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Hushid Yildirim hat am Walserberg gewaschen und trocknet seine Hose am Scheibenwischer seines LKWs. Foto: BR | Andrea Beer

LKW-Pause am Grenzübergang Walserberg
Zwischen Izmir und Triest

Wer über den deutsch-österreichischen Grenzübergang Walserberg fahren möchte, braucht zurzeit eine Ausnahmegenehmigung, etwa als Berufspendler, und Grenzbeamte kontrollieren die entsprechenden Papiere. Vor allem an Wochenenden wirkt der sonst so belebte Übergang geradezu verwaist. Die breite Autobahn ist praktisch leer und in der großen Tankstelle langweilt sich ein junger Angestellter hinter der durchsichtigen Plastikwand an der Kasse, die ihn vor dem Coronavirus besser schützen soll. Der Umsatz sei eingebrochen, erzählt er freundlich und hofft auf andere Zeiten. Durch das Coronavirus seien die Menschen allerdings weniger hektisch als sonst und man komme besser ins Gespräch miteinander. Der Güterverkehr darf Grenzen weiter passieren und an diesem Samstag stehen am Grenzübergang Walserberg auch viele LKW. Die Fahrer sind trotz Coronakrise unterwegs und pausieren auf dem Parkplatz auf der österreichischen Seite.

„Kommen Sie doch näher“

Vor dem Alpenpanorama sitzen ein paar Männer und eine Frau zwischen zwei großen LKW um einen kleinen Plastiktisch herum. Auf der karierten Decke liegen Weißbrot, Aufstrich, schachtelweise Zigaretten und Papp- und Porzellanbecher mit Kaffee. Bis auf die Bulgarin, seien sie alle aus Izmir, erzählen die LKW-Fahrer, die gerade gemeinsam ihre 45-Stunden Pause machen. Sie laden mich auf einen Kaffee ein und machen einen kleinen gestreiften Campingstuhl frei. Drei Monate seien sie unterwegs, zwei Monate zuhause in der Türkei bei ihren Familien, davon zurzeit zwei Wochen in häuslicher Quarantäne, erzählt Mustafa Ceylan. Für ein Hotel gäbe die Firma kein Geld und so würden sie im LKW leben. Das sei anstrengend und schwer zu erklären, meint er. Ich könne aber gerne eine Woche mitfahren, um das Leben eines LKW-Fahrers besser zu verstehen. An diesem Tag pausiert die kleine Gruppe vor ihrer Weiterfahrt ins italienische Triest, dessen Hafen sie trotz der Coronagefahr ansteuern.

„Das ist sehr gefährlich, aber wir können nichts machen. Wir fahren direkt zum Hafen, tauschen den Trailer und dann kommen wir wieder zurück. Keine Pause.“

Mustafa Ceylan, LKW-Fahrer

Er selbst fährt dieses Mal von Italien aus in die Türkei zurück. Das sei komplizierter als sonst, denn man könne ja nicht fliegen. Wohin es für die anderen Fahrer dann weitergeht, erfahren diese erst, wenn sie abgeladen haben, erzählen sie. Das nächste Ziel könnte Deutschland, Belgien oder die Niederlande sein. Das LKW-Leben ist durch Corona nicht einfacher geworden, doch die Stimmung bei den Fahrern ist trotzdem gut und sie genehmigen sich in ihrer langen Pause vor dem Abendessen einen Schnaps.

„Wir verstehen alles, aber sie denken wir verstehen nichts.“

Ein LKW Profi müsse weit mehr tun als fahren, betont Mustafa Ceylan. Ladungen abwickeln, Papiere parat haben und den jeweiligen Zoll erledigen. Stimmen die Unterlagen nicht, dann koste das wertvolle Zeit. In den 29 Jahren als LKW-Fahrer hat er gut Deutsch gelernt und er übersetzt nun auch was seine Kollegen erzählen. Sie seien mit einem Schengenvisum unterwegs, sagt Mehmed, der in bequemer Baumwollkleidung mit am Plastiktisch sitzt. Die Visa müssten immer wieder verlängert werden und einige Kollegen würden sich sorgen, da die Konsulate aufgrund der Coronakrise geschlossen hätten. Mehmed findet, die Türkei solle endlich EU-Mitglied werden. Er verstehe nicht, was Europa gegen die Menschen in der Türkei habe. Neulich sei er als Ausländer beschimpft worden, sagt der 42-jährige Fahrer. Die Menschen würden denken er verstehe das nicht.

Den Knochenjob als LKW-Fahrer macht Mehmed seit zehn Jahren. Sie bekämen 1.400 bis 1.800 Euro pro Monat dafür und damit weit mehr als für Fahrten innerhalb der Türkei. Doch für ein Leben das so schlaucht ist das nicht gerade viel. Für ein Foto zieht Mehmed ein schwarzes T-Shirt über und lächelt vor dem LKW von Mustafa Celyan, bevor er sich mit den anderen ans Kochen auf einem großen Campingkocher macht. Denn Corona hin oder her, in ihrer Pause kochen und essen sie gemeinsam. Wir halten dabei Abstand und geben uns nicht mehr die Hand, sagen die Männer, doch so richtig eingehalten wird das nicht.

„Ist das ein gutes Leben?“

Die großen Lastwagen sind fahrende kleine Wohnungen, mit Bett, kleiner Küche, Wassertank und Kühlschrank. Die anderen Fahrer schauen zu wie Mustafa Celyan seinen LKW zeigt und müssen ein bisschen lachen. Sie sind auch aus der Türkei, tauen schnell auf und erzählen, auf dem Rastplatz Walserberg gäbe es viel zu wenig Duschen und Toiletten. Das stört auch Erschan, ein schmaler Fahrer um die 60, der seit mehr als 30 Jahren hinter dem Steuer sitzt. Schon sein Vater sei LKW-Fahrer gewesen.

„Jetzt kennen wir uns“

Auch Hushid Yildirim macht gerade am Walserberg Pause und seine frisch gewaschene Hose trocknet am ausgeklappten Scheibenwischer seines LKW. Seit Corona gäbe es keinen Stau mehr, scherzt der 51-Jährige, das Virus habe also wirklich viel geändert. Er lebt in Aksaray bei Ankara und war zuvor rund 30 Jahre in Oberösterreich zuhause, wo er immer noch Familie hat. Die deutsche Sprache will er nicht vergessen und er nutzt jede Gelegenheit, um zu üben. Auch er bietet einen Kaffee an. Die Kaffee-Einladungen auf dem Parkplatz am Walserberg, sie könnten nahtlos in ein Abendessen übergehen. Doch es wird spät am Grenzübergang Walserberg und Corona hin oder her, am nächsten Tag müssen die Fahrer schließlich weiter. Nach Italien. Bevor sie sich zum Abendessen hinsetzen verabschieden sie sich und Mustafa Ceylan bringt es so auf den Punkt:

„Hast du mich gekannt? Nein. Habe ich dich gekannt? Nein. Aber jetzt kennen wir uns.“

Mustafa Ceylan, LKW-Fahrer

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Der Parkplatz auf der österreichischen Seite am Walserberg. Foto: BR | Andrea Beer
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