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Dr. Ljubisa Stojmirovksi lernt auch mithilfe von deutschen Radiosendern die Sprache. Foto: BR | Schaban Bajrami

Dr. Stojmirovski wandert nach Deutschland aus
Er geht für ein besseres Leben

Im Dezember 2019 sitzt Ljubisa Stojmirovksi am Computer und hört deutsche Schlager. Der dunkelhaarige Mediziner muss dabei selbst ein bisschen lachen, doch beim Deutsch lernen hilft es, wie er sagt. Der Allgemeinmediziner hat die erforderlichen Deutschkurse absolviert, doch mit Schlagern oder Nachrichten möchte er seine Sprachkenntnisse verbessern, denn Ljubisa Stojmirovski sitzt auf gepackten Koffern. Er hat ein Arbeitsvisum für Traunstein in der Tasche und sieht in Nordmazedonien keine Zukunft für sich und seine Frau, eine Exportmanagerin. Der 28-jährige ist Arzt, doch in Deutschland beginnt er zunächst als Pflegediensthelfer und möchte später als Krankenpfleger arbeiten. Ljubisa Stojmirovski verdient trotzdem von Beginn an deutlich besser, als in seiner letzten Stelle in einer kleinen privaten Praxis auf dem Land. Doch der junge Arzt verlässt seine Heimat nicht nur wegen des Geldes, sondern hofft, sich in Deutschland freier entwickeln zu können, wie er meint. Vor allem der Nationalismus und die Mentalität seines Heimatlandes würden ihn stören. Politik und Gesellschaft sind in Nordmazedonien stark polarisiert. In dem knapp zwei Millionen Einwohner Land leben Albaner und ethnische Mazedonier oft nebeneinander her. Die größte Oppositionspartei – und langjährige Regierungspartei – VMRO DPMNE spaltet mit Nationalismus, doch auch die sozialdemokratisch geführte Regierung von Ministerpräsident Zoran Zaev hat viele enttäuscht. Vetternwirtschaft und Korruption sind allgegenwärtig.

Die Auswanderer fehlen in ihren Heimatländern

Unternehmen in Deutschland fordern seit langem mehr Zuwanderung aus dem Ausland, da sie nicht genügend Mitarbeiter finden. Vor allem im Handwerk, in technischen Berufen und im Gesundheitssektor gäbe es viel zu wenig Fachkräfte. Ljubisa Stojmirovski gehört damit zu einer Gruppe von Zuwanderern aus Südosteuropa, die in Deutschland hochwillkommen sind. Gut ausgebildet, jung und hochmotiviert. Im Wettbewerb um die fähigsten Köpfe und die besten Arbeitnehmer wolle Deutschland ganz vorne mit dabei sein, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier neulich beim „Fachkräftegipfel“ im Kanzleramt. Schön für Deutschland, schlecht für die Einwohner der Herkunftsländer. Denn wo die gut ausgebildeten Menschen abgeworben werden, klafft eine immer größere Lücke, auch im Gesundheitswesen in Nordmazedonien. Psychiatrien, Landambulanzen, Kliniken oder Arztpraxen suchen händeringend Ärzte und Pflegekräfte. Rund 340 Ärzte werden laut Ärztekammer pro Jahr in Nordmazedonien ausgebildet und bis Ende November 2019 wollten mehr als 160 von ihnen das Land verlassen, die meisten davon in Richtung Deutschland, sagt Kalina Stardelova von der Ärztekammer in Skopje. Im Bereich Neueinstellung und Weiterbildung werde zwar viel getan, doch sie sei nicht sicher, ob man es schaffen könne, die Menschen im Land zu halten. Viele würden schon während des Studiums anfangen, Deutsch zu lernen, denn in Deutschland oder Österreich seien die Lebens,- und Arbeitsbedingungen besser. Auch was das Gehalt angeht. Ein Arzt in einer staatlichen Klinik in der Hauptstadt Skopje verdient um die 500 Euro im Monat und damit kommt man in Nordmazedonien nicht über die Runden. Es gilt nicht für alle, aber auch Korruption gehört im Gesundheitswesen zum Alltag. Viele Ärzte würden vor einer Behandlung erst einmal die Hand aufhalten, das erzählen Patienten dem ARD Studio Südosteuropa immer wieder. Arme Menschen werden also nicht unbedingt ausreichend und verlässlich medizinisch versorgt.

