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Ema Merei in Novi Sad auf dem ´Trg Mladenaca´. Im Januar 1942 wurden die Menschen von dort auf einem LKW zu den Erschießungen gebracht. Foto: BR | Andrea Beer

Mein Weltkrieg dauert solange ich lebe.
Ema Merei und die „Razzia von Novi Sad“

Mein Weltkrieg dauert, solange ich lebe. Ich bin krank und gehe am Stock, aber geistig bin ich voll da. Und ich spreche weiter mutig über meine Erinnerungen.

Zeitzeugin Ema Merei. Sie setzt sich gegen die Rehabilitierung ungarischer Faschisten des Zweiten Weltkriegs ein und wird deswegen angefeindet.

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Zeitzeugin Ema Merei

Autoren: Andrea Beer, Dejan Stefanovic

Videobearbeitung: Philip Kuntschner

Ema Merei wird am 12. Januar 1934 in Sombor geboren, wo ihre Eltern eine Ledermanufaktur betreiben. Die Stadt liegt damals in der „Banschaft Donau“ im Königreich Jugoslawien. Heute die Backa, Teil der Provinz Vojvodina in Serbien. Eine gemischte Gegend, in der damals unter anderem Serben, Ungarn, Deutsche, Bunjewatzen, Roma und jüdische Bürger leben. Die Mereis sind Ungarn. Im Januar 1942 besuchen die achtjährige Ema und ihre Mutter Verwandte in Novi Sad. Nach einer Ausweiskontrolle werden sie von ungarischen Einheiten des faschistischen Horthy Regimes ins Zentrum gebracht, wo sie mit hunderten Menschen in Eiseskälte stehen müssen. Als kleines Mädchen wird Ema Merei damit Zeugin, wie Menschen auf LKW abtransportiert werden , unter anderem in Richtung Donau, wo sie erschossen werden. Eine Tante eilt schließlich mit den fehlenden Papieren herbei und besticht einen der ungarischen Gendarmen. Ema Merei und ihre Mutter können gehen. Ihr Vater Stefan Merei erweist sich als aktiver Gegner des ungarischen Regimes und hilft Mitbürgern in Not. Er übernimmt Bürgschaften für serbische und jüdische Menschen. Er wird im Dezember 1944 von Partisanen abgeholt und die Familie sieht ihn nie wieder. Wo sein Grab ist weiß Ema Merei bis heute nicht.

Die Familie Merei im Jahr 1939 in Sombor. Die Stadt gehörte damals zum Königreich Jugoslawien. Foto: Privatarchiv Ema Merei
Die Familie Merei im Jahr 1939 in Sombor. Die Stadt gehörte damals zum Königreich Jugoslawien. Foto: Privatarchiv Ema Merei

Die „Razzia von Novi Sad“ im Januar 1942

Im April 1941 überfällt Nazi-Deutschland das Königreich Jugoslawien. Auch das mit Berlin damals verbündete ungarische Horthy Regime besetzt und annektiert Teile davon, nämlich die Backa, Teil der heutigen Vojvodina. Im Januar 1942 befehlen die ungarischen Einheiten unter dem Befehl von Ferenc Feketehalmy-Czeydner in Novi Sad und Umgebung  eine Tötungsaktion, der insgesamt rund 4000 Menschen zum Opfer fallen, vor allem Serben und Juden. Den ungarischen Besatzungstruppen dienen Aktivitäten kommunistischer Partisanen in der Gegend als Vorwand.

Ungarn wollten Hitlerdeutschland etwas beweisen

„Die ungarischen Militärs wollten Hitlerdeutschland beweisen, dass sie die Region kontrollieren und in Südosteuropa genauso blutig losschlagen können, wie die deutsche Wehrmacht“, sagt Michael Portmann, Historiker und Balkanexperte an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Die Ungarn verschonen auch umliegende Dörfer nicht: Darunter Zabalj und Curug.  Der kleine Ort rund 40 Kilometer nördlich von Novi Sad wird Anfang Januar 1942 von ungarischen Einheiten umstellt. Ungarische Truppen treiben die Menschen in Schulen oder Getreidelagern zusammen und erschießen sie dort, darunter auch Kinder und alte Menschen. Die Leichen werden in den nahe gelegenen Fluss Theis geworfen. Haupttäter sind die ungarischen Militärs. Es sei schwer zu sagen, inwieweit die lokale ungarische Bevölkerung an den Tötungen beteiligt gewesen sei, so Historiker Portmann. Man könne aber davon ausgehen, dass lokale ungarische Einwohner mitmachten, beim Erstellen von Todeslisten. 1943 strengt die ungarische Regierung einen Prozess an, in dem mehrere Haupttäter zum Tode verurteilt werden, die sich dieser Strafe allerdings durch Flucht entziehen.

