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Saša Stanišić erhält den Deutschen Buchpreis 2019. Foto: picture alliance | Andreas Arnold | dpa

Glückwunsch zum Deutschen Buchpreis
Brief an Saša

Srdjan Govedarica war mit Saša Stanišić auf der selben Schule. Beide sind 1992 als Flüchtlinge nach Heidelberg gekommen, Saša Stanišić aus Višegrad, Srdjan Govedarica aus Sarajevo. Beide teilen nicht nur schöne Erinnerungen an diese Zeit. Doch dem Autor Saša Stanišić gelingt es, diese Erinnerungen in seinen Texten so wiederzugeben, dass stets das Positive im Blick bleibt. Ein Dankesbrief.

Eine „Wutrede“ sollst du in Frankfurt gehalten haben, schreiben einige. Wie falsch das nur ist. Denn Wut kann ich bei dir nicht erkennen und Wut ist auch keine Eigenschaft, die ich mit dir verbinde. Wir sind fast gleichzeitig 1992 in Heidelberg angekommen, du aus Višegrad, ich aus Sarajevo. Ich weiß noch sehr gut, wie verloren ich mich fühlte damals als Teenager und Flüchtling in der Ausländerklasse der Internationalen Gesamtschule Heidelberg, die wir beide besucht haben. Du sprichst mir aus der Seele, wenn du in Interviews sagst, dass das eine schwierige Zeit war – ohne Sprache, ohne Freunde und ohne Gewissheit.

 

Was uns unterscheidet: Selbst, wenn ich mit derselben erzählerischen Gabe wie du gesegnet wäre – ich glaube nicht, dass ich über diese Zeit so schreiben könnte, wie du das in deinem Roman Herkunft machst. Immer das Positive im Blick und immer so, dass man ein bisschen schmunzeln muss, obwohl es um Schmerzhaftes geht – Demütigung, Scham, Verlorensein.

 

Und dann dein Blick auf Bosnien und Herzegowina – unser gemeinsames Herkunftsland. Weder in deinem „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ noch in „Herkunft“ ist Verbitterung zu spüren und schon gar keine Wut. Und wer könnte dir übelnehmen, wütend oder zumindest verbittert zu sein, nach all dem, was in deiner Heimatstadt Višegrad und in unserem Heimatland passiert ist? Wie gerne würde ich so herzerwärmend über diese offene Wunde schreiben, oder auch nur sprechen können! Ich kann das aber nicht. Du schon.

 

Dein Wille zum Positiven sei so stark, dass sich die Welt fügt, lese ich in einer Rezension über deinen Roman „Herkunft“. Und ja, das stimmt. Deine Texte wirken so. Zumindest bei mir. Sie defragmentieren gewissermaßen meine eigene Erinnerung an Krieg, Flucht und das Leben in der Fremde. Und wenn ich sie dann neu zusammensetze wird diese Erinnerung nicht schlechter.

 

In deiner Dankesrede hast du gesagt: „Ich feiere eine Literatur, die dabei aber nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will […]“. Und ich feiere Dich, weil du in Deinen Texten eine Vergangenheit, die auch die meine ist, so beschreibst, wie sie in Erinnerung bleiben sollte – ohne Spott, Verlogenheit oder Dummgelaber.

 

Und ich feiere dich, weil du den Schneid hattest, der versammelten Literaturkritik ihre Begeisterung für Peter Handke um die Ohren zu schlagen. Wer deine Worte für Wut hält, liegt falsch. Das war einfach nur die Wahrheit.

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