Er wird fehlen

Bevor er nach Deutschland geht, pendelt Ljubisa Stojmirovski ein knappes Jahr von Skopje aus nach Bukovikj / Bukovic, ein Dorf rund 20 Kilometer westlich der Hauptstadt, in dem fast ausschließlich Albaner leben. Seinen rund 200 Patienten dort wird er sehr fehlen. Viele haben den jungen Mediziner schätzen gelernt, das erzählen sie bei ihren Besuchen in der Praxis. Auch der 51-jährige Isen Izlazi bedauert, dass der Arzt nach Deutschland geht. Isen und seine Frau sind zuckerkrank und er bespricht mit Ljubisa Stojmirovski die Medikamente. Beruflich und menschlich hält Isen große Stücke auf ihn; „Er ist nicht nur ein Hausarzt, sondern auch ein Freund geworden und er wird mir sehr fehlen.“

Dorfbewohner Astrit (Name geändert und der Redaktion bekannt) ist an diesem Tag wegen Halsschmerzen da. Er versteht, dass Ljubisa Stojmirovski nach Deutschland geht, doch die Zukunft macht ihm Sorgen: „Das ist schon schlimm, denn dann haben wir keinen Arzt mehr. Eine Alternative gibt es hier nicht und wir müssen warten bis ein anderer kommt, aber das kann Monate dauern. Leider geht der Doktor nach Westen wegen der Umstände hier. Wir verstehen das. Er ist ein guter Arzt und das mazedonische Einkommen eine Katastrophe. Er geht für ein besseres Leben.“

Unguter Trend. Abwanderung aus den Balkanländern

„Abwanderung ist ein Trend auf dem gesamten Balkan“, bedauert Kalina Stardelova von der Ärztekammer in Skopje. Sie betrifft Nicht-EU Länder wie den Kosovo, Bosnien und Herzegowina, Albanien und Serbien, aber auch EU-Mitglieder wie Bulgarien, Ungarn, Kroatien und Rumänien kämpfen der Abwanderung ihrer Bewohner. Laut Experten hängt dies teilweise mit den Folgen der globalen Finanzkrise von 2008 zusammen, aber auch mit dem Versagen der jeweiligen politischen Eliten. Aus Sicht vieler Auswanderer sind diese nicht willens oder in der Lage eine demokratische und wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen. In der Tat sind alltägliche Korruption, fehlende oder mangelhafte Pressefreiheit und schlechte Rechtssicherheit ein Bremsklotz für Entwicklung. Dazu kommen niedrige Löhne und fehlende Investitionen in wichtigen Bereichen wie Bildung oder Digitalisierung und die Abwanderung hat auch Folgen für die Rentensysteme der Herkunftsländer.  In Nicht-EU-Ländern macht sich das erlahmte Interesse der EU auf dem Balkan besonders negativ bemerkbar. Der Kosovo und Serbien ringen bisher erfolglos um eine Einigung im Streit um die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo. Albanien ist durch eine innenpolitische Dauerblockade völlig gelähmt. Und Nordmazedonien musste einen herben Rückschlag einstecken. Die ehemalige Teilrepublik von Jugoslawien ist seit 15 Jahren Beitrittskandidat der EU. Zuerst wurde die Aufnahme von Verhandlungen durch Griechenland blockiert. Nordmazedonien nannte sich zwar offiziell FYROM (Former Yugoslav Republic of Macedonia) doch Athen störte sich am Namen „Mazedonien“, da es eine gleichnamige griechische Region namens Makedonia gibt und daraus Gebietsansprüche abgeleitet wurden. Nach der Einigung zwischen Athen und Skopje im Namensstreit im Prespa-Abkommen wurde FYROM in Nordmazedonien umbenannt. Doch die Lösung des jahrzehntelangen Namensstreits hat Brüssel nicht mit den ersehnten EU-Beitrittsverhandlungen belohnt, Frankreich war dagegen und auch mit Albanien wurden keine Beitrittsverhandlungen begonnen. Dabei würde eine realistische EU Perspektive zumindest helfen die Jungen zu halten, glauben Experten. Rund 75 % des Handels finden mit der EU statt und einige empfehlen die Nicht-EU Länder zumindest wirtschaftlich in die EU zu integrieren, denn China, Russland und die Türkei schlafen nicht. Die Entscheidung von Ljubisa Stojmirovski auszuwandern beeinflusste all das jedoch nicht, wie er sagt: „Mir ist es egal, ob Frankreich grünes Licht gibt oder noch dreimal ein Veto einlegt, das hätte meine Entscheidung nicht geändert. Nicht Frankreich oder andere EU-Länder zwingen mich zu gehen, sondern die Parteiführer meines Landes.“  Nachdem die EU mit Nordmazedonien keine Beitrittsverhandlungen aufgenommen hat, hat die sozialdemokratisch geführte Regierung von Zoran Zaev für April 2020 eine vorgezogene Parlamentswahl angesetzt. Bis dahin hat sich Ljubisa Stojmirovski in Deutschland vielleicht schon ein wenig eingelebt. Er steigt dort weit unter seiner Ausbildung als Arzt ein, doch das scheint ihm nichts auszumachen. „Lieber arbeite ich ein Leben lang als Krankenpfleger in Deutschland, als zehn Tage als Arzt auf dem Balkan. Nicht allein wegen des besseren Gehalts, sondern weil Deutschland einfach mehr bietet. Wir können uns beruflich hier nicht gut entwickeln und die Gesellschaft hier ist einfach nicht wie sie sein sollte“.

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