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Josip Broz Tito (Mitte mit umgelegtem Mantel) als Kommandeur der Nationalen Freiheitskräfte übergibt das Banner an die erste Proletarier-Brigade am 7. November 1942 in Bosanski Petrovac. Archivfoto: picture-alliance | akg-images

Die ´Straße des Achten Mai´ in Zagreb
Eine nicht abgeschlossene antifaschistische Geschichte

Ein Essay von Stjepan Milcic

In der kroatischen Hauptstadt Zagreb gab es früher „die Straße des Achten Mai“ (Ulica osmog maja). Ihren Namen bekam sie nach dem Zweiten Weltkrieg und die Sieger – Titos Partisanen – wollten damit an ihren triumphalen Einmarsch in Zagreb am 8. Mai 1945 erinnern und diesen verewigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Straßen und Plätze umbenannt. Nicht nur in Zagreb, sondern in praktisch allen Städten und Dörfern in Kroatien und anderen jugoslawischen Republiken. Die Straßen und Plätze, aber auch Schulen, Krankenhäuser, Fabriken, Unternehmen, Medienhäuser wurden in der Regel nach einem Datum oder Ereignis benannt, das Partisanen und Kommunisten wichtig war. Auch kommunistische Märtyrer beziehungsweise echte und selbsternannte Kriegshelden bekamen einen Platz, eine Straße oder eine Schule. So wurde eigentlich fast alles umbenannt, was man umbenennen konnte.

8. Mai 1945. Das Ende des Zweiten Weltkriegs

Am 8.Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Damit war der Traum – für die meisten der Albtraum – vom „tausendjährigen Reich“ endgültig ausgeträumt. Deutschland war in vier Besatzungszonen geteilt und Westeuropa – inklusive Westdeutschland – wandte sich dem infrastrukturellen und wirtschaftlichen Wiederaufbau zu, mit liberalen, demokratischen Gesellschaftsordnungen. Der Osten Europas – inklusive Ostdeutschland – geriet unter sowjetrussischen Einfluss. Und die dort regierenden kommunistischen Parteien und ihre Satelliten machten sich an den Aufbau des Sozialismus. Wieder ist das für die einen ein Traum, für die anderen ein Albtraum. Diese Regierungen in Mittel- und Osteuropa waren in der Regel nicht demokratisch legitimiert, sondern mit starker Unterstützung sowjetischer Ideologen und Panzer an die Macht gekommen. In Jugoslawien kam 1945 die Kommunistische Partei zwar mit Wahlen an die Macht, diese Wahlen konnte man aber beim besten Willen nicht als frei und fair bezeichnen. Auch hier lief der Aufbau des Sozialismus, zunächst nach sowjetischem Muster. Nachdem Tito sich mit Stalin zerstritten hatte, folgte das Experiment der sogenannten Selbstverwaltung, auch als „jugoslawischer Sozialismus“ bekannt. Die Partisanen in Jugoslawien waren der bewaffnete Arm einer sehr breiten antifaschistischen Bewegung, der Volksfront. Unter der Führung von Josip Broz Tito befreiten sie das Land aus eigener Kraft und ohne nennenswerte sowjetische Hilfe von den Besatzern und Quislingen, den Kollaborateuren mit den deutschen und italienischen Besatzern. Nach Kriegsende nahm Titos Armee umgehend brutal Rache an den Besiegten. Das waren vor allem die kroatischen Ustascha. Sie herrschten in weiten Teilen des heutigen Kroatiens und Bosnien-Herzegowina. Der “Unabhängige Staat Kroatien” (NDH) unter der Führung von Ante Pavelic war de facto eine Marionette von Nazideutschland. Dieser faschistische kroatische Staat bestand von 1941-1945.  In dieser Zeit wurden Menschen aufgrund ethnischer Herkunft oder politischer Ansichten systematisch verfolgt. Vor allem Serben, Juden, Roma und politische Gegner, wie kroatische Antifaschisten. Alleine im kroatischen Konzentrations- und Vernichtungslager Jasenovac ermordeten die Ustaschi mehr als 80.000 Menschen. Nach 1945 wurden nicht nur Täter des Ustascha-Regimes verurteilt, sondern auch viele Unschuldige, Soldaten und Zivilisten, Männer und Frauen. Zigtausende wurden ohne Gerichtsverhandlungen erschossen oder in Schnellverfahren verurteilt und hingerichtet. Man wollte nicht nur Kriegsverbrecher und Quislinge bestrafen, sondern auch den Klassenfeind „neutralisieren“. Denn gleichzeitig lief die „sozialistische proletarische Revolution“. Das hieß:  Enteignungen, Zwangskollektivierung, Entlassungen aus dem Staatsdienst und andere Schikanen gegen diejenigen, die sich den neuen Machthabern widersetzt hatten. Tito und die KP regierten in Jugoslawien – und damit auch in Kroatien – anfangs mit eiserner Hand, später relativ liberal. Regimekritiker wurden jedoch zu allen Zeiten verfolgt, Freiheiten waren eingeschränkt, und Jugoslawien war nie eine Demokratie und ein Rechtsstaat.

