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Der Stausee Studena ist praktisch leer und schmutzig. Die Gründe dafür sind umstritten. Foto: Martin Metodiev

Wasserkrise in der bulgarischen Stadt Pernik
Gefahr aus der Leitung

Es ist eine Gefahr für die Gesundheit und im Alltag eine Zumutung für die rund 120.000 Einwohner von Pernik. Die Stadt liegt rund 30 Kilometer westlich von Sofia und hat offiziell den Notstand ausgerufen, denn es gibt große Probleme mit der Wasserversorgung. Seit Mitte November letzten Jahres haben die Menschen nur noch zeitweise Wasser, zurzeit am Abend für sieben Stunden. Doch die Qualität des Wassers ist mangelhaft und mehrere Menschen mussten bereits wegen Haut,- oder Magenproblemen ärztlich behandelt werden.

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Videomaterial: Ekaterina Popova und Martin Metodiev

Schnitt: Thomas Wachholz

Auch Antonia Dewetakowa aus dem besonders betroffenen Viertel Zarkwa hatte Probleme nach dem Duschen: „Das Wasser hat schlecht gerochen und mein Gesicht hat gebrannt. Zu Hause haben wir beschlossen, dieses Wasser nicht zu verwenden“, erzählt sie der ARD. Auch kochen, waschen, duschen oder Zähne putzen sind mit diesem Leitungswasser ein Problem, und die Wasserkrise schadet auch den Geschäften, denn Friseure, Bäcker, Metzger oder Supermärkte kommen nicht ohne sauberes Wasser aus. Auch Kindergärten, Schulen, Arztpraxen, Altenheime oder Geschäfte und sogar das Krankenhaus sind betroffen. Die Prognose ist düster: In drei oder vier Wochen könnte das Wasser ganz ausbleiben.

Kommunale Wasserversorgung und Abwassersystem völlig vernachlässigt

Das kommunale Wassernetz von Pernik ist völlig marode. Fast täglich platzen Rohre und Bauarbeiten am Leitungs-  und Abwassersystem gehören zum Stadtbild. Vizebürgermeister Stefan Krastew kritisiert, dass es nicht in Wartung und Reparatur investiert worden sei. In ganz Bulgarien seien Wasserversorgung und Kanalisation vernachlässigt worden. Auch andere Städte haben Probleme mit der Wasserversorgung, zum Beispiel Botewgrad, Varna oder Schumen.  In Pernik sei die Situation besonders schlimm, betont Stefan Krastew: „Das Wasserversorgungsnetz unserer Stadt ist eine Art Gießkanne, durch die Wasser in den Boden fließt. Rund 80% des Wassers geht dadurch verloren.“ Und nicht nur das. Weil sich Trink- und Abwasser vermischt haben, sei Wasser verschmutzt worden, so Krastew. „Ein ganzes Viertel war einige Tage von der Wasserversorgung abgeschnitten, und ein Kindergarten wurde geschlossen. Diese kleinen Krisen sind soweit überwunden, aber wegen der bestehenden Wassersperre gibt es keine Garantie dafür, dass so etwas nicht noch einmal passiert.“

Bürgerinitiative kritisiert Inkompetenz der Behörden

Das kaputte Wassersystem ist nur ein Grund für die Wasserkrise, da sind sich die Bürgerinnen und Bürger einig, die sich im Gewerkschaftsgebäude von Pernik versammelt haben, um über die Lage zu beraten. Das Wasser für Pernik kommt aus dem südlich gelegenen Stausee Studena, und dieser ist praktisch leer.  Das restliche Wasser ist eine schmutzig braune Riesenpfütze und was von dort in Pernik noch ankommt, ist eine Gefahr für die Gesundheit, sagt Kamelia Radewa von der Bürgerinitiative „Rettet Pernik“. Die Fische im Stausee Studena würden sterben und faulen. Die Vorsitzende Kamelia Radewa wird deutlich: „Ich denke, Inkompetenz und mangelnde Koordination zwischen allen sind für die Wasserversorgung der Bevölkerung verantwortlich.“

