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Obdachlose Flüchtlinge in der alten Metallfabrik in Bihac. Foto: BR | Daniel Dzyak

Nach der Räumung von Vucjak geht die Tragödie weiter
Rechtlos. Schutzlos. Obdachlos.

Am letzten Morgen des Elendslagers Vucjak bei Bihac in Bosnien und Herzegowina regnet es stark. Polizisten stehen am Eingang des improvisierten Camps, Mitarbeiter des Roten Kreuzes mit hellgrünem Mundschutz und dicken Arbeitshandschuhen bauen die provisorischen schäbigen Zelte ab, ein gelber Bagger schaufelt bergeweise Müll in einen Container. Die menschenunwürdigen Zustände in Vucjak, sie hatten weit über Bosnien und Herzegowina hinaus für Proteste gesorgt. So hatten Abgeordnete des Europaparlaments oder die Menschenrechtskommissarin des Europarats, Dunja Mijatovic, die Schließung gefordert.

Das umstrittene improvisierte Camp bestand rund sechs Monate und zeitweise hausten dort 600 – 800 Männer, viele aus Afghanistan und Pakistan. Medizinische Versorgung war nur durch freiwillige Helfer und NGOs gewährleistet, die hygienischen Umstände waren so schlecht, dass Krankheiten wie die Krätze ausbrachen. Auch am letzten Tag von Vucjak kriechen ein paar Männer verfroren aus den letzten Zelten und wärmen sich an einem offenen Feuer. Am Tag zuvor sind rund 700 Männer von Vucjak aus mit Bussen in Unterkünfte bei Sarajevo gebracht worden. Nach Usivak bei Hadzici und in die ehemalige Kaserne Blazuj. Ali Murtaza aus Mandi Bahauldin in Pakistan war froh, in einen der Busse steigen zu können. „Ich fahre mit nach Sarajevo, denn dort kann man seine Kleider waschen und es gibt dreimal am Tag etwas zu Essen.“

Obdachlose Menschen in und um Bihac

Der Streit um Vucjak hatte viele unschöne Facetten und die Behörden in Bosnien und Herzegowina schoben sich auf allen Ebenen des kompliziert strukturieren Landes die Verantwortung zu. Zuletzt hatte es ein zermürbendes Tauziehen gegeben, denn kein Ort wollte die Menschen aufnehmen. Vucjak ist ein Symbol des Versagens geworden, doch auch nach der Räumung des Elendslagers bleibt die Situation der Flüchtlinge in Bosnien und Herzegowina ungelöst. Die Unterkünfte der Region – Bira und Miral  – sind überbelegt und viele Flüchtlinge leben in leerstehenden Gebäuden der Umgebung zum  Beispiel am Fluss Korana bei Sturlic oder in den Wäldern der bosnisch – kroatischen Grenzregion. Der Kanton Una-Sana – in dem Bihac liegt – möchte männliche Flüchtlinge aus den Unterkünften Bira und Miral künftig außerhalb der Stadt unterbringen. Die Kantons-Gesundheitsministerin Nermina Cemalovic begründet das so.  „Dort sind nur Männer untergebracht, die Wirtschaftsflüchtlinge sind und wir wollen sie außerhalb der Stadt haben ob außerhalb oder innerhalb unseres Kantons das wissen wir noch nicht.“ Die Stadt Bihac solle „sauber werden“, so die Kantonsministerin gegenüber dem ARD Studio Südosteuropa. Ob und wann solche Pläne umgesetzt werden sollen, blieb aber völlig unklar.