8. Mai 1990. Der Zerfall Jugoslawiens. Straßennamen werden geändert

Von 1945 bis 1990 wurde in Jugoslawien die Geschichte nur aus kommunistischer Perspektive dargestellt. Im kommunistischen Jargon klang das so: Auf der einen Seite waren Quislinge, Nationalisten, Kriegsverbrecher und Reaktionäre aller Art, kurz alle die nicht mit den Kommunisten tanzten. Auf der anderen Seite glänzten Freiheitskämpfer, fortschrittliche Kommunisten, das arbeitende Volk und die ehrliche Intelligenz. Denn nicht alle Intellektuellen wurden von den Kommunisten als dekadent betrachtet. Viele Kroaten (und manch andere Jugoslawen) erlebten das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht als Befreiung, sondern als kommunistische Besetzung und nach dem Terror der Ustascha als einen weiteren Totalitarismus. Auch aufgrund der klaffenden Lücke zwischen dem märchenhaften Schulunterricht und der ernüchternden Realität. Im Fach Geschichte lernten wir nur positives über die Partisanen und Marschall Tito. Im heldenhaften vierjährigen Kampf hätten sie das Land befreit und dann den Sozialismus aufgebaut. Die Partisanen schienen wahre Engel zu sein, denn in Jugoslawien waren alle Menschen und Ethnien gleichberechtigt. Als Kind glaubte ich das, zumal niemand aus meiner Familie im Krieg war und weder zu Opfern, noch zu Tätern zählte. Ich hatte also keine Gelegenheit, zuhause eine „alternative Geschichte“ zu hören. Erst viel später sollte ich erfahren, dass nicht alles schwarz-weiß war, und dass die Nachkriegsverbrechen der Partisanen, sowie die spätere totalitäre Herrschaft der Kommunisten riesige Flecken auf dieser weißen Weste hinterlassen hatten.

Ich mache hier einen großen Sprung in den Mai 1990. Es gibt die ersten freien Wahlen seit Kriegsende und der Befreiung von Zagreb am 8.Mai 1945.  Nationalisten und konservative Traditionalisten gewinnen und sie drehen den Spieß um. Jetzt werden die Kommunisten und mit ihnen alle Antifaschisten als Mörder, Diebe, Kriegsverbrecher und Antidemokraten dargestellt. Alles was an die kommunistische Zeit erinnert muss ab Anfang der 90er Jahre verschwinden. Ab Mitte 1991 ist Kroatien von Jugoslawien unabhängig und Straßen, Plätze, Schulen, Fabriken, Unternehmen, Krankenhäuser und Medien werden reihenweise umbenannt. Erneut bekommt praktisch alles was man umbenennen kann einen neuen Namen. Und hier kommt auch wieder der 8. Mai 1945  ins Spiel. Dieser Tag ist Tag der Befreiung der Stadt Zagreb vom Faschismus. (Jugoslawien feierte diesen Sieg gegen Faschismus zuerst einen Tag später, am 9. Mai, und dann am 15. Mai, dem Tag als der Krieg in Jugoslawien offiziell beendet war). Auch die „Straße des Achten Mai“ in Zagreb fiel dieser neuen Umbenennung zum Opfer. Denn kroatische Revisionisten wetterten, das sei kein Tag der Befreiung, sondern ein Tag des Umsturzes, ja gar der Besatzung gewesen. In den letzten dreißig Jahren der Unabhängigkeit tut sich die kroatische Gesellschaft schwer mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und mit der kommunistischen Nachkriegszeit. Die Menschen sind gespalten und zugespitzt formuliert sehe ich es so: Die einen sehen nur die kommunistischen, die anderen nur die faschistischen Verbrechen. Viele in Kroatien können oder wollen immer noch nicht zwischen Antifaschismus und totalitärem Kommunismus unterscheiden. Die kroatischen und jugoslawischen Kommunisten haben daran einen großen „Verdienst“. Denn sie haben alle positiven Errungenschaften des antifaschistischen Kampfes monopolisiert und den wichtigen Anteil der Nichtkommunisten daran konsequent unterschlagen. Denn mit dabei waren auch einfache Bauern und Fabrikarbeiter, politisch Andersdenkende, Intellektuelle oder religiöse Mitkämpfer. Die jugoslawischen Kommunisten schwiegen über ihre eigenen Verbrechen, wie die Massaker der Partisanen an Ustascha Soldaten und deren Angehörigen, die im Mai 1945 im österreichischen Bleiburg begannen. In der Folge hat ein Großteil der kroatischen Bevölkerung den Antifaschismus mit den abgründigen Seiten des Kommunismus gleichgesetzt.

8. Mai 1945. Wiederkehr antifaschistischer Werte?

In letzter Zeit sehe ich trotzdem einen Hoffnungsschimmer. Junge Antifaschisten aus Zagreb haben Initiative ergriffen und wollen einer Straße in ihrer Stadt den Namen „Straße des Achten Mai“ geben. Der Stadtrat will das in einer der kommenden Sitzungen auf die Tagesordnung setzen. Der Zagreber Oberbürgermeister Milan Bandic hebt zudem häufiger als früher die Bedeutung des antifaschistischen Kampfes hervor, an dem auch viele Zagreber Bürgerinnen und Bürger teilgenommen haben. Eine antifaschistische Haltung zeigt auch der kroatische Staatspräsident Zoran Milanovic. Bandic und Milanovic sind Sozialdemokraten. Die national-konservative Regierung von Andrej Plenkovic tut sich allerdings immer noch schwer damit und führt einen ständigen Eiertanz auf. Es stimmt: Die Regierungsspitzen gedachten am 22.April 2020  gesammelt der Befreiung des kroatisch-faschistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers Jasenovac. Und der Ustascha-Hetzspruch „Za dom spremni“ (deutsch: „Für die Heimat bereit“) ist verboten. Allerdings: Bei bestimmten Anlässen wird geduldet, dass Kriegsveteranen aus den 90ern offen mit diesem faschistischen Spruch auftreten. Die kroatische Gesellschaft sollte begreifen: Pluralismus, Demokratie, Medienfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschen- und Minderheitenrechte sind Errungenschaften und Werte des europäischen Antifaschismus. Dann könnten wir auch in Kroatien den 8. Mai 1945 als gemeinsamen Befreiungstag feiern, ohne Gespenster der Vergangenheit.

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