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Der Skiort Ischgl in Tirol gilt als einer der Hauptverbreitungsorte des Coronavirus in Europa. Foto: BR | Christian Limpert

´Im Nachhinein sind wir alle schlauer´
Ischgl sieht sich in der Coronakrise zu Unrecht an den Pranger gestellt

„Schämen tät‘ ich mich“, ruft die Frau aus einem Fenster des großen Berghotels. „Sie kommen aus Deutschland hierher und wollen uns in den Schmutz ziehen.“ Fenster zu! Keine Chance auf ein Gespräch. Nicht hier, vor dem Hotelfenster, und auch nicht in den leeren Gassen des Skiortes. Die wenigen Einheimischen, die überhaupt auf der Straße unterwegs sind, sind misstrauisch. „Uns hat vorhin jemand den Mittelfinger gezeigt,“ berichtet die Kamerafrau eines privaten TV-Senders. Medien sind nicht willkommen.

Bernhard Zangerl sieht das anders. Er will reden. Mehr noch: bereitwillig sperrt er das „Kitzloch“ auf, für Fotografen, Journalisten und Kamerateams. „Kitzloch“, das ist die Aprés-Ski-Bar, in der ein mit dem Coronavirus infizierter Barkeeper arbeitete. Der einstige Partytempel geriet als Virenschleuder in die Schlagzeilen.

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Beitrag: Christian Limpert

Bernhard Zangerl will das so nicht stehen lassen. Corona ist eine weltweite Pandemie, dafür könne man Ischgl nicht verantwortlich machen. „Der Virus hat hier eine Zwischenstation gemacht und optimale Bedingungen gefunden, sich weiterzuverbreiten.“, sagt Zangerl. Seinen erkrankten Barkeeper habe er sofort nach Hause geschickt, als dessen Erkrankung bekannt wurde. Er ließ das Restaurant putzen und desinfizieren, der Betrieb lief noch zwei Tage weiter. In Absprache mit den Behörden und auf Empfehlung des Landes, so Zangerl. Aus heutiger Sicht „ein blöder Fehler“. Heute würde er vieles anders machen, gibt er zu. „Im Nachhinein sind wir alle schlauer.“

Eine Entschuldigung, mit der sich der österreichische Verbraucherschutzverein nicht zufrieden geben will. Denn während Zangerl sein Kitzloch schließen musste, liefen Skilifte und andere Bars und Restaurants noch tagelang weiter. Obwohl es bestätigte Corona-Erkrankungen gab, hätten Behörden, Restaurants und Skiliftbetreiber zu lange nicht reagiert. Mehr als 5380 Beschwerden von Tirol-Touristen aus ganz Europa haben die österreichischen Verbraucherschützer inzwischen ausgewertet, 3680 allein aus Deutschland. Aus den Daten geht hervor: 75 Prozent von ihnen haben sich in Ischgl mit Corona infiziert, 25 von ihnen sind an dem Virus gestorben.

Der österreichische Verbraucherschutzverein prüft rechtliche Schritte.

Ischgls Bürgermeister Werner Kurz bemüht sich hingegen um Schadensbegrenzung. Es tue ihm leid um jeden, der sich in Ischgl mit Corona infiziert habe, sagt er. Doch wie auch Wirt Zangerl will er ein Fehlverhalten der Wirte, Hotel- oder Skiliftbesitzer oder gar der Gemeinde nicht zugeben. Mit Hilfe einer PR-Agentur für Krisenkommunikation hat die Gemeinde Ischgl eine eigene Corona-Chronik herausgegeben. Aus der teils minutiös geführten Dokumentation geht zum Beispiel hervor: die Gemeinde hat sich bereits am 5. März mit den isländischen Behörden in Verbindung gesetzt, nur wenige Stunden, nachdem Island eine Reisewarnung für Ischgl ausgegeben hatte. 8 Isländer waren, nach ihrer Rückkehr aus Ischgl, positiv auf Corona getestet worden. Aus Sicht der Tiroler Behörden jedoch hätten sich diese im Flugzeug angesteckt. Der Betrieb in Ischgl läuft weiter.

„Nichts ist schiefgelaufen,“ bekräftigt Bürgermeister Werner Kurz. „Der erste infizierte Fall war am 7. März,“ kommentiert Kurz die eigene Corona-Chronik. „Am 13. haben wir den Shutdown gehabt, innerhalb von 6 Tagen haben wir sehr schnell reagiert, von allen Seiten der Behörde und wir haben das in der Gemeinde nach bestem Wissen und Gewissen umgesetzt.“ Fehler räumt er lediglich bei der Ausreise der Touristen ein, die Ischgl nach dem Shutdown über Nacht innerhalb eines Tages verlassen mussten. „Die Ausreise war chaotisch, aber das war eine schnelle Entscheidung. Wir reden ja von 8000 bis 10.000 Touristen, die ausgereist sind.

Dass das nicht reibungslos funktioniert, ist verständlich.“ Man sei nun dabei, alle Ereignisse aufzuarbeiten. Gemeinsam mit den Behörden. Einer möglichen Klage durch den österreichischen Verbraucherschutzverein sehen sowohl Bürgermeister Kurz als auch Kitzloch-Chef Zangerl gelassen entgegen. Man habe nach aktuellem Kenntnisstand alles richtig gemacht. Der Blick in die Zukunft dagegen bereitet ihnen mehr Sorgen: Mit 1,2 Millionen Wintertouristen lebt das ganze Tal vor allem von der Skisaison. Dass sich bereits im nächsten Winter wieder tausende  Menschen täglich an Seilbahnen und Skibars drängen, ist derzeit kaum vorstellbar.

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