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Overtourism im österreichischen Hallstatt Natur, Ruhe, Einsamkeit – aber nur von 20 bis 8 Uhr. Ein Dorf zwischen Aussterben und Overtourism Foto: BR | Vera Gasper

Overtourism im österreichischen Hallstatt
Natur, Ruhe, Einsamkeit – aber nur von 20 bis 8 Uhr. Ein Dorf zwischen Aussterben und Overtourism

Das Dorf Hallstatt liegt direkt am gleichnamigen See. Dichter Nebel liegt über dem Wasser. Dahinter grenzen Berge das Tal ab. Fast mystisch: Blau, Grau und Weiß sind die vorherrschenden Farben an diesem kalten Morgen. Die Luft ist feucht und riecht nach Erde und Moos. Vereinzelt sind Einwohner*innen unterwegs. Ihr Ziel ist der Wochenmarkt. An Ständen werden Wurst- und Teigwaren, Obst und Gemüse verkauft. Das Dorfleben lebt wieder auf. Einmal war Hallstatt kurz vorm Aussterben. Jetzt wird das Dorf überrannt.

Die Suche nach dem Boom

Bis 2001 war Hallstatt ein einfaches Dorf inmitten des oberösterreichischen Salzkammergutes. Die Zahl der Bewohner*innen nahm kontinuierlich ab. Fassaden bröckelten. Gaststätten schlossen. Arbeit war rar. Die Jugend wanderte ab. 2012 wurde das Dorf in Bolou in der chinesischen Provinz Guangdong originalgetreu nachgebaut – und schlagartig wurde das Postkartenidyll international bekannt.

Weitere Gründe für den Erfolg sind: die Region Hallstatt-Dachstein/Salzkammergut ist seit 1997 UNESCO-Weltkulturerbe. Auch wurde eine Serie in Hallstatt für Südkorea gedreht. Vor allem für junge Touristinnen und Touristen ist Hallstatt ein Must-Have für Social-Media-Kanäle. Allein auf Instagram gibt es 588.00 Beiträge, die mit dem Hashtag „Hallstatt“ versehen wurden (Stand 22.10.2019). Eine Touristin erzählt vor Ort, dass sie das Bild bei einer Freundin auf Facebook gesehen habe und nur deshalb einmal hierhin reisen wollte. Andere berichten von Reiseblogs. Eine junge Familie hält eine Postkarte in die Höhe. Sie wolle dieses Motiv einmal in echt sehen. Essen oder übernachten müssten sie dafür nicht hier. Nur das Foto sei wichtig.

„Ruhe bitte!“

In dem Kleinod leben rund 770 Menschen. Ein beschauliches Dorf, das vornehmlich vom Tourismus lebt: Wandern, Schwimmen, Klettern. Alles kann man von hier aus erleben. Idyll, Tradition und Natur sind die Vermarktungsargumente für Touristinnen und Touristen, die hierher auf Sommerfrische reisen. Doch mittlerweile wollen mehr Menschen diese Idylle bestaunen: 2005 gab es 49.303 Übernachtungen. 2018 waren es 140.540. 2010 kamen 52.533 PKWs, 2018 waren es 194.613, Reisebusse kamen 3440 im Jahr 2005, im letzten Jahr waren es 19.344. Die Steigerung wirkt sich radikal aufs Dorf aus. „Keine Drohnen!“, „Ruhe bitte“, „Privatgelände“: Überall im Dorf verteilt stehen Tafeln, um den nötigen Respekt einzufordern und Regeln zu erklären. Es sei eben keine Filmkulisse, meint eine Anwohnerin. Doch alle Tafeln nützen nichts: Fremde gehen wie selbstverständlich auf private Grundstücke, lassen sich vor fulminanten Blumenbeeten fotografieren und posieren neben einem selbstgebauten Vogelhaus.

Die zwei Seiten einer Medaille

Das Dorf profitiert von diesem Strom: Das Budget der Gemeinde beträgt 5,1 Millionen. Allein von den Toilettengebühren verbleiben 150.000 Euro pro Jahr in der Ortskasse. Dadurch können zusätzliche Anschaffungen wie ein Wohnhaus mit Arztpraxis oder ein neues Feuerwehrauto mitfinanziert werden. Dazu kommen Mieteinnahmen, Parkplatzeinnahmen und Gemeindesteuern.

Der örtliche Supermarkt hat die Preise allerdings auch an die vielen Touristen angepasst. Bürger*innen weichen deshalb auf den wöchentlichen Markt am Ortsrand aus. Hier dürfen von jedem Berufsstand jeweils nur ein(e)  Vertreter(in) Produkte anbieten, damit die Vielfalt für die Gemeinde bewahrt bleibt. Das Dorf erhebt bewusst keine Gebühren für die Stände, um nicht wieder eine Abwanderung zu erleben wie Anfang der Nuller Jahre. Allerdings ziehen manche Familien in die umliegenden Dörfer trotz familiärer Bindung an Hallstatt. Eine Großmutter aus dem Dorf erklärt, dass sie die ständigen Menschenmassen nicht mehr aushalten würde. Sie selbst könne das verstehen. „Einmal bin ich mit meiner Enkelin zu meiner Tochter ein paar hundert Meter weiter im Dorf gegangen. Dabei wurde die Kleine von Leuten am Arm weggezogen. Einfach so. Zum Glück habe ich aufgepasst.“ Sie selbst lässt aus Angst ihre Enkelin deshalb nicht mehr alleine zu ihrer Tochter gehen.

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Overtourism im österreichischen Hallstatt

Hallstatt liegt im österreichischen Salzkammergut. Rund 770 Einwohner*innen leben hier. Das Dorf besticht durch Jahrhunderte alte Gebäude und charmante Gassen direkt an einem See. Deshalb wurde es 2012 in China seitenverkehrt, aber original getreu nachgebaut. Seitdem strömen im Schnitt 13.000 Menschen pro Tag durch das Kleinod.

Ein Verkehrssystem soll die Lösung bringen

Im Jahr 2020 soll ein Busparksystem die Lösung bringen: statt 90 Busse am Tag können dann nur  maximal 54 pro Tag den kleinen Ort anfahren und müssen zweieinhalb Stunden bleiben. Damit soll die Wertschöpfung im Ort wieder erhöht werden und eine Entschleunigung entstehen. Das Projekt „Verkehrskonzept Hallstatt 2018” wurde von Bürgermeister Alexander Scheutz und einer Arbeitsgruppe von 20 Hallstätter*innen erarbeitet. „Wir brauchen Tourismus, aber nicht diesen Lauftourismus“, meint Siegrid Brader, vom „Verein Bürger für Hallstatt“.

Der Bürgermeister Hallstatts sieht dem Projekt vorsichtig optimistisch entgegen. Falls diese Regulierung nicht den gewünschten Erfolg brächte, könnten dann auch weniger Busse fahren. Auf dem Weg zum nächsten Termin jedenfalls nimmt er zwar sein Fahrrad mit, doch an Radeln ist bei den derzeitigen Menschenmassen nicht zu denken. Für den Ort wünscht er sich, dass er weiterhin funktioniert und die Menschen nicht abwandern müssen. Im schlimmsten Fall, so Scheutz, würde sich vieles über den Preis regulieren.

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