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Eine Woche nach der Verstaatlichung der privaten Nationallotterie stehen die Scheine ihrer unzähligen Spiele immer noch am Kiosk, doch niemand mehr kauft sie. Foto: BR | Ekaterina Popova

Bulgarien beendet Sofort-Lotterie
Anklage gegen flüchtigen Glücksspiel-Oligarchen

Für Wassil Bozhkow, den bisherigen Besitzer der Sofort-Lotterie, war die von ihm gegründete Sofort-Lotterie eine wahre Goldgrube. Der 63-jährige Oligarch – genannt der „Schädel“ – hatte bis vor wenigen Wochen als reichster Mann Bulgariens nichts von Politik und Justiz zu befürchten. Das änderte sich, als er Ende Januar in elf Punkten angeklagt wurde – unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Leitung einer organisierten kriminellen Gruppierung, Erpressung und Bestechungsversuch von Beamten. Bozhkow floh umgehend in die Vereinigten Arabischen Emirate, die kein Auslieferungsabkommen mit Bulgarien haben. Seine Sofort-Lotterie wurde mit Wirkung zum 18. Februar verstaatlicht.

Sofort-Lotterie heißt das Glücksspiel, das bislang dem reichsten Mann des Landes Wassil Bozhkow gehörte. Es ist in Bulgarien, einem Glücksspiel-Eldorado, äußerst beliebt: Rund 60 Prozent der Bevölkerung machten mit. Es spielten vor allem die Älteren, Ärmeren, Arbeitslose. Experten schätzen, dass besonders auf dem Land viele ärmere Menschen die Hälfte bis zwei Drittel ihrer Einkommen für Lotteriescheine ausgegeben haben.

Seit 2014 wurden die Sofort-Lotteriescheinen nahezu überall verkauft: Auf den Postämtern, wo die Pensionäre ihre Renten, die Arbeitslosen ihr Arbeitslosengeld und die Armen ihre Sozialhilfe abholen, in den kleinen Lebensmittelläden und den großen Handelsketten, den Cafés, sogar an den Zeitungskiosken in den Krankenhäusern.

„Stellen Sie sich vor: 60 Prozent spielen, gleichzeitig sind 80 Prozent für die Begrenzung und sogar für das Verbot des Glücksspiels“, sagt Tichomir Beslow, Sicherheits- und Kriminalitätsexperte am Zentrum für Demokratieforschungen in Sofia. „Die Leute kennen das Problem, aber sie sind abhängig. Es ist sehr schwierig zu widerstehen, wenn der Zugang so leicht ist: Der Schein kostet einige Lewa und kann überall gekauft werden.“ Der Jahresumsatz betrug zuletzt rund 770 Millionen Euro. Die Gewinne: Zunächst steuerfrei, dann sehr niedrig besteuert. Ein „Versehen“?

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Schon 2018 wollte Waleri Simeonow, Abgeordneter von der nationalistischen Koalition „Vereinigte Patrioten“, gegen die Sofort-Lotterie angehen. Sein Gesetzentwurf, mit dem die Verkaufsorte der Lotteriescheine und die massive Werbung für die Sofort-Lotterie stark begrenzt werden sollten, lief zunächst ins Leere. Nach einem Treffen zwischen Bozhkow und Ministerpräsident Bojko Borissow wurde damals der Gesetzentwurf plötzlich „vergessen“.

Jetzt ist das Gesetz geändert worden. „Wir wollen so schnell wie möglich dieser Lepra ein Ende setzen“, sagt Waleri Simeonow. Der Umfang der Lotterie sei riesig. In die Lotteriespiele seien sogar Kinder einbezogen, denn die Scheine würden in jedem Lebensmittelladen verkauft. „Es geht hier um das Wertesystem der ganzen Nation, der ganzen Bevölkerung.“

Mit aggressiver Werbung lockte die Sofort-Lotterie immer neue Kunden: Jeden Tag zeigte der zweitgrößte Fernsehsenders Nowa TV zur besten Sendezeit einfache Menschen, die über Nacht das große Geld gewonnen hatten. Nur: Keiner der „Millionäre“ erhielt je seine Millionen. Das Geld sollte im Laufe von bis zu 20 Jahren gezahlt werden.

Betroffen von dem neuen Glücksspielgesetz sind Tausende von Händlern, die bisher Lotteriescheine verkauft haben. Sie besitzen Lotteriescheine für insgesamt ca. 13,8 Millionen Euro, die vernichtet werden sollen.

Das neue Gesetz lässt jedoch alle Casinos und Spielhallen außen vor. Enteignet wird nur der flüchtige Oligarch Bozhkow, dem die größte und kostbarste private Antiquitäten-Sammlung auf dem Balkan gehört. Auch diese wurde nun beschlagnahmt.

„Wir hatten einen Oligarchen, der jahrzehntelang vor jeglichen Kontrollen aller Behörden beschützt wurde“, sagt der bulgarische Finanzexperte Bojko Dimitrow. Es sei nicht klar, warum die Attacke gegen Bozhkow jetzt eingesetzt habe. Der Schutzschirm sei auf einmal weg. Allerdings würden immer noch Glücksspiel-Bosse unter dem „Schirm“ stehen, die die Gesetze vielleicht nicht so drastisch brechen, aber auch riesige Umsätze verzeichnen würden. Dimitrows Fazit: „Offensichtlich besteht kein Interesse an einer strikten Kontrolle aller Glücksspielarten.“

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