Die bulgarische Ministerin für Regionalentwicklung schiebt den Wassermangel des Stausees auf einen trockenen Sommer und den Klimawandel. Allerdings ist ein zweiter Stausee der Gegend übervoll, der Ptschelina Stausee. Dessen Wasser ist für die umliegende Industrie gedacht, doch diese bedient sich seit rund 15 Jahren teilweise im Trinkwasserstausee Studena. Der Grund: Die Wasserleitungsrohre wurden verschrottet. Ein Stahlbetrieb der Gegend hat wegen des Wassermangels mit Kurzarbeit für rund 1500 Beschäftigte gedroht. Auch die Kultur ist betroffen. Denn das landesweit größte Volksfest – das Kukerifestival – fällt in diesem Jahr aus, und auch hier gibt es empfindliche wirtschaftliche Einbußen, denn rund 20 000 Zuschauer und 8000 Teilnehmer wurden erwartet.

Korruption bei Reparatur des Staudamms von Studena?

Kamelia Radewa von der Bürgerinitiative „Rettet Pernik“ vermutet, dass der Stausee Studena aufgrund von Korruption leer sein könnte. Der Damm des Stausees Studena war 2012 durch ein schweres Erdbeben beschädigt worden. Für eine Reparatur unter Wasser gab die Weltbank einen rund 16 Millionen Euro Kredit. Doch um diese Reparatur trocken und damit billiger ausführen zu können, sei das Stausee-Wasser fast ganz abgelassen worden, so der Vorwurf. Abgerechnet habe man aber die teure Reparatur. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. Kamelia Radewa fordert grundsätzlich mehr Transparenz und Informationen für Bulgariens Bürger. Die frühere Bürgermeisterin von Pernik habe die gefährlichen Wasserprobleme schon seit Mitte April 2019 gekannt, wegen der Europa,- und Kommunalwahlen monatelang aber verschwiegen.

Bürgeraktivistin Kamelia Radewa ist verzweifelt und wütend zugleich: „Wir wollen, dass Europa uns hört, denn wir vertrauen den Institutionen in Bulgarien nicht.“ Foto: BR | Ekaterina Popova
Bürgeraktivistin Kamelia Radewa ist verzweifelt und wütend zugleich: „Wir wollen, dass Europa uns hört, denn wir vertrauen den Institutionen in Bulgarien nicht.“ Foto: BR | Ekaterina Popova

Wasserkrise von Pernik beschäftigt die bulgarische Regierung

Die nervenaufreibende Wasserkrise beschäftigt inzwischen die Koalitionsregierung von Ministerpräsident Bojko Borrissow (GERB). Der zuständige Umwelt- und Wasserminister Neno Dimow musste zurücktreten und sitzt in Untersuchungshaft, gegen ihn wurde Anklage erhoben wegen „Missmanagements“. Dimow wird von Umweltschützern schon länger kritisiert. Er steht dem ultranationalistischen Koalitionspartner der GERB nahe und bezweifelt den Klimawandel.

Die Sozialdemokraten sind die größte Oppositionspartei im bulgarischen Parlament und wollen am 20. Januar ein Misstrauensvotum gegen die Regierung einbringen. Diese hat umgerechnet rund 15 Millionen Euro für die Reparatur des gesamten Wassersystems in Pernik angekündigt und bis Mitte 2021 soll das gesamte System ausgewechselt werden.  Doch der Protest der Bürger von Pernik geht weiter und die Juristin und Aktivistin Kamelia Radewa formuliert es so: „Die Leute, die uns in diese Lage gebracht haben, sitzen weiter auf ihren Posten, und wir sind wütend, wir protestieren, schreiben, doch nichts ändert sich. Für mich ist dieses Verhalten arrogant und extrem unsauber. Wir wollen, dass Europa uns hört, denn wir vertrauen den Institutionen in Bulgarien nicht.“

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Kommentare (2)

Georg Beckmann am

Wer zum Geier verbricht denn derartige Fehler bei den Fotos?:
nur zum spülen >
nur zum Spülen
zum trinken und kochen >
zum Trinken und Kochen

    Studio Wien am

    Sehr geehrter Herr Beckmann,

    vielen Dank für Ihren Kommentar auf unserer Seite. Wir haben die Fehler entsprechend ausgebessert und hoffen, dass wir Sie weiterhin zu unseren aufmerksamen Lesern zählen dürfen.

    Beste Grüße

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