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'Es ist eine Katastrophe', murmelt dieser Mann vor einem eingestürzten Haus in Durres. Foto: BR | Andrea Beer

Nach dem Erdbebentrauma in Albanien steht der Wiederaufbau an
'Wir haben die Hölle gesehen'

Es kam am frühen Morgen und hatte eine Stärke von 6,4. Das Erdbeben, das am 26. November 2019 Albanien traf war der schwerste Erdstoß dort seit Jahrzehnten. Das Beben hat nicht nur die Erde, sondern viele Menschen in ihrem Inneren zutiefst erschüttert. Auch den Bäcker Sokol aus dem Ort Thumana, der mit seiner Familie wie durch ein Wunder aus dem fünften Stock seines Hauses entkam.

„Wir haben die Hölle mit eigenen Augen gesehen. Es hat uns erschreckt. Ich kann das gar nicht beschreiben. Unsere Freunde, unsere geliebten Menschen sind tot. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

Sokol, Bäcker aus Thumana

Der Mann Mitte 40 zittert am ganzen Körper, als er sich an das Beben um 03.46 am frühen Morgen erinnert. Wie die meisten Menschen überraschte es auch ihn und seine Familie im Schlaf. Die traurige Zwischenbilanz: Mindestens 51 Tote und mehr als 900 Verletzte und mindestens 4.000 Menschen sind über Nacht obdachlos geworden. Laut albanischer Regierung sollen sie nicht in Zelten bleiben, sondern nach und nach in Hotels in unterschiedlichen Städten umziehen. Schulpflichtige Kinder und Jugendliche sollen dort dann auch unterrichtet werden können. Menschen, die unbedingt in einem Zelt bei ihren Häusern bleiben möchten soll das aber erlaubt werden können, etwa Bauern die ihr Vieh versorgen müssen. Rettungsteams aus vielen Ländern unterstützten die albanischen Sanitäter, Polizisten, Soldaten oder die vielen Freiwilligen bei der ersten Versorgung und der Suche nach Vermissten, wobei auch Hundeteams eingesetzt waren. Helfer kamen unter anderem aus Kroatien, dem Kosovo, Serbien, Rumänien, Italien, Nordmazedonien, aus der Türkei, Griechenland, Montenegro, den Niederlanden und Deutschland. Die Suche nach Vermissten wurde inzwischen eingestellt.

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28.11.2019: Violeta Dodaj (li.) und Shpresa Alushi aus Durres direkt nach einem Nachbeben der Stärke 5.2. Die erschrockenen Frauen haben ihre Angehörigen erreicht - alles ist in Ordnung.
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Geberkonferenz für das arme Albanien?

Offizielle Zahlen gibt es noch nicht, doch der Wiederaufbau der vom Erdbeben betroffenen Gebiete wird nicht nur eine menschliche und technische Herausforderung, sondern auch teuer werden. Und mit Albanien trifft es ein armes Land. Experten dort sprechen davon, dass der Wiederaufbau bis zu einer Milliarde Euro kosten könnte. Viele Menschen und Unternehmen in Albanien und aus dem Ausland haben bereits Geld gespendet. Bisher kamen rund 15 Millionen Euro zusammen. Eine Sonderkommission soll dieses Geld kanalisieren und für Transparenz sorgen, denn Korruption ist in Albanien ein großes Problem. Die Regierung hat angekündigt neue Wohnviertel in Tirana, Durres und Kurbin zu bauen. Kurzfristig sollen bis zu 5.000 Wohnungen entstehen, langfristig sogar 10.000. Zusätzlich plant die Regierung Sozialwohnungen, neue Schulen, Kindergärten und Supermärkte. Ankündigungen, die sehr viel Geld kosten würden. Regierungschef Edi Rama schwebt eine Geberkonferenz vor. Am Rande des NATO-Treffens in London möchte er für Hilfe beim Wiederaufbau werben. Der türkische Präsident Erdogan hat bereits versprochen, 500 neue Häuser bauen und bezahlen zu wollen. Auch in Asien oder Saudi-Arabien will Albanien um Unterstützung bitten. Bei all dem ist Albanien laut Regierung auch auf das Know-how ausländischer Experten angewiesen, zum Beispiel beim Untersuchen der beschädigten Häuser. Denn in Albanien herrscht ein eklatanter Fachkräftemangel und es gibt nicht genügend eigene Experten im Land.