Menschenrechte sind graue Theorie

Ein Teil der Menschen, die nun in den Unterkünften bei Sarajevo sind, wurde von der bosnischen Polizei zuvor nach Vucjak gebracht, zum Beispiel aus einer verlassenen alten Fabrik in Bihac, wo viele obdachlose Flüchtende ebenfalls ausharren. Sie schlafen auf dem kalten Betonboden und kochen über dem offenen Feuer, das nicht nur aus Holz, sondern auch aus Plastik, Schuhen oder Müll entfacht wird. Bei Razzien der bosnischen Polizei in der alten Fabrik würden sie immer wieder verprügelt, erzählen einige von ihnen. „Wir sind doch auch Menschen“, empören sich viele. Eine größere Gruppe die ganz offensichtlich deutlich jünger ist als 18 Jahre. Sie haben das Recht auf besonderen Schutz, doch das ist graue Theorie. Von offizieller Seite aus schert sich kaum jemand um geltendes bosnisch-herzegowinisches, kroatisches oder europäisches Recht oder gar die Genfer Flüchtlingskonvention und die Europäische Menschenrechtskonvention. Im Gegenteil: Die Menschenrechte werden im bosnisch-kroatischen Grenzgebiet systematisch mit Füßen getreten. Aussagen wie die dieses jungen Afghanen hörten wir oft: „Sie (Anmerkung die kroatische Polizei) schlagen jeden. Jeden. Sie nehmen dir alles weg. Tasche, Jacke, Geld, Handy. Sie machen ein Feuer und verbrennen deine Sachen. Dann treten sie dich und sagen: „Fuck off und geh weg““.

The Game. Wer schafft es nach Kroatien?

Vor der angekündigten Räumung hatten bereits viele der Männer das Elendslager Vucjak verlassen, da sie in der Gegend um Bihac im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina bleiben wollen. Aus ihrer Sicht ein vielversprechender Ausgangspunkt für „the game“, das Spiel. So nennen die Menschen den riskanten Versuch, ohne gültige Papiere über die nahe gelegene Grenze nach Kroatien zu gelangen und damit in die EU. Viele mit denen wir sprechen wollen nach Italien. Auf diese Weise ist das nicht erlaubt, doch auch Menschen ohne gültige Dokumente haben Rechte, die eklatant missachtet werden. Einige erzählen, sie hätten mehr als dreißig Mal versucht, nach Kroatien zu gelangen. Bei den Abschiebungen – Push-backs genannt – erleben sie regelmäßig an Sadismus grenzende Gewalt durch die kroatische Grenzpolizei. Das zeigen hunderte Berichte von Flüchtenden und die Dokumentationen von Menschenrechtsorganisationen. Auch das ARD Studio Südosteuropa hat Berichte von illegalen Push-backs gesammelt und auch Mitte Dezember 2019 bestätigen viele die Aussage des jungen Afghanen: Werden sie von kroatische Grenzpolizisten erwischt, nehmen diese den Menschen Handys und Geld weg. Sie verbrennen ihre Habseligkeiten, bedrohen sie mit Hunden und schießen in die Luft. Kroatische Polizisten beachten keine Asyläußerungen und dokumentieren nichts, sondern verfrachten die Menschen in Autos und bringen sie an die bosnische Grenze. Dort bilden die Polizisten oft eine Gasse durch die Flüchtende einzeln durchlaufen müssen.- Dabei werden sie dann verprügelt. Die Menschen erzählten uns weiter: oft würden sie gezwungen, im Grenzfluss Korana zu stehen, das Wasser bis zum Hals. Bosnien und Herzegowina ist als Staat schwach und kann und will den illegalen Abschiebungen offenbar nichts entgegensetzen. Auch von der EU-Kommission aus Brüssel und der neuen Chefin Ursula von der Leyen kommt keine Kritik daran und Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte Kroatien sogar mehrfach für die Arbeit an der EU-Grenze. Die meisten der Menschen auf ihren Irrweg in die EU stehen auch unter dem Druck ihrer Familien zuhause in Pakistan oder Afghanistan, ihr Ziel Europa zu erreichen, denn ihre Familien haben sich verschuldet. Die Situation in und um Bihac, sie mag menschenunwürdig sein und gegen Gesetze verstoßen. Doch das Geschäft mit dem Menschenhandel blüht und viele profitieren. von dieser Organisierten Kriminalität. Darunter Schlepper, Geldwäscher oder korrupte Polizisten.

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Kommentare (1)

Helga Mönxelhaus am

Ich habe gerade bei uns im Sauerland durch einen Zeitungsbericht und einen Leserbrief im „Sauerlandkurier“ auf die ungeheuerlichen Zustände in Vucjak aufmerksam gemacht. Unser Verein BOW Hallenberg unterstützt die Arbeit von Dirk Planert und seinem Team auch weiterhin. Gemeinsam an die Öffentlichkeit!
Herzliche Grüße
Helga Mönxelhaus

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