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Ein Mann ohne Obdach liegt in der Mariahilfer Straße in Wien. In der ansonsten belebten Einkaufsstraße im Zentrum von Wien sind die meisten Geschäfte geschlossen. Foto: BR | Andrea Beer

Obdachlosigkeit in Zeiten von Corona
Zuhause bleiben ohne ein Zuhause?

Die weltweite Coronakrise betrifft alle Menschen, doch nicht alle betrifft sie gleich. Wer ausreichend Geld und einen festen Arbeitsplatz hat ist weit besser dran, als diejenigen, die in unsicheren Arbeitsverhältnissen leben oder gar auf der Straße. Auch für sie gelten die Ausgangsbeschränkungen der türkis-grünen Bundesregierung. Nur wer einkaufen oder arbeiten geht oder anderen hilft darf seine Wohnung verlassen. Doch für Menschen ohne Obdach ist es schwierig, dies umzusetzen. Allein in Wien sind nach Schätzungen der Caritas rund 350.000 Menschen von Armut betroffen und mehrere hundert sind obdachlos. Hilfe für diese Menschen musste teilweise eingestellt werden oder läuft auf Sparflamme. Das ist für pflegebedürftige alte Menschen, aber auch für Menschen mit Behinderung oder obdachlose Menschen existenziell. „Wir ringen um die Angebote“, so Klaus Schwertner Geschäftsführer der Caritas der Erzdiözese Wien im Gespräch mit dem ARD Studio Wien. Die Caritas setze die Regierungsmaßnahmen eins zu eins um, wie Schwertner betont. Es gibt seit rund drei Wochen einen Krisenstab, der die Lage aktuell bewertet.

Ich habe kein Zuhause, wie kann ich zuhause bleiben?

Iraner ohne Obdach in Wien

Damit sich das Coronavirus langsamer ausbreitet, sollen die Menschen auch in Österreich soziale Kontakte vermeiden. Doch wenn der Kern der Angebote gerade auf menschlicher Begegnung beruht, ist das ein Problem. Denn Helfende und Empfänger müssen so gut wie möglich geschützt werden. Der Suppenbus und der Kältebus der Caritas sind in Wien weiter im Einsatz, doch andere Angebote müssen erst an die geltenden Maßnahmen angepasst werden. So haben die Lebensmittelausgabestellen Le+O (Lebensmittel und Orientierung) zunächst zugemacht, einige sind seit Wochenbeginn aber wieder offen und es läuft ein Notbetrieb. Auch die „Gruft“ ist weiter zugänglich. In dieser Anlaufstelle in Wien können Menschen ohne Obdach duschen, sich aufwärmen oder übernachten. Normalerweise gibt es 75 Plätze, doch zurzeit sind es nur 50. Tische und Betten wurden auseinandergerückt, damit der lebensrettende Abstand von bis zu 2 Metern eingehalten werden kann. Auch bei anderen Projekten muss die Caritas nun umorganisieren.

Tamara

Was machen die Menschen, die keine Handschuhe und Desinfektionsmittel haben?

Tamara, lebte in Wien lange auf der Straße
Tamara hat einen Platz im betreuten Wohnen. Davor habe sie auf der Straße gelebt, erzählt die 29-jährige Wienerin. Es sei schwierig ein neues Leben anzufangen, sie selbst hänge seit Jahren in der Situation fest. Die Coronakrise beschäftigt sie auch. Foto: BR | Andrea Beer
Tamara hat einen Platz im betreuten Wohnen. Davor habe sie auf der Straße gelebt, erzählt die 29-jährige Wienerin. Es sei schwierig ein neues Leben anzufangen, sie selbst hänge seit Jahren in der Situation fest. Die Coronakrise beschäftigt sie auch. Foto: BR | Andrea Beer

Vor der „Gruft“ treffen wir an diesem Nachmittag auch die Wienerin Tamara. Sie hat ihre rotgefärbten Haare zusammengebunden und steht mit anderen zusammen. Auch hier ist Corona ein Thema. Sie seien an diesem Tag von der Polizei angesprochen worden, denn in Gruppen darf man in Österreich nur noch mit Mitbewohnern unterwegs sein. Sie lebe in betreutem Wohnen, erzählt sie und habe davor auf Straße gelebt. Im Oktober werde sie 30, sie sei Invalidin und habe eine Friseurausbildung abgebrochen. Die Ablehnung von Menschen spüre sie beim Ansprechen nach Geld. Wenn aggressiv gebettelt würde verstehe sie diese Ablehnung, aber sie würde höflich fragen. „Man wird zu jemandem gemacht, was man eigentlich gar nicht will. Es ist leider sehr schwierig, von so einer Situation wegzukommen.“

Andreas

In der Zeitung und in den Nachrichten kommt was man tun und was man lassen soll. Aber wenn ein Mensch nirgendwohin kann? Ich muss ja auf der Straße bleiben, ich muss ja spazieren gehen, ich muss ja wohin.

