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Nelly (rechts) mit ihrer Schwester Lilly. Foto: BR | Christian Limpert

Neue Familien, alte Vorurteile
Über das Leben adoptierter Roma-Kinder in Ungarn

Über das, was Nelly als kleines Kind erlebt hat, redet sie nicht. Vieles davon hat sie verdrängt. In regelmäßigen Therapiestunden versucht sie heute, die Traumata ihrer Kindheit in den Griff zu bekommen. Nelly ist ein Roma-Mädchen, 15 Jahre alt.  Sie lebt seit 8 Jahren bei ihrer Adoptiv-Familie in Debrecen, einer großen Stadt im Osten Ungarns. „Ich wollte immer in einem Haus mit einer richtigen Treppe wohnen“, erinnert sich Nelly an den ersten Tag bei ihrer neuen Familie. „Als ich hier ankam, ist mir die Treppe sofort aufgefallen, ich bin den ganzen Tag hoch und runtergelaufen. Und ich hatte ein Stockbett, da bin ich drauf rumgehüpft.“

Nelly (rechts) mit ihrer Schwester Lilly. Foto: BR | Christian Limpert
Nelly (rechts) mit ihrer Schwester Lilly. Foto: BR | Christian Limpert

Nellys „altes“ Leben war damit zu Ende: geboren als Kind einer Roma-Frau, bei Nellys Geburt selbst noch minderjährig. Ihre Mutter kümmert sich kaum um sie, will sie aber nicht zur Adoption freigeben. Nelly kommt in eine Pflegefamilie, lebt dort mit mehreren Geschwistern, über diese Zeit redet Nelly kaum. Ihre Mutter besucht sie nur selten, irgendwann gar nicht mehr. Dem Jugendamt gelingt es, ihre Mutter davon zu überzeugen, Nelly zur Adoption freizugeben.

Nelly ist da bereits Sieben. Ihrer Adoptiv-Mutter Susanna Ivanyi hat sie es zu verdanken, dass sie dennoch eine neue Familie findet. „Die meisten Eltern wollen ein Baby oder Kleinkind adoptieren“, sagt Susanna Ivanyi. Sie und ihr Mann hatten damals bereits eine leibliche Tochter: Lilly, zwei Jahre älter als Nelly. Für ein zweites, eigenes Baby aber seien sie zu alt gewesen, sagt Susanna. Daher die Entscheidung zur Adoption. „Wir haben uns bewusst für ein Roma-Mädchen entschieden“, sagt Susanna. „Als Kind habe ich oft selbst viel mit Roma-Kindern gespielt, ich habe daran nur gute Erinnerungen.“ Viele andere Eltern in Ungarn aber, die sich zur Adoption eines Kindes entscheiden, sind nicht so offen. „Nur 20 Prozent geben an, dass sie auch mit einem Jungen oder Mädchen mit Roma-Wurzeln einverstanden wären,“ erzählt Judit Gubcsi vom Verein Romadopt. Gemeinsam mit vielen anderen Ehrenamtlichen betreut sie Familien, die Roma-Kinder adoptiert haben. „Die Vorurteile, wonach Roma kriminell und gefährlich sind, sind noch immer tief verwurzelt“, berichtet Judit Gubcsi.

Auch Nelly spürt das täglich. „In der Schule und auf der Straße beschimpfen mich viele als Zigeuner!“, berichtet sie.  „Mein Lehrer sagt, wenn mich jemand verspottet, soll ich ihm eine Ohrfeige geben und dann ist das erledigt. Aber ich weiß: das würde nichts ändern, es geht immer weiter.“ Kraft, um über solche Beschimpfungen hinwegzuhören, findet sie bei ihrer Familie. Ihre „neue“ Schwester ist längst auch zu ihrer Freundin geworden, mit der sie Geheimnisse teilen kann. Und neben dem Hundewelpen Toby, den ihr ihre Familie geschenkt hat, hat Nelly noch eine weitere Leidenschaft entdeckt: Backen und Kochen. „Wenn Nelly in der Küche ist, dürfen wir nicht stören“, erzählt ihre Schwester. Ob Braten oder edles Gebäck, Nelly kann alles. „Später will ich mal eine eigene Konditorei eröffnen“, sagt sie. „Ich will in Budapest leben oder im Ausland, am liebsten in Frankreich.“ Dass sie auch dabei auf Vorurteile gegen Roma stoßen wird ist ihr bewusst. „Es ist wichtig, dass die Kinder selbstbewusst mit ihrem Roma-Hintergrund umgehen und ihn nicht verleugnen“, sagt Judit Gubcsi vom Verein Romadopt. Mit eigenen Märchenbüchern zum Beispiel sollen die Kinder mehr über die Tradition und die Geschichte der Roma lernen. „Genauso wichtig ist es natürlich, Vorurteile gegenüber Roma in der Gesellschaft abzubauen“, erklärt Judit. „Das aber ist das Schwierigste von allem.“

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