Die vom Erdbeben betroffenen Gebiete

Gleich mehrere Gebiete sind von dem Erdbeben betroffen. Am schwersten traf es die Hafenstadt Durres, die rund 40 Kilometer westlich von Tirana liegt. Die Stadt an der Adria hat mindestens 25 Tote zu beklagen. Viele Häuser sind zerstört und reihenweise hat es auch Hotels getroffen, die offenbar höher gebaut wurden als erlaubt. Durres ist auch ein beliebter Urlaubsort und die Tourismusbranche dort sorgt sich bereits um die nächste Saison.

 

In Thumana im Kreis Kurbin, rund 40 Kilometer nördlich der Hauptstadt Tirana, gibt es mindestens 23 Tote und viele Schäden. Doch auch in den jeweils umliegenden Orten – wie Lac oder Kruja – und in Tirana hat das Erdbeben Spuren hinterlassen. Stand jetzt sind in Tirana rund 2.000 Gebäude beschädigt, davon 400 unbewohnbar. Seit dem Erdbeben hat es in den betroffenen Regionen mehr als 1.370 Nachbeben gegeben. Ein schweres hatte die Stärke von 5,2 und erschütterte auch Durres. Auch auf dem Land sind die Folgen des Erdbebens vom 26.11.2019 zu sehen, zum Beispiel im Kreis Peza südwestlich von Tirana. Dem Team des ARD Studios Südosteuropa erzählten zwei Familien, von den Behörden sei noch niemand vorbeigekommen. An beiden Häusern gibt es bedenklich lange Risse. In dem einen ist eine Zimmerdecke kaputt und die Bewohner haben die Risse des letzten Erdbebens vom 21. September 2019 mit weißem Kalk einfach übertüncht.

Das Erdbeben fällt in ein vergiftetes innenpolitisches Klima

 

Das Erdbeben und die dramatischen Folgen treffen Albanien in einer innenpolitischen Krise, die das Land politisch lähmt. Die größte Oppositionspartei, die „Demokratische Partei“, boykottiert seit Mitte Februar 2019 die Mitarbeit im Parlament, eine bewährte Methode der politischen Auseinandersetzung in Albanien. Die Opposition fordert den Rücktritt von Regierungschef Edi Rama, denn dessen sozialistische Regierung sei in Korruption und Kriminalität verstrickt. Eine Übergangsregierung solle eine vorgezogene Parlamentswahl vorbereiten. Das Klima ist entsprechend vergiftet und die Folgen dieses politischen Stillstands sind verheerend. Im Juni 2019 führte die Regierung Edi Rama trotz großer Kritik Kommunalwahlen durch, ohne die Opposition. Wenig überraschend haben die regierenden Sozialisten nun in allen Gemeinden eine Mehrheit. Dies geschah gegen den erklärten Willen des albanischen Präsidenten Illir Meta. Unter diesen Bedingungen sei keine demokratische Wahl möglich, sagte er dazu. Dies wäre ein Fall für das Verfassungsgericht, doch dieses ist seit knapp zwei Jahren nicht mehr beschlussfähig. Der Grund: Im Rahmen einer Justizreform und dem angestrebten EU-Beitritt wurden ab Anfang 2018 alle Richter und Staatsanwälte des Landes überprüft. Sie sollten die Herkunft ihrer Vermögen nachweisen, um mögliche Verbindungen zur organisierten Kriminalität ausschließen zu können. Auch mehrere Richter des Verfassungsgerichtes wurden entlassen oder nahmen von sich aus den Hut. Diese komplizierte Situation blockiert nicht nur das Parlament, sondern auch überfällige Schritte in Richtung mehr Demokratie und lebendige Zivilgesellschaft in Albanien.

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