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Die Außenwand des Stadions ist hohl, porös und voller Löcher. Foto: BR | Andrea Beer

Nach umfassender Renovierung ein Sanierungsfall
Das marode Stadion in Kostenez

Die Kleinstadt Kostenez liegt rund 70 Kilometer südöstlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Es gibt zwei Sportclubs und einer der Leichtathletiktrainer ist Georgi Dimitrow. Er trainierte unter anderem Jordanka Donkowa, bulgarische Weltrekordlerin und Olympiasiegerin im 100 Meter Hürdenlauf, und seine verstorbene Frau Walentina Dimitrowa war die bisher beste Mehrkampfsportlerin des Landes. Auch der Nachwuchs hole immer wieder Medaillen, erzählt Dobromira Pentschewa sichtlich stolz. Sie ist Sportlehrerin und trainiert im Verein Leichtathletik. Die Bedingungen, unter denen die jungen Sportler trainieren, beunruhigen sie sehr, denn das Stadion von Kostenez ist marode und dadurch besteht Verletzungsgefahr.

Viereckige Leichtathletikbahn und kaputtes Tribünendach

Anstelle des üblichen Tartanbelags liegt auf der Laufbahn ein bröckelnder schmutziger roter Gummi voller Löcher, aus dem sich ohne weiteres große Stücke herausbrechen lassen. Die Jugendlichen müssen beim Laufen also höllisch aufpassen, denn obwohl sie auch mit Spikes trainieren, rutschen sie immer wieder aus und stürzen, erzählt Gabriela, die Weitsprung und Hundertmeterlauf betreibt. Der Clou ist aber: Die Laufbahn ist nicht oval, sondern viereckig (!) und wenn die Athleten ihre Runden drehen, müssen sie über den Rasen abkürzen. Außerdem stehen weiße Pfeiler oder auch mal ein Sicherungskasten im Weg.

Der Fußballrasen in Kostenez ist zwar in Ordnung, doch für Zuschauer im Stadion ist die Tribüne eine Gefahr. Die Holzverstrebungen sind lose, und das Dach ist einsturzgefährdet. Nur rechts und links der Tribüne gibt es jeweils einen Zugang, behindertengerechte Zugänge fehlen ganz. Auch der Fitnessraum des Stadions ist ein Desaster. Der Boden ist gekachelt und für diese Nutzung völlig ungeeignet. Viele der Kacheln haben bereits Löcher oder Risse. Wer mit dem Aufzug fahren möchte, hat auch Pech gehabt, als wir da sind, funktioniert er nicht.

Nach umfassender Renovierung ein Sanierungsfall

Das Stadion in Kostenez ist ein Sanierungsfall. Dabei wurde es von 2014 – 2016 von Grund auf renoviert. Dafür flossen umgerechnet mehr als 2,5 Millionen Euro der EU nach Kostenez. Doch nach der zweijährigen Renovierung zerfiel das Stadion innerhalb eines Jahres an allen Ecken und Enden. Die zuständige Baufirma sei nicht auffindbar, erzählt Dobromira Pentschewa verärgert. Sie vermutet, dass Korruption dahintersteckt: „Ich glaube, dass das meiste Geld ist gestohlen worden ist und dann mit dem Rest möglich war. Das Gras für den Fußball ist da, aber für uns Leichtathletikclubs wurde nichts gemacht.“

Sie vom Sportclub hätten Vorschläge gehabt, doch seien sie als Experten nicht einbezogen worden. Auch die hohlen Außenwände des Stadions verdienen diesen Namen nicht. Sie lassen sich problemlos abreißen.

Die Gemeinde Kostenez hat eine Abteilung für EU-Projekte. Auf Anfrage des ARD Studios Südosteuropa teilte deren Leiterin Aneta Kirowa mit, die Gemeinde hätte im Herbst 2019 Klage gegen das Bauunternehmen eingereicht.

Viele Stadien für wenig Menschen?

Wegen der widrigen Umstände in Kostenez trainieren die Leichtathleten in Dolna Banja, rund 10 Kilometer entfernt. Das Stadion dort ist groß und sauber, es gibt eine ovale feste Tartanbahn, ein Fußballfeld und viele kleinere Trainingsgeräte, an denen sich motivierte Hobbysportler austoben können. Für die Sportler von Kostenez ist Dolna Banja ein Glücksfall, doch eigentlich ist das Stadion viel zu groß für den kleinen Ort. In den Großstädten sei seit den 60er Jahren kein Stadion mehr für den Profifußball gebaut worden, kritisiert Georgi Filipow, Sportjournalist bei der Zeitschrift „Kapital“ in Sofia. Auf dem Land seien jedoch viele Stadien entstanden. Aufgrund von Abwanderung würden dort immer weniger und meist ältere Menschen wohnen.

Auch in weiteren Kleinstädten der Gegend südöstlich von Sofia stehen relativ neue und große Stadien, zum Beispiel in Kalugerowo – dort leben rund 1200 Menschen – und in Lesitschowo, wo etwa 850 Leute wohnen, viele schon im Rentenalter. Die beiden Stadien liegen damit nur rund 7 Kilometer voneinander entfernt. Das Geld hätte sinnvoller angelegt werden können, in Lesitschowo zum Beispiel für eine Kläranlage.

EU-Förderung auf dem Land. Auch Gästehäuser wurden mitfinanziert

Bulgarien hat ein großes Problem mit Korruption und immer wieder erschüttern Skandale das Land. Für mehr Entwicklung auf dem Land habe die EU auch Gästehäuser gefördert, als Impuls für Tourismus und Entwicklung in ärmeren Regionen, ergänzt Georgi Filipow. Auch daraus wurde ein handfester Korruptionsskandal, in dem Missbrauch von Fördergeldern aus Brüssel nachgewiesen wurde. Denn in vielen der knapp 750 Ferienhäuser, die zwischen 2007 und 2013 gebaut wurden, wohnen nicht Touristen, sondern Politiker oder ihre Verwandten, die die Häuser als Privatvillen nutzen. Der bulgarische Vizewirtschaftsminister Aleksandar Manolew musste zurücktreten. Es ist nur einer von vielen Korruptionsfällen, in die die politische Elite Bulgariens bis hinauf in die Regierung verwickelt war, und wie so oft üblich, kam auch dieser kurz vor einer Wahl ans Licht, in diesem Fall die Europawahl. Bulgarische Korruptionsexperten des „Antikorruptionsfonds“ verweisen in diesem Zusammenhang auf die enge Verbindung zwischen Politik und Justiz in Bulgarien, die unabhängige Aufklärung verhindern würde. Korruption werde nur vordergründig bekämpft. Ob und wer im  Fall des kaputtsanierten Stadions von Kostenez zur Verantwortung gezogen wird, bleibt also spannend.

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Hinweis: Die Fotos wurden Ende Oktober 2019 aufgenommen. An den Problemen hat sich nichts geändert.

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