Andreas, lebt in Wien auf der Straße

Vor der „Gruft“ steht auch Andreas, ein großer Mann mit grauen Haaren und Vollbart. Er fragt sich, wie er die Corona-Maßnahmen einhalten soll, denn er lebe seit zwei Jahren auf der Straße. Das Überleben sei das schwierigste. Auf die Frage, warum er kein Zuhause mehr hat, antwortet Andreas ausweichend,  das sei eine lange und schwierige Frage. Es fällt ihm offensichtlich schwer, darüber zu sprechen. Er bräuchte dafür wohl mehr Zeit, Vertrauen und das Dach über dem Kopf, das ihm so schmerzlich fehlt.

Sascha

Ich halte Abstand von den Leuten und versuche, so wenig wie möglich Kontakt zu haben.

Sascha, ist ohne Obdach und wartet zur Zeit auf eine Wohnung

Sascha treffen wir in einer ziemlich leeren U-Bahn. Denn öffentliche Verkehrsmittel wie die U-Bahn, die Straßenbahn oder der Bus sind für die Bürgerinnen und Bürger in der Coronakrise tabu, es sei denn sie haben einen erlaubten triftigen Grund (siehe oben). Sie dürfen damit auch nicht ins Grüne fahren. In der U6 in Wien treffen wir Sascha, der Menschen um Geld bittet. Der 46-Jährige läuft schnell und routiniert durch den Waggon und steigt dann aus. Er gibt bereitwillig Auskunft darüber, wie er mit der Coronagefahr umgeht. Er schütze sich mit Handschuhen, sagt er und zeigt auf seine praktisch bloßen Hände. Er sei momentan obdachlos, warte aber auf eine Wohnung, die er bekommen werde. Alles Gute, sagt er zum Abschied und geht auf dem Bahnsteig davon.

Dringender Appell: Hilfsorganisationen suchen jüngere Ehrenamtliche

Allein in Wien und Niederösterreich seien rund 1000 Ehrenamtliche älter als 65 Jahre, sagt Klaus Schwernter von der Caritas. Damit gehören sie zur sogenannten Risikogruppe, denn in diesem Alter ist die Ansteckung mit dem Coronavirus besonders gefährlich. Bei der mobilen Pflege oder bei Lebensmittelausgaben ist der Kontakt eng und auch für die Profipfleger eine Herausforderung. Ihnen fehlen darüber hinaus auch die ehrenamtlichen Helfer und die Caritas sucht händeringend jüngere Ehrenamtliche. Vor diesem Problem stehen auch andere Hilfsorganisationen in Österreich, etwa die „VinziWerke“, die sich um armutsbetroffene Menschen kümmern. Auch sie suchen jüngere Menschen, die unter anderem Notschlafstellen betreuen. Es geht um Tag,- Nacht,- und Wochenenddienste in allen Einrichtungen. Auch Menschen, die kochen werden gesucht. Darüber hinaus werden die Gelder knapp. So müssen Lebensmittel gekauft werden, die bisher gespendet wurden, etwa von freiwilligen Kochgruppen oder Unternehmen. Ein Corona-Nothilfe Fonds sammelt Spenden, um die Hilfe aufrecht zu erhalten. Für Menschen ohne Obdach, aber auch für Familien in Not, und langzeitarbeitslose Menschen.  Die Hilfsorganisationen betonen, dass sie sich an die Corona-Maßnahmen der türkis-grünen Bundesregierung halten. Besuche in Notschlafstellen und Dauerunterkünften sind von außen nur noch nach Voranmeldung möglich. Das Rote Kreuz weist daraufhin, dass es unterschiedliche Betreuungsmodelle gibt. In Unterkünften mit Einzelzimmern sei es einfacher, als in Tageszentren. Dort hätten es die Mitarbeiter oft mit hustenden Klienten zu tun und würden im Bedarfsfall die Gesundheitsbehörden informieren. Wer es vor der Coronakrise schwer hatte denn trifft sie nun am härtesten, sagt Klaus Schwernter.

„Wir alle können Überträger sein und es hat nichts damit zu tun, aus welcher sozialen Schicht jemand kommt. Ich warne dringend davor, Menschen zu stigmatisieren, gerade wenn diese in der aktuellen Situation unsere große Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft brauchen“.

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