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Blick auf das umstrittene Projektgebiet rund um den Linken Fernerkogel. Foto: BR | Jan Heier

Gletscherstreit in den Ötztaler Alpen
Wie viel Mensch verträgt die Natur?

Ein Megaprojekt in den Ötztaler Alpen sorgt weit über Tirol hinaus für Diskussionen und heftigen Streit und auch der Tiroler Landtag diskutierte diese Woche äußerst kontrovers darüber. Die Gemeinden Sölden im Ötztal und Sankt Leonhard im Pitztal wollen ihre beiden Gletscherskigebiete verbinden. Es beträfe die alpine Gletscherlandschaft rund um den Linken Fernerkogel, ein rund 3200 Meter hoher Berg in den Ötztaler Alpen.

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Foto: BR | Andrea Beer
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Die Eckdaten des Projekts

Unser Verständnis was die Alpen und Gletscher symbolisieren, hat sich stark gewandelt. Dass etwas erschlossen wird, was ohnehin verloren zu gehen droht ist für immer mehr Menschen unverständlich.

Robert Groß, Umwelthistoriker an der BOKU Wien

Nach Angaben der Beraterfirma IFL Consulting Engineers GmbH, die das Projekt entwickelt hat, ist rund um den Linken Fernerkogel unter anderem folgendes geplant: Rund 64 Hektar neue Pisten, fast alle auf bestehenden Gletscherflächen, drei neue Seilbahnen, ein neues Skizentrum mit Restaurant und Bergstation, sowie eine Schneeanlage mit Speicherteich und ein rund 600 Meter langer Skitunnel. Die Bergbahnen Sölden und Pitztal wollen knapp 132 Millionen Euro investieren, knapp die Hälfte davon in Tirol und das meiste Geld käme aus dem Pitztal. Dort leben rund 8000 Menschen und es ist kleiner und weit weniger touristisch als das Ötztal, das durch den Fund der Eismumie „Ötzi“ im Jahr 1991 auch vielen Nichtskifahrern bekannt ist. Der bisher unberührte Gletscher oberhalb der „Braunschweiger Hütte“, der betroffen wäre, ist in den letzten Jahrzehnten weit zurückgegangen, darin sind sich alle Beteiligten einig und der allgegenwärtige Klimawandel ist ein wichtiges Argument in der laufenden Debatte. Die Pläne sind noch nicht genehmigt und zurzeit läuft eine sogenannte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) über die im Januar 2020 verhandelt werden soll. Unter anderem der österreichische Alpenverein, ist strikt gegen das Projekt. Sowohl Gegner als auch Befürworter gehen davon aus, dass der Streit gerichtlich entschieden wird, vom Bundesverwaltungsgericht in Wien.

Werden Skigebiete erweitert oder neu erschlossen profitieren viele Akteure, sagt der Umwelthistoriker Robert Groß, der die Bewilligungsunterlagen von vielen Skigebieten untersucht hat. Darunter Hotel,- und Berghüttenbetreiber, die Seilbahn,- und Beschneiungsanlagenindustrie, Düngemittel und Saatgutindustrie, Beraterfirmen Projektplaner sowie Lobbyisten in PR und Journalismus.

Projektplaner würden Pläne bewusst groß und langfristig planen und sich die Skiprojekte dann Stück für Stück genehmigen lassen, eine Salamitaktik, so Groß. Kritik am Wintertourismus habe es in Österreich seit den 20er Jahren gegeben, doch erst seit den 60er Jahren sei diese ökologisch motiviert. Inzwischen werde Natur per se als schützenswertes Ökosystem betrachtet. Eine so heftige Auseinandersetzung wie im Ötztal/Pitztal sei ihm aus den 60er Jahren jedoch nicht bekannt. Mit dem Klimawandel und dem immer stärker gesetzlich verankerten Umweltschutz habe sich auch das Verständnis der Menschen der Alpen geändert. In machtfrei organisierten Räumen sollten die Menschen in Österreich über die Zukunft der Alpen diskutieren.

Befürworter verweisen auf Investitionen und mehr Tourismus

Das Thema Klimaerwärmung spielt eine Riesenrolle. Das beschäftigt uns auch, aber wir sind Betroffene und nicht Verursacher. Das wird das Klima nicht großartig verändern, was da am Pitztaler Gletscher passiert.

Elmar Haid, Bürgermeister von Sankt Leonhard im Pitztal sieht sich zu Unrecht als Umweltzerstörer an den Pranger gestellt

Das umstrittene Projektgebiet gehört fast zu 100 Prozent der Gemeinde Sankt Leonhard. Diese erhofft sich durch eine Verbindung der Gletscherskigebiete mehr Tourismus, um einigermaßen konkurrenzfähig zu bleiben, so Bürgermeister Elmar Haid. Seit Anfang der 80er Jahre sei am Berg nichts passiert, verteidigt er die Pläne und verweist auf bereits bestehenden sanften Tourismus im Pitztal, aus dem viele Menschen abwandern würden. Auch die Bergbahnen Sölden und Pitztal setzen sich vehement für das Projekt ein. Kunden würden als erstes nach Schneesicherheit und der Größe des Skigebiets fragen, sagt Eberhard Schultes, Geschäftsführer der Pitztaler Gletscherbahn und Mitglied des Gemeinderats von Sankt Leonhard im Pitztal.

Gegner plädieren für Naturschutz und fordern ein Umdenken

Das Projekt ist ein Frontalangriff auf die letzten alpinen Freiräume. Aus unserer Sicht ist das die Neuerschließung von einem bisher noch naturbelassenen Bereich.

Benjamin Stern vom österreichischen Alpenverein. Dieser geht auch gerichtlich gegen das Projekt vor, gemeinsam mit dem WWF und den Naturfreunden

„Die Bergbahnen bestellen und die Gemeinden liefern“, kritisiert Gerd Estermann aus Mötz von der Bürgerinitiative Feldring. Mit ihrem Geschäftsmodell würden Skigebietsbetreiber versuchen, noch das letzte aus der Natur herauszuholen. Wer am meisten verdiene, zerstöre am meisten Natur, das müsse sich ändern. Der Tourismus würde gebraucht und sei eines der wirtschaftlich wichtigsten Standbeine, doch es gäbe Grenzen. Er kann sich eine Umverteilung vorstellen, von denen alternativer Tourismus profitieren könnte. Gerd Estermann hat eine online Petition auf den Weg gebracht, die fast 150 000 Menschen unterschrieben haben. Die Folgen für die Natur verheerend, findet auch Benjamin Stern, beim Alpenverein in Innsbruck für Raumplanung und Naturschutz zuständig. Der Klimawandel gefährde die Gletscher ohnehin und in Tirol gäbe es mehr als 90 Skigebiete, mehr als eintausend Liftanlagen und insgesamt rund 3000 Pistenkilometer, das sei genug.

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