Wahrheit befreit uns und nur auf der Wahrheit können wir das wahre Zusammenleben aufbauen. Das ist die Botschaft an alle Völker, welche auch immer sie sind...

Aleksandar Veljic, Vorsitzender der Holocaust Gesellschaft in Uzice, Hobbyhistoriker

Die Reaktion der kommunistischen Partisanen auf die „Razzia von Novi Sad“

1944 wird die Vojvodina von der Roten Armee und den kommunistischen Partisanen eingenommen und befreit. In der Backa – und weiteren Regionen der Vojvodina – kommt es zu Vergeltungsaktionen der Partisanen und um die 4000 Ungarn werden getötet. Die meisten werden ohne Gerichtsverfahren erschossen. Die Tötungen von 1942 und 1944 erschweren das Zusammenleben nach dem Krieg. Im sozialistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien herrschen offiziell Brüderlichkeit und Einigkeit. Doch die blutigen Ereignisse 1942 und 1944 haben das Verhältnis zwischen Ungarn und Serben nachhaltig gestört und das Zusammenleben ist zunächst schwierig. Zudem herrscht keine Ursachenforschung, sondern ideologisch geprägte Geschichtsschreibung vor.

Die „Razzia von Novi Sad“ läßt Ema Merei nicht los

Als ethnische Ungarin erlebt Ema Merei 1942 die Verbrechen der faschistischen Ungarn und 1944 das Abholen ihres Vaters durch Partisanen. Nach dem Krieg kommt ihre Mutter wegen angeblicher Kollaboration ins Gefängnis. Ema Merei gilt als Kind von Volksfeinden und bekommt das im Alltag und in der Schule schmerzlich zu spüren. Sie heiratet jung und bekommt zwei Söhne. Anfang der 90er Jahre verlässt sie das zerfallende Jugoslawien Richtung Ungarn. In Serbien erreicht sie 2007 die Rehabilitierung ihres Vaters. 2015 ihre eigene. Immer wieder wandern ihre Gedanken zurück auf den Platz in Novi Sad, wo sie Zeugin des ungarischen Massakers von Novi Sad wurde. Ein ungarischer Gendarm hat sich besonders tief in ihr Gedächtnis gebrannt. Es ist der als Kriegsverbrecher gesuchte Sandor Kepiro, der 2011 in Ungarn vor Gericht gestellt wird. Wegen der „Razzia in Novi Sad“. Sie meldet sich als Zeugin bei Gericht, wird jedoch nicht angenommen Der hoch betagte Kepiro wird später aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Im Visier ungarischer Nationalisten?

Für Ema Merei ist der Fall Kepiro eine Initialzündung. Sie und ihr Sohn Tibor Zagyva kämpfen seitdem aktiv gegen die Rehabilitierung ungarischer Faschisten des Zweiten Weltkriegs, darunter Tibor Kiss. Dieser war Mitglied der freiwilligen ungarischen Paramilitärs „Turanische Jäger“ und starb vermutlich 1944. Ema Merei macht sich damit offenbar unbeliebt. In nationalistischen ungarischen Kreisen in Ungarn und Serbien, wie sie vermutet.  Zwischen 2009 und 2017 wird sie zweimal in merkwürdige Autounfälle verwickelt und verletzt. Auf einem Friedhof in Serbien wird sie angegriffen und einmal sogar gegen ihren Willen in eine Psychiatrie eingewiesen, im ungarischen Szobmathely. „Ich erzählte der Psychiaterin dort kurz, was mit meinen Eltern geschehen ist und dass mein Vater 1944 von den Partisanen abgeführt wurde. Sie schrieb alles auf. Die Psychiaterin sagte: Genau das ist ihre Krankheit, Tante Emma. Paranoia. Das bilden Sie sich ein. Von dieser Krankheit werden wir sie heilen.“  Ema Merei hat keinen Anwalt. Unterstützt von ihrem Sohn Tibor führt sie vor Gerichten in Ungarn und Serbien aber mehrere Zivil- und Strafprozesse. Dabei geht es um die Rehabilitierung von Tibor Kiss, aber auch um Prozesse, in denen sie gegen Anfeindungen und Verleumdung vorgeht, denen sie aus ihrer Sicht ausgesetzt ist. Auch die Klinik in die sie zwangseingewiesen wurde hat sie verklagt. Die 85-Jährige lebt inzwischen in Slowenien, im Exil – wie sie sagt.

Man muss wissen, was geschehen ist, sowohl damals als auch in den neueren Kriegen. Denn nur, wenn darüber gesprochen und nicht auf Rache gesonnen wird, kann eine normale Gesellschaft aufgebaut werden.

Lazar Kacanski, Mitgründer des Museums über die „Razzia“ in Curug

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