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Im Flüchtlingscamp Vucjak gibt es keinen Strom und auch kein fließendes Wasser. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Flüchtlingssituation in Bihac
Das überforderte Bosnien-Herzegowina

Erst jetzt fällt es der Internationalen Gemeinschaft und vor allem der EU auf: Die trügerische Hoffnung hat sich nicht erfüllt, dass das ebenso komplizierte wie widersprüchliche Staatswesen Bosnien-Herzegowina der Flüchtlings- und Migrantenkrise Herr werden könnte. Der Kanton Una-Sana im Nordwesten des Landes mit den Städten Bihac und Velika Kladusa ist seit über anderthalb Jahren Anziehungspunkt von Flüchtlingen und Migranten, die über das EU-Land Kroatien weiter ins westliche Europa wollen. Die EU-Kommission schickte vor wenigen Tagen eine Delegation nach Bihac, für nächste Woche haben sich Abgeordnete des Deutschen Bundestages in der Region angekündigt. Wie ist die Flüchtlingssituation im Nordwesten Bosnien-Herzegowinas?

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Drei Fragen - 3 Antworten zur Lage in Bihac und Velika Kladusa

Kamera: Daniel Dzyak

Videobearbeitung: Thomas Gebhardt

43.000 Menschen seien seit Jahresbeginn im Kanton Una-Sana registriert worden, sagte dieser Tage der Innenminister des Landkreises. Die Flüchtlingslager Bira und Miral, zwei ehemalige Fabrikgebäude in Bihac und Velika Kladusa, die von der International Organisation for Migration (IOM) betrieben werden, sollen nach Aussagen des Kantonspräsidenten Mustafa Ruznic verlegt werden. Raus aus den Städten, rein aufs Land. Gegenüber dem ARD Studio Südosteuropa nennt Ruznic zwei Gegenden in seinem Kanton, die sich, weit abgelegen von Städten und Dörfern, dafür eignen könnten. Doch das sind derzeit nur Absichtserklärungen.

Für Vucjak, das inzwischen berühmt berüchtigte Flüchtlingscamp bei Bihac, könne es angesichts des bevorstehenden Winters nur eine Lösung außerhalb des Kantons Una-Sana geben, so Ruznic. Doch keiner der übrigen neun Kantone hat sich dazu bislang bereiterklärt. Ganz im Gegenteil: Sie winken unter Hinweis auf die Widerstände in der Bevölkerung ab. Und als ob es nicht schon schwer genug wäre, eine Lösung zu finden, lehnt die Republika Srpska, die zweite Entität Bosnien-Herzegowinas, die Aufnahme jeglicher Flüchtlinge seit Jahren bereits ab, lässt hingegen Flüchtlinge und Migranten, die über Serbien Richtung Bihac wollen, ungehindert weiterziehen – oftmals werden auch Busse und Zugtickets zur Verfügung gestellt.

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In der Ambulanz Zavalje, etwa fünf Kilometer vom Lager in Vucjak entfernt, werden Migranten und Flüchtlinge aus dem Lager bei kleineren gesundheitlichen Problemen behandelt. Foto: BR | Eldina Jasarevic
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Das provisorische Flüchtlingscamp in Vucjak

Im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit steht das provisorische Flüchtlingscamp Vucjak, das im Sommer von der Stadt Bihac für männliche Flüchtlinge und Migranten auf einer ehemaligen kommunalen Müllhalde errichtet worden ist. Jetzt, Ende November, sind die Zustände dort noch miserabler als im Sommer: Anhaltende Regenfälle setzen den rund 700 Menschen zu, die in ihren auf blankem Boden stehenden, ungeheizten Zelten nur unzureichend Schutz finden. Strom- und Wasseranschlüsse gibt es ebenso wenig wie winterfeste Zelte. Die wenigen WC- und Duschcontainer sind nahezu unbenutzbar. Die Gesundheitsministerin des Kantons Una-Sana, Nermina Cemalovic, räumt ein: Was Vucjak angehe, sei dort die epidemiologische Lage überhaupt nicht gut.

„Die hygienischen und sanitären Bedingungen sind unter dem Minimum."

Nermina Cemalovic, Gesundheitsministerin des Kantons Una-Sana

Auf ihrem Schreibtisch hat die studierte Ärztin einen roten, dicken Schnellordner, mit Kuli steht darauf in großen Druckbuchstaben: „MIGRANTI“. Jede Woche erhält sie die Zahlen ihrer Gesundheitsbehörde über die ansteckenden Krankheitsfälle unter den Flüchtlingen und Migranten, sowie die Zahlen der Menschen, die in den beiden großen Flüchtlingslagern ihres Landkreises, Bira in Bihac und Miral im 50 Kilometer nördlich gelegenen Velika Kladusa untergebracht sind, sowie in Vucjak. In Bira, Miral und Vucjak „sind 80 bis 85 Prozent der Menschen aus Pakistan und Afghanistan, da handelt es sich um Wirtschaftsflüchtlinge,“ so die Gesundheitsministerin des Kantons.

Hilfsgüter vom Bayerischen Roten Kreuz für Bihac

Günther Geiger aus Augsburg, der als Einsatzleiter des Bayerischen Roten Kreuzes seit langen Jahren internationale Einsätze durchführt, steht in Vucjak und blickt sich um. Zusammen mit anderen Freiwilligen des Bayerischen Roten Kreuzes hat Geiger einen Konvoi mit fünf LKW-Ladungen Hilfsgütern für das bosnische Rote Kreuz nach Bihac gebracht. Hunderte von Männern stehen in einer langen Warteschlange vor der Essensausgabe, es regnet in Strömen. Geigers geschulter Blick geht über die Zelte, die auf dem blanken, schlammigen Boden stehen, er schaut zum einzigen Wassertank, zu den wenigen WC- und Duschcontainern, die er kennt, denn sie stammen noch aus einer Spendenaktion aus dem Landkreis Augsburg und des Bayerischen Roten Kreuzes und wurden vor einem Jahr nach Bihac gebracht. Sein erster Eindruck:

„Es fehlt an allem. Es fehlt am Nötigsten. Wenn wir die Menschen an sich anschauen, die völlig ungenügende Bekleidung, was die Witterung anbelangt, das Schuhwerk, die Zelte innendrin selbst.“

Günther Geiger, Einsatzleiter Bayerisches Rotes Kreuz

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Beitrag: Christian Limpert

Kamera: Daniel Dzyak

Schnitt/Bearbeitung: Roland Buzzi/Thomas Gebhardt

Die Flüchtlinge schliefen am Boden. Auch die Versorgung, einer Versorgung, wenn überhaupt, mit einer warmen Mahlzeit pro Tag sowie die mangelhaften sanitären Einrichtungen. Ein solches Lager könne man in diesem Zustand nicht betreiben.

Mit Sonnenuntergang fällt das Camp Vucjak in komplette Dunkelheit. Wie man es jetzt, Ende November bei oftmals konstanten Regenfällen, in dem Lager aushält? Dieser junge Pakistaner gibt zurück: In der Nacht sei es kalt. Es gehe ihm hier nicht gut.

„Sie geben mir zweimal am Tag zu essen. Ich habe keine Decke, keinen Platz zum Schlafen. Ich schlafe auf dem Boden, im Regen.“

Flüchtling aus Pakistan

Sie hätten alles dabei, sagt der krisenerprobte BRK-Einsatzleiter Günther Geiger: Betten, Schlafsäcke, eine Feldküche, Bekleidung, Winterjacken und Schuhe, aber:

„Wenn ich die über 30 Tonnen sehe, die wir haben und die Bedürfnisse, die wir hier haben, allein in dem Lager, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Günther Geiger, Einsatzleiter Bayerisches Rotes Kreuz
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