieder öffnen, doch Theater oder Kabarett bleiben noch geschlossen. Lesungen, Auftritte oder Proben kleinerer Künstlergruppen oder Bands sind bisher nicht wieder möglich. Nicht alles könne man ins Internet verlagern und einige Gruppen würden sich treffen trotzdem, erzählt Lydia Haider. Gemeinsam mit anderen möchte sie ein Atelier mieten. Durch Corona entstehe viel erst gar nicht und nicht alles könne beliebig nachgeholt werden. Ein Verlust für die ganze Gesellschaft, nicht nur für die AutorInnen, MusikerInnen oder PerformancekünstlerInnen selbst.

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Die Anthologie 'Und wie wir hassen!' mit Texten von 15 Frauen - Autorinnen, Musikerinnen, Künstlerinnen - wurde im März 2020 von Lydia Haider herausgegeben. Foto: BR | Andrea